image_print

Berlin

Am 25.01.2013 fand wieder das Presseseminar des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte (FVDZ) in Berlin zum Thema „Reformbaustelle Gesundheitswesen: Wohin steuert die Krankenversicherung nach der Bundestagswahl 2013?“ statt.

Dr. Karl-Heinz Sundmacher, Bundesvorsitzender des FVDZ und Promovierter Zahnarzt mit eigener Praxis in Hockenheim, stellte in seiner Einführung die Reformbaustelle der Gesundheitsgesetzgebung unter den verschiedenen Bundesministern/innen dar, bevor er zum ersten Redner Franz Knieps, Partner bei WIESE CONSULT, überleitete.

_1359757721

Herr Knieps stellte die derzeitige Bezahlung der Ärzte in Frage. Nach seiner Auffassung sollte das System komplett neu aufgestellt werden.

Er zitierte:
„Nach Herrn Seehofer kann man mit der Gesundheitspolitik eine Wahl nicht gewinnen, sehr wohl aber jede verlieren.“

Die Zahnmedizin stellte er als befriedetes Feld vor, wo derzeit kein akuter Reformbedarf bestehe.

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde die Frage diskutiert, wohin die Krankenversicherung nach der Bundestagswahl 2013 steuert. Die Diskussion wurde von Frau Dr. Ursula Weidenfeld, Wirtschaftsjournalistin, moderiert.

Diskussion

Dr. Karl-Heinz Sundmacher sah schon eine gewisse Verantwortung seines Verbandes für die gesamte gesetzliche Krankenversicherung (GKV).
Er schloss sich der Auffassung von Herrn Lindemann in großen Teilen an. Aber die sektorale Prämie wird vom FVDZ eher bevorzugt. Weiter bemängelte er, dass der vielfach zitierte Herr Lauterbach von der SPD immer nur von einer Grundversorgung spricht. Die Bürgerversicherung sah er sehr skeptisch. Nach seiner Meinung sei das Thema Ethik heute immer wichtiger.

Für Herrn Dr. Timm Genett, Geschäftsführer vom Verband der privaten Karnkenversicherung ist
Konvergenz nur ein anderes Wort für die Bürgerversicherung. Er stellte fest, dass jeder Zugang zu Leistungen der Gesundheitsversorgung unabhängig vom Einkommen haben sollte. Weiter führte er aus, dass die PKV nicht wie die GKV agieren muss. Größtes Problem sei die Krankenversicherung der Rentner (KVDR), da diese mit 40 Mrd Euro subventioniert wird.

Herr Lars Lindemann (Mitglied des Bundestags für die FDP) konstatierte, er stehe zur Dualität der Finanzierung und er sehe keine Jagd auf die PKV, da in der GKV genügend Baustellen vorhanden seien. Derzeit sei keine Not auf der Finanzierungsseite.

_1359757750

Herr Andreas Brandhorst (Referent für Gesundheitspolitik Bündnis 90/Die Grünen) verwies auf Probleme in der Rürup Kommission. Das Thema soziale Gerechtigkeit wird nach seiner Auffassung bei der Wahl eine große Rolle spielen. Weiter sei er für eine einheitliche Prämie und er sah Modelle in anderen Ländern ähnlich wie Herr Knieps als nicht sehr geeignet an, diese 1 zu 1 nach Deutschland zu übernehmen.

Für Herrn Franz Knieps, Partner bei Wiese Consult, haben die Menschen eine große Bindung an ein soziales Ausgleichssystem und die Zahnmedizin sei ein Gebiet, wo man nicht so ohne Weiteres die Erfahrung auf andere Gebiete übertragen kann. Speziell bei der Prävention gebe es bei der Zahnmedizin große Fortschritte. Nach seiner Auffassung können Versorgungsbereiche nicht separiert werden. Weiter stellte er fest, dass man in der Krankenversicherung (KV) sicher nicht alles bezahlen kann und Blaupausen aus anderen Ländern könnten nicht 1 zu 1 zu uns übernommen werden. Zu Herrn Genett bemerkte er, dieser muss seine Verbandsinteressen wahren und wird schon Interesse an Steuerungsmöglichkeiten wie die GKV haben.

In anschließenden Fachvorträgen wurde über aktuelle zahngesundheitliche Themen referiert.

Prof. Dr. med. Thomas Hoffmann zum Thema „Vom Mundgeruch zum Herzinfarkt oder die Bedeutung der Parodontitis im Wechselspiel von oraler und allgemeiner Gesundheit“

stellte in dem ersten Fachvortrag die Frage auf, ob Erkrankungen wie eine Zahnfleischentzündung die Ursache für Herzinfarkt sein können.

Wie die Daten der IV. Deutschen Mundgesundheitsstudie repräsentativ für Deutschland ausweisen, leiden 52.7 bzw. 20.5 Prozent der 35- bis 44-Jährigen und 48 bzw. 39.8 Prozent der 65- bis 74-Jährigen an leichter bzw. fortgeschrittener Parodontitis. 

Parodontitis ist eine polybakterielle orale Infektion. Auftreten und Verlauf der Erkrankung werden durch die Wirtsreaktivität, das heißt die individuelle Reaktionslage eines jeden Men­schen, determiniert. Diese wiederum ist von so genannten Risikofaktoren und Risikoindikato­ren (Verhaltensweisen, Genetik, Erkrankungen, Alter, etc.) abhängig.

Risikfaktoren für die Parodontitis sind:
Rauchen 
Diabetes mellitus 

Als Risikoindikatoren für die Parodontitis diskutiert werden:
Osteoporose – Emotionaler Stress 
Herpes und andere Virusinfektionen – Übergewicht 
Genetik – Alter 
Geschlecht 
Soziologische und psychologische Faktoren 

Die Parodontitis weist vergleichbare Entstehungsmuster wie die Rheumatoidarthritis auf, die neue wirts- oder immunmodulierende Therapieansätze erwarten lassen.

Andererseits kann von der Parodontitis ein Risiko für Allgemeinerkrankungen ausgehen.
Die gesundheitspolitisch und –ökonomisch relevanten umfassen:
Chronisch-ischämische Herz-Kreislauferkrankungen
Diabetes mellitus 
Niedergewichtige Frühgeburten Osteoporose 
Chronisch Obstruktive Pulmonale Erkrankungen (Diseases) (COPD) 

Vorstellungen, wie diese Zusammenhänge entstehen können bzw. was deren direkte oder indirekte Nachweise umfassen:
Transportierung parodontaler Erkrankungskeime aus der Mundhöhle in die Blutbahn
während des Kauens, diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen 
Nachweis parodontaler Pathogene in atheromatösen Plaques 
Erhöhung pro-entzündlicher Eiweiße (Zytokine) (IL-1ß, TNF?, IL-6, PGE2) im Serum von Parodontitispatienten sind gleichzeitig Marker von Herz-Kreislauf- Erkrankungen 
erhöhte Bildung spezieller Eiweiße (HSP, CRP) bei Parodontitis erhöht Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen 
Erhöhung der Plasmafibrinogentiter bei Parodontitis 
Vorliegen gemeinsamer Risikofaktoren (Rauchen, Fettstoffwechsel, Alter, Genetik)

Genetische Zusammenhänge – Multigenmodell
Die bereits aufgeführte Wirtsreaktivität bei chronisch entzündlichen Erkrankungen (Parodon­titis, Diabetes mellitus, Rheumatoidarthritis, HKL) ist genetisch determiniert. Dabei scheint, wie die Untersuchungen der zurückliegenden 15 Jahre zeigen, die Parodontitis nicht eine 

Einzel-Gen sondern eine polygene Erkrankung zu sein. Das individuelle „Empfindlichkeits­profil“ ist unter Umständen durch verschiedene genetischen Variationen von entzündungs­fördernden Eiweißen (Entzündungsmediatoren) und ihren Rezeptoren, von Komponenten der angebo­renen und spezifischen Immunabwehr und Eiweißen, die in den Gewebeumbau involviert sind (Matrix-Metallo-Proteinasen, Cathepsine, Vitamin D-Rezeptor) determiniert.

Vergleichbar anderen komplexen Erkrankungen (HKL, Alzheimer, Diabetes mellitus), ist die Wirtsempfindlichkeit von verschiedenen Gen-Gen Interaktionen und Gen-Umgebungs-Fakto­ren abhängig. 

_1359757813

Privatdozentin Dr. Dr. Corinna E. Zimmermann referierte im zweiten Fachvortag zum Thema „Titan im Mund – ein Allergierisiko?“.

Die Verwendung dentaler Implantate aus Titan ist in den letzten vier Jahrzehnten zu einem etablierten Behandlungsverfahren der modernen Zahnheilkunde geworden. Die Zahl der jährlich neu eingesetzten Implantate in Deutschland und weltweit wächst stetig. Neuere wis­senschaftliche Untersuchungen bescheinigen Erfolgsraten für dentale Implantate von über 95 Prozent nach 10 Jahren. In letzter Zeit verunsichern Berichte über vermutete „Titan-Aller­gien“ Patienten wie Behandler gleichermaßen.

Während bis zu 15 Prozent der Bevölkerung auf Metalle wie Nickel, Kobalt, Chrom und an­dere Metalle sensibilisiert sind und kutane Sensibilisierungsraten bei Patienten mit künst­lichen Knie- oder Hüftgelenken zwischen 25 und 43 Prozent liegen, sind Überempfindlich­keitsreaktionen auf Implantatmaterialien wie sie in der Orthopädie, Kardiologie und anderen Disziplinen verwen­det werden selten. Bei Prothesenlockerung aufgrund von nachgewiesener Überempfindlich­keitsreaktion auf Legierungsbestandteile werden orthopädische Prothesen in der Regel durch Prothesen aus Titan ersetzt, da Titan biokompatibel und korrosionsbestän­dig und nicht anti­gen wirksam ist. Allergien auf Titan konnten bis dato nicht eindeutig nach­gewiesen werden. Im zahnmedizinischen Bereich gibt es bislang nur Kasuistiken über ver­mutete „Titanaller­gien“. Eine Titansensibilisierung könnte zwar eine Ursache für den Verlust dentaler Implan­tate darstellen, jedoch gibt es bislang keine Daten, die diese These stützen.

Der Vortrag gab eine Übersicht über die unterschiedlichen Überempfindlichkeitsreaktionen, die zur Verfügung stehenden Testverfahren und den aktuellen Kenntnisstand zum Thema „Titan-Allergie“. 

Dr. Karl-Heinz Sundmacher schloss das Seminar mit den Worten, dass eine Bürgerversicherung keine Lösung aus seiner Sicht sei und die GKV stark verbesserungsbedürftig sei.

Hintergrund:

Der Freie Verband…
… ist der größte unabhängige zahnärztliche Berufsverband in Deutschland. Neben seinem Engagement auf berufspolitischer Ebene steht der Verband seinen Mitgliedern mit Rat und Tat in allen Angelegenheiten rund um die Praxis zur Seite. 

Ziele des Freien Verbandes
„Das Ziel des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte ist die Sicherstellung der freien Ausübung des zahnärztlichen Berufes zum Wohle der Patienten. Nur ein unabhängiger und von Bevormundung freier Zahnarzt kann seinen beruflichen und ethischen Verpflichtungen voll gerecht werden.“ Aus: Satzung des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte (FVDZ).

Seit seiner Gründung im Jahre 1955 vertritt der Freie Verband auf Bundes- und Landesebene gegenüber Politikern und Parlament konsequent eine freiheitliche Gesundheitspolitik. Der Freie Verband hat hierfür praxistaugliche und finanzierbare Konzepte erarbeitet. 

Der FVDZ plädiert für ein System der Kostenerstattung mit befundorientierten Festzuschüssen. Dies führt zu mehr Eigenverantwortung, Transparenz und Wettbewerb und stellt eine adäquate Versorgung der Bevölkerung auf hohem Niveau sicher. Der Freie Verband setzt sich für die solidarische Finanzierung eines Kernbereichs der Zahnmedizin ein, nämlich die Untersuchung, Prävention und Therapie bei Kindern und Jugendlichen sowie die Behandlung der Folgen von Trauma, Tumor und genetisch bedingten Erkrankungen. Die Inanspruchnahme aller anderen Leistungen sollte in die Eigenverantwortung des Patienten übergeben werden.

Berufspolitische Interessenvertretung
Der Freie Verband sieht seine Aufgabe darin, alternative Handlungsoptionen für Zahnärzte für ein zukunftsfähiges Gesundheitswesen zu entwickeln. Er engagiert sich für zahnärztliche Therapiefreiheit, Offenheit moderner zahnärztlicher Methoden für alle Patienten, Prophylaxeförderung, mehr Eigenverantwortung für Patienten und Zahnärzte sowie eine solide Finanzierung der Zahnheilkunde. 

Wissenschaftlich-fachliche Interessenvertretung
Der Freie Verband fördert die wissenschaftlich-fachliche Kompetenz seiner Mitglieder, indem er umfangreiche zahnmedizinische Fortbildungsangebote zur Verfügung stellt, die den neuesten wissenschaftlichen Stand widerspiegeln.

Unternehmerisch-wirtschaftliche Interessenvertretung
Freiberuflich tätige Zahnärzte müssen zur langfristigen Sicherung ihrer Existenz zunehmend unternehmerisch-wirtschaftlichen Anforderungen gerecht werden. Aus diesem Grund möchte der Freie Verband die unternehmerisch-wirtschaftliche Kompetenz seiner Mitglieder stärken. Das auf dieses Ziel gerichtete Angebot des Freien Verbandes umfasst sowohl vielseitige Angebote der ”praxis management – akademie“ als auch vielfältige kostenlose Beratungsleistungen für Verbandsmitglieder.

Text und Fotos:

Matthias Dikert und Günter Dräger