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Bismarck hielt 1849 in Brandenburg an der Havel Wahlkampf für die National­versammlung. Er wohnte bei einem Verwandten im Gefängnis. Nein, nicht als Zellengast, sein Verwandter war Direktor. Schräg gegenüber vom Gefängnis befand sich ein gerade einmal fünf Jahre altes Restaurant, welchem Bismarck oft seine Aufwartung machte. Er war als Gourmet bekannt.
Zu DDR-Zeiten Restaurant, Saal und Sitz der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, ist es nach der Wende nicht im Sog der Zeit verschwunden. Nachdem die Bismarck-Enkel schon 1990 den Ort der Geschichte besuchten, war das neue Konzept gefunden: Bismarck Terrassen mit typischen preußischen und havelländischen Spezialitäten. Originalrezepte mit einheimischen Zutaten aus Bioproduktion. Heutzutage auch laktose- und glutenfrei sowie koschere Getränke. Der Wirt bedauert jedoch, daß der Bauer nicht so viel liefern kann, wie teilweise benötigt wird. So wird Nachhaltigkeit zur Probe.
Der Wirt ist kauzig und mindestens solch ein Original wie Fritze Bollmann, weithin berühmte Brandenburger Figur. Er präsentiert sich seinen Gästen gerne in dessen Verkleidung, oder eben auch als Bismarck. Der Wirt begrüßt, reißt Possen und reagiert flexibel auf alle Wünsche. Nichts erscheint ihm als zu dubios. Nur eine Bitte hat er: je ungewöhnlicher, desto mehr Zeit benötigt er, und rechtzeitig buchen und Bescheid geben erleichtert vieles. Dabei sieht er gluten- und laktosefrei nicht als ungewöhnlich an. Im Bereich des Marienberges befinden sich Heileinrichtungen, und die Menschen dort leiden an allem möglichen und müssen alles mögliche meiden. Er hat also Erfahrung, Toleranz und weiß aus eigener Erfahrung um Notwendigkeiten.

Wir genießen hier einen sehr kurzweiligen Aufenthalt, testen normale Küche und sein Spontanvermögen: Er überrascht mit einer Kreation aus überbackenem Blumenkohl an Salat, garniert mit Pfifferlingen und Rührei. Die Portionen sind großzügig, keine französische Variante, bei der man Lupen braucht, um das Essen zu erkennen. Bismarck hätte bei dem Gedanken wohl getobt und diesen Wirt gelobt. Nicht umsonst trägt das Restaurant nun seinen Namen. Obwohl sich der Besucher an den Kult um die Person gewöhnen muß. Überall hängen Devotionalien und es läuft Musik: Brandenburger Lieder. Mein Vater hätte sich mit seinem Chor hier sehr wohlgefühlt. 2004 erhielt das Restaurant sogar einen Preis.
Ehrlich muß ich gestehen, wir waren vor dem Besuch skeptisch – nach dem Besuch jedoch begeistert. Können wir nur empfehlen.

Ab Herbst 2016 leider geschlossen – für immer. Der Eigner ist in den wohlverdienten Ruhestand gegangen und hat wohl keinen Nachfolger gefunden.

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Bericht:
Otger Jeske

Fotos:
Monika Hackert