München abseits touristischer Massen

München ist Touristenhochburg, die Ziele sind fast immer die selben: Frauenkirche, Hofbräuhaus, Viktualienmarkt, Stachus … Dabei hat München mehr zu bieten. Nicht weit draußen, direkt neben den Pflicht-Sehenswürdigkeiten.

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Der Hauptbahnhof liegt außerhalb der alten Stadt. Diese war mit Mauern umgeben, die heute die Ringe bilden. Im 19.Jahrhundert sind die Vorstädte entstanden, teilweise planmäßig, teilweise waren sie durch ältere Bebauungen gewachsen. Und so heißen in München die Viertel neben dem Zentrum auch heute noch Vorstädte, obwohl sie genauer genommen das heutige München sind.

Ein städtebildliches Disaster bildet der Hauptbahnhof. Das alte prächtige Gebäude ist im Krieg zerstört worden, der fällige Neubau schnell umgesetzt und hochgezogen worden. Schon seit Jahren gibt es Diskussionen und die Meinung scheint einhellig auf Neugestaltung zu liegen. Wegen Geldmangels sind jedoch sämtliche Pläne immer wieder verschoben worden. Die Bahnhofsumgebung wirkt auch heute wie eh und je eher heruntergekommen. Doch so einfach ist es nicht mehr. Arabische Touristen bzw. Klinikgäste vereinnahmen die Gegend, wegen der vielen kleinen Restaurants, die Essen ihrer Heimat anbieten. Und diese Klientel zieht andere Geschäfte nach sich, die exquisit genannt werden können. Dennoch bleibt es auch ein Paradies für Schnäppchen-Jäger. Einheimische Technikfreaks kaufen billiger dort als im Internet. Wir reden von der Ludwigs-Vorstadt. 

Unser Hotel, das Maritim, liegt in einem ruhigen Innenhof in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. Ideale Ausgangsbasis sowohl für das touristische Muss als auch für unsere touristische Alternativ-Route. Diese beschreiten wir mit Hilfe einer Fremdenführerin, die uns die weniger bekannten Seiten Münchens vorstellt. Die Goethestrasse weg vom Bahnhof runterlaufen, Pettenkofer links rein und wir befinden uns im Klinikviertel. Hier verirren sich kaum Touristen hin. Ursprünglich stand hier das Elisabethanerinnen-Spital, die für Frauen zuständig waren. Im 19. Jahrhundert ist das Klinikviertel geplant und per Reißbrett konstruiert worden. Nach der Säkularisation wurde das Spital mit Klosteranlage abgerissen, das einzige erhaltene Originalgebäude ist die Kirche. Innen bemerkt man auch, dass die angrenzenden Gebäude später rangeklatscht wurden und nicht in die ursprüngliche Planung des Kirchenbaus gepaßt haben konnten.

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Übrigens ist Pettenkofer ein durchaus idealer Name für eine Straße im Klinikviertel. Er hat im 19. Jahrhundert einen Zusammenhang von Cholera-Epidemieen mit der Wasserversorgung erkannt. Erkrankt sind bei Epidemien immer die, die an öffentliche Brunnen Wasser holen mussten, während diejenigen mit Privatbrunnen oftmals nicht betroffen waren. Grund, die Münchner Wasserversorgung auf völlig neue Beine zu stellen. Wasserleitungen von außerhalb, Kanalisation und das Problem war verschwunden. Das Wasser kommt noch heute aus dem Alpenvorland und besitzt eine hervorragende Qualität, die besser ist, als viele Mineralwässer.
In der Gegend sind auch Teile der Münchner Uni zu finden. Ursprünglich war die Universität in Ingolstadt. Das war Tradition. Im 19. Jahrhundert wurde sie dann nach München verlegt. 
Die Pettenkoferstrasse führt auf das Sendlinger Tor, das alte südliche Tor der Altstadt. Ein Stück der alten Mauer ist hier noch erhalten. Der berühmte Christkindlmarkt findet hier statt. Auf der Seite, die der ehemaligen Stadt vorgelagert war, findet sich heute die Matthäuskirche. Es ist ein Bau aus den 50ern, der sogar recht ansehnlich gelungen ist. Die ursprünglich neo-klassizistische Kirche ist 1938 abgerissen worden, weil Hitler große Pläne für München hatte. Verwunderlich, wie die evangelische Kirche in den Ultra-Hort des Katholizismus eingedrungen ist. Die Frau von Max Joseph I hatte sich im Ehevertrag die Ausübung ihres evangelischen Glaubens zusichern lassen. Das war die Keimzelle einer Gemeinde. Der erste evangelische Gottesdienst fand 1799 statt, 1801 erhielt der erste Protestant das Bürgerrecht. 
Hier teilt die Lindwurmstrasse die Ludwig-Vorstadt zur Isarvorstadt ab. Während die Ludwigvorstadt eine derjenigen ist, die am Reißbrett entstanden sind, war die Isarvorstadt traditionell gewachsen. Viele kleine Flüsse hatten Mühlen angezogen und die Flösser hatten ihre Landeplätze. Demzufolge war die Gegend verrufen und berüchtigt. Mit der Errichtung der Isarvorstadt wurden viele Kanäle zugeschüttet und überbaut. Das Argument war, Kriminalverbrechen die Grundlage zu entziehen, da man im Wasser Tatwerkzeug und Opfer verbergen konnte. Später versuchte man, alte Kanäle wieder herzustellen, stieß jedoch an Grenzen der Machbarkeit. Das Argument nun: Stadtklima, Erholung etc. Das Viertel heißt Glockenbach, doch der Fluss dieses Namens ist einer derjenigen, die es nicht mehr gibt. Es war der zweitgrößte nach der Isar. Er hatte seinen Namen von einer Glockengießerei an seinem Ufer. Heute schlängelt sich der Wester Mühlbach noch auf einem Stück. Andere Bäche sind in den Untergrund verlegt worden. Der Bach hat heute auch nur ¼ seiner ursprünglichen Breite und ein kleiner Grünstreifen sorgt für idyllische Momente.
Heute ist das Glockenbachviertel ein Zentrum der Schwulen- und Lesben-Szene. Ursprünglich eine arme Leute Gegend, siedelten sich Künstler und Studenten an. Die Gegend wurde Alternativ. Man findet heute nicht nur viele Restaurants und Bioläden sondern ebenso Galerien und andere Geschäfte aus Kunst und Mode. Wer nicht dem Mainstream verfallen ist und der immerwährenden Gleichschalterei der großen Ketten verfallen, sollte sich hier umsehen.
Einmal im Jahr gibt es auch einen „Flohmarkt“-Tag. Der ist aber nicht überall gleich, so daß großangelegte „wilde“ Viertel-Flohmärkte eigentlich über das ganze Jahr verteilt stattfinden. Als wir dort waren, war es gerade im Glockenbachviertel soweit. Auf jedem Platz, teilweise in den Straßen und vor allem den Höfen und Hauseingängen stehen dann die Anwohner und bieten ihre Flohmarkt-Ware an. Ein völlig anderes Flohmarkt-Erlebnis.
Der Prachtbau Colosseum hat den Krieg sogar überlebt, wurde jedoch 1961 abgerissen. Man betrachtete es als nicht mehr schön. Ersetzt wurde er durch einen hässlichen Bunkerbau mit gleichem Namen. Aber das Problem der geschmacklichen Verirrung einiger Teile der Verantwortlichen nach dem Krieg hatten wir ja schon beim Bahnhof. Das alte Gebäude der Mühle ist heutzutage Kunstzentrum. Ein Tipp in anderen Kunstdingen ist das Frauenhofer Bräu, die eine Kleinkunstbühne haben, bei der viele erfolgreiche Comedians ihre ersten Schritte getan haben. Um die Ecke in die Klenzstrasse und weiter zum Gärtnerplatz. Hier steht das ehemalige Volkstheater. Als es seinerzeit pleite ging, wurde es von Köig Ludwig mit einem Griff in seine Privatschatulle gerettet. An dem Theater hängt auch eine Arm-Reich-Version von „Romeo und Julia“, hier mit Happy End.
In der Isarvorstadt findet sich ebenfalls der südliche Friedhof. Ursprünglich war es ein Pestfeld. Die Pesttoten wurden vor der Stadt vergraben. Später fanden vor allem auch arme Leute hier eine Ruhestätte. Mit der Eingemeindung kam das Bürgertum auf den Friedhof, auf dem bis 1944 bestattet wurde. Heute ist es vor allem ein Ort der Ruhe und lädt als durchaus lohnendes Ausflugsziel zum Spaziergang ein. Der alte Baumbestand sorgt für Schatten und man kann hier die Gräber der ein oder anderen Münchner Berühmtheit finden, so die Familie Pschorr (Brauerei) und das Grab von Pettenkofer.

Apropos Brauerei. Ursprünglich gab es in München über 60 Brauereien im 19. Jahrhundert. Davon sind heute noch ganze sechs übrig. Die Komplette Geschichte ist im Bier- und Oktoberfestmuseum erfahrbar.

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Untergebracht im ältesten noch existierenden Gebäude Münchens werden hier zwei Geschichten erzählt, die eng miteinander verknüpft sind: die des Bieres und die des Oktobefestes. Nach dem großen Stadtbrand ist dieses Haus im Jahre 1327 errichtet worden. Jahrhundertelang als Wohnhaus mit 12 Einheiten genutzt, kann das Museum nur sehr vage wiedergeben, wie früher hier gelebt wurde. Nachvollziehbar ist die Enge. Vor dem Einzug des Museums ist es aufwendig saniert worden und steht heute unter Denkmalschutz. Natürlich gibt es dort auch Brotzeit und Bierverkostung …
Hier kann man erfahren, dass das Radler 1922 entstanden ist: Rund 100 Radler absolvierten eine Ausfahrt und kamen bei einem Biergarten an. Der Wirt hatte allerdings nicht mehr genügend Bier für so eine große Gruppe. Allerdings wollte er sich das Geschäft auch nicht entgehen lassen, weswegen er kurzerhand Bier mit Brause panschte. Eine andere Geschichte steht hinter der Russn-Maß, welches die Weißbier-Mixversion ist. Zu Zeiten der Räte-Republik nach dem ersten Weltkrieg hatten die kommunistischen Revoluzzer das Sagen. Deren Führungsverantwortliche befürchteten jedoch, dass ihre Untergebenen zu viel trinken könnten und verlängerten daraufhin das Weißbier. Auch zum Keferloher, dem typischen Steingutkrug, gibt es eine Geschichte. Angeblich aus hygienischen Gründen, sind auf dem Oktoberfest Glasversionen eingeführt worden. Der salzgebrannte Steinkrug hat den Vorteil, das Bier länger kühl und frisch bleibt. Die Wahrheit ist vielleicht aber eine andere. Es ging zumeist sehr zünftig zu und Randale waren in früheren Jahren an der Tagesordnung. Ein dünnwandiger Glaskrug eignet sich nicht sonderlich, um seinem Gegner den Schädel einzuschlagen. Er zerplatzt am Kopf, der Inhalt ergießt sich über den Getroffenen und vielleicht hat er noch die ein oder andere kleine Schnittwunde. Bei der Benutzung von Tonkrügen gingen die Getroffenen regelmäßig zu Boden, mit teilweise klaffenden Schädelwunden. Noch heute ist überwiegend die Glasversion im Einsatz. Allerdings nicht mehr so dünnwandig. Der heutige Glas-Maßkrug ist als Waffe genauso gefährlich wie der Tonkrug.
Die Theresienwiese, Ort des Oktoberfestes, befindet sich neben der Ludwig-Vorstadt. Durch das Sendlinger Tor kam man dorthin. Die Wiese war also „draußen“, außerhalb Münchens. Nach der Eingemeindung hat sich im Münchner Sprachgebrauch dieses Rausgehen gehalten. Und so heißt es auch heute immer noch: „Wir gehen naus auf die Wiesn.“ Auch wenn der Münchner aufgrund Wohnlage in die Stadt reinfahren muss.

Der für München so typische Biergarten wurde 1812 „erfunden“. Die Brauer mussten sehen, wie sie das Bier kühl lagerten. Also wurden unterirdische Keller angelegt und Bäume oben drauf gepflanzt, damit zusätzlich die Oberfläche im Schatten lag. Am geeignetsten erwiesen sich Kastanien. Irgendwann dachte sich jemand: „Ohh, sieht toll aus, kann man doch auch gleich hier Bier ausschenken“. Das fanden die Wirte natürlich nicht so lustig und der Biergarten landete vor Gericht. Der Ausschank in kleinen Mengen und der Verzehr vor Ort wurden verboten. Es hielt sich aber niemand daran. Schließlich fällte König Max in besagtem Jahr ein salomonisches Urteil: Der Ausschank ist in den Sommermonaten erlaubt. Zum Bier darf Brot gereicht werden, mehr nicht. Also kam die Tradition auf, dass Besucher ihr Essen selber mitbrachten. Und noch heute hat ein klassischer Biergarten seinen Bereich, wo der Gast sein mitgebrachtes Essen zum Bier verzehren kann. Ein typischer Vertreter der Biergärten ist das Augustiner-Bräu.

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Südlich im Schnittbereich von Wiesn und südlichem Friedhof gab es das Schlachthof-Viertel. Es war kein Spaß, in unmittelbarer Nähe zu wohnen. Heutzutage ist Industrie und Handel angesiedelt. Hier findet sich auch das „FrischeParadies“, ein Schlemmer- und Gourmetmarkt, der ursprünglich ausschließlich die Münchener Gastronomie belieferte.

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Seit zwei, drei Jahren können jedoch alle dort einkaufen. Voraussetzung ist, das man auf Qualität achten möchte. Denn eins ist das Geschäft nicht: billig. Alexander Reiter, Küchenchef Maritim München: Super Zutaten mit denen man Super-Gerichte kochen kann.“
Eine Lebend-Abteilung für Schalentiere gibt es nicht mehr. Der Grund sind die strengen Tierschutzauflagen. Ein Tipp bekommt man noch mit auf den Weg, wenn man jemals im Leben in die Verlegenheit kommt, lebende Krustentiere zu verarbeiten: In Eisfach legen. Die Tiere schalten um auf „Not-System“, was einer Art Schockstarre gleichkommt. Damit überstehen sie in der freien Natur Kälteperioden. Wenn man die Tiere nun ins kochend-sprudelnde Wasser gibt, sind sie schnell abgetötet, ohne die Schmerzen zu merken, weil sie ihren Organismus eben auf absolute Sparflamme heruntergeschaltet haben. 
In München ist das FrischeParadies der Händler mit der größten Weinauswahl: rund 2.000 Sorten sind auf Lager. Auch die Käsetheke ist die längste in München. Ein weiterer Schwerpunkt ist Fleisch. Wer etwas nicht findet, sollte fragen, denn bei besonderen Wünschen bemüht man sich, dem Kunden zu helfen und zu organisieren. Wer bei all dem Schauen Appetit kriegt, es gibt noch ein kleines Restaurant, mit Erfrischungen und einer Kleinigkeit zu essen. 
Wer es lieber frisch und grün mag, geht quer die Straße rüber zum großen Gemüsemarkt. 

Und manchen Leuten gefällt es in München so sehr, dass sie gleich für immer da bleiben.


Weitere Informationen bei:

Touristinformation München
Sendlinger Str. 1
80331 München
Telefon: 089 – 23396500
Telefax: 089 – 23330233

Maritim Hotel München
Goethestraße 7
80336 München
Telefon: +49 (0) 89 55235-0
Fax: +49 (0) 89 55235-900
E-Mail: info.mun@maritim.de


Text:
Otger Jeske