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26.4.2015, Maritim Hotel Berlin

Sonntag, der 26. April, das Wetter ist pünktlich zur kulinarischen Preisverleihung durchwachsen. Ein wenig lacht die Sonne, dann wieder Regentropfen. Gutes Wetter, um gepflegt den Abend im Maritim zu verbringen.
Um 17 Uhr gibt es den Champagner-Empfang mit Amuse Bouche vom Hauskoch André Walker: Bouillabaisse, Kürbis an Vanille sowie eine Stopfleber-Kreation. Apropos Leber: die wird mit einem Bollinger schon einmal auf den Abend eingestimmt. Gute Wahl, da der Champagner recht rund daherkommt. 
Der Jott, ein Müller-Thurgau, vom ersten Gang kann das nicht halten. Roel Lintermans vom Waldorf hat für den 7-Gänge-Auftakt Kaninchen gewählt: Rillette mit Pampelmusen-Mousse, Coco-Bohnenpüree und Gelee aus Bouillon Venise. Zwischen Rilette und Bohnenpüree eine Trennschicht aus Grünem, sowie ein paar zusätzliche Filetstückchen. Vor allem das Püree mit seinem frischen Geschmack weiß hier zu begeistern. 

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Roel: „Hauptinspiration für uns ist Paris.“ Das ist jedenfalls die Devise seines Chefs. „Die Gäste sind das, worum sich alles dreht. Die Tester sind Belohnung“, drückt sich Roel diplomatisch aus, als Moderator Andreas Dietz nach dem Verhältnis zu den großen Gourmet-Bibeln fragt.
Anschließend weist Andreas Dietz darauf hin, daß „der Große Gourmet Preis kein Wettkochen ist“. Klar, wie will man die Vorspeise mit dem Hauptgericht oder dem Dessert vergleichen. 
Frau Anja Schröder vom Planet Wein in Berlin hat die Weine zur Begleitung ausgesucht: „Wir werden heute nur deutsche Weine trinken. Meine erste Station war der Brandenburger Hof, damit hatte ich auch den Einstieg in deutsche Weine. Wir müssen uns nicht verstecken. Wir haben Vielfalt und international mit unseren Weinen einen enormen Mehrwert. Dies sollten wir selbst langsam zu schätzen lernen.“ Kernige Aussage und das, was ich persönlich schon immer geschmacklich wußte. 
Der Wein für den zweiten Gang, eine Bassgeige, Weißburgunder, bestätigt dies. Die lauwarme Krustentierroyal an Beelitzer Spargel mit Yuzu und Königskrabbe ist definitiv schon ein Höhepunkt, obwohl die Krabbe in der Komposition nicht unbedingt sein müßte – jedenfalls für mich. Dafür könnte ich mehr Spargel samt Yuzu vertragen und auch die Royal setzt Akzente. Der dafür zuständige Chefkoch Alexander Dressel ist die brandenburgische Vertretung, obwohl gebürtiger Berliner. Dafür sind von der Berliner Vertretung die meisten nicht gebürtige.

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Nun kommt eine vegetarische Version: Aubergine mit Getreide und Gewürzen. Das Getreide ist geröstet oder gepufft und dann geröstet. Hmm, mehr davon! Michael Kempf ist der Aufsteiger der Gastro-Szene. Mittlerweile die Nummer zwei in Berlin. „Wir wollen Spannung erzeugen, das Gericht ist mutig gewürzt.“ Er kommt mit seinem kompletten Team auf die Bühne. „Ich habe neun Jahre lang ein Team aufgebaut. Mein Aufstieg ist geplant.“ Moderator Dietz nennt ihn „jung und modern“. Meinetwegen. Selbstsicher, keine Zweifel, ein Koch mit Mannschaft, der überzeugt ist. Wir waren es auch. 1A! Der begleitende Mosel-Riesling war es ebenfalls. Weingut Othegraven, 2013. Jederzeit wieder.
Michael Kempf: „Wir wollen den Gast verzaubern, egal ob Fleisch, Fisch oder Gemüse. Wenn der Gast am Ende des Menüs ankommt und sagt, ,der vegetarische Gang war der beste‘, ist das natürlich super.“
Nun mischt sich der Gast ein. Nee, nicht der am Tisch, wie unsereiner. Tradition beim „kollegialen Treffen“ der Berliner Spitzenköche ist ein Gastkoch. Diesmal Lutz Niemann von der Orangerie aus dem Seehotel Timmendorfer Strand – für uns ein alter Bekannter. Kabeljau auf Frühlingslauch in Austern-Sellerie Duxelles. Der Sauvignon Blanc Fume ist okay, wie die Kreation (Lauch mag ich nicht). Lutz Niemann zu seiner Gastrolle: „Man muß sich heute präsentieren. À la Carte reicht schon lange nicht mehr. Und natürlich ist es spannend, andere Köche zu treffen. Außer Christian Lohse kannte ich hier niemanden. Es war sehr spannend mit den ganzen Köchen.“ 

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Danach der nächste Höhepunkt: Sonja Frühsammer, Berlins einzige Sterneköchin, sorgt mit Heilbutt an Erdnußsauce mit Pak Choi für helle Aufregung. Frau Frühsammer: „Wir wollen gute Produkte spannend auf den Teller bringen.“ Volltreffer! Ihr Mann ist für die wirtschaftliche Seite des Restaurants zuständig, sie hat früher schon in der Familie gekocht. Die Verteilung ist somit gerechtfertigt. Von der „Kochmami“ zur Sterneköchin. Der amerikanische Traum aus Berlin.
Vor dem Hauptgang jetzt Abtanzen. Die Rock ‘n’ Roll-Coverband Rockhouse Brothers heizt ein. Vorschußlorbeeren vom Veranstalter. Doch das Trio zeigt locker, wo der Hammer hängt. Gute Show, gute Präsentation. Nach der Preisverleihung folgt ein zweites Set, zum Kalorien-Verlieren. 
Nun kommt der Terminator auf den Tisch. Hendrik Otto ist nun schon seit Jahren die unangefochtene Nummer eins in Berlin. Der Adlon-Chefkoch versucht sich an einer Mischung aus Adlon-Karte und spezieller Festkreation. Gelungen! Der geschmorte Kalbsbug mit Wurzelgemüse, Spitzkohl, Gremolata und Sauerrahm ist … interessant. Der Geschmack dank der Gremolata ungewöhnlich, gute Würzung. Der Bug noch bißfest, kurz vor dem Kippen zum Zerfall, und selbst der Spitzkohl – nicht gerade mein Liebling – kommt rund. Dazu gibt es einen roten Freinsheimer Spätburgunder aus der Pfalz. Ausgewogen. 
Gespannt fiebern wir nun dem Dessert entgegen. Christian Lohse vom Regent zeichnet dafür verantwortlich. Die 2007er Spätlese vom Riesling-Mosel „Sonnenuhr“ läßt das Adrenalin bei mir ganz nach oben schnellen. Das ist ein Tropfen! Und dann kommt Cheesecake nach Berliner Art mit Karamelleis und knusprigem Sandboden. Ich hätte gerne noch eins, nee, lieber zwei! Normalerweise fällt bei mir Nachtisch aus. Hier wäre die Gelegenheit zur Wiedergutmachung. 

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Christian Lohse zeigt sich ein wenig irritiert über die Medien: „Als ich vor rund 15 Jahren nach Berlin kam, waren mehr Foodjournalisten bei solchen Veranstaltungen anwesend. Heute sind sie übersättigt. Aber es geht hier doch um Berlin als kulinarische Hauptstadt.“ 
Der ewige Junkie, immer auf der Suche nach dem nächsten, noch höheren High. Lutz Niemann hat dem ja schon immer abgeschworen: „Molekularküche war für mich noch nie ein Thema.“ Gab es heute auch nicht. Produkte, die für sich stehen, kreativ verarbeitet. Aber nicht zerlegt und neu zusammengesetzt. 
Zum Abschluß wurden die Preise verliehen. Hendrik Otto vom Adlon hat seine führende Stellung behauptet. Und sehr lobenswert, daß im Blitzlichtgewitter der Starköche das Service-Team des Maritims auch auf die Bühne darf. Normalerweise werden die ja als gegeben hingenommen, Servierroboter eben. Aber auch hier: zackige Performance, eingeübte Präsentationen. Wer will schon lieblos die Haute Cuisine auf den Tisch geknallt bekommen?

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Da freut man sich doch auf den nächsten Preis im Jahre 2016. Sehen wir uns?

Die Köche:
André Walker, Maritim Hotel Berlin
Roel Lintermans, Les Solistes by Pierre Gagnaire Waldorf Astoria Berlin
Alexander Dressel, Bayrisches Haus Potsdam
Michael Kempf, Facil Berlin
Lutz Niemann, Orangerie Maritim Seehotel Timmendorfer Strand
Sonja Frühsammer, Frühsammers Restaurant Berlin 
Hendrik Otto, Lorenz Adlon Esszimmer Berlin 
Christian Lohse, Fischers Fritz Hotel Regent Berlin 

Text:
Otger Jeske

Fotos:
Monika Hackert