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Deutsche Bahn

Viele Organisationen und Menschen aus der grünen Ecke betonen seit Jahren, dass die Schiene das umweltfreundlichste Verkehrsmittel ist. Seit Jahren sinkt der CO2-Ausstoß der Bahn. Das liegt am Ausbau der Elektrifizierung des Streckennetzes. Loks mit fossilen Brennantrieben sind seit „Urzeiten“ nicht mehr in Betrieb gesetzt worden. Die alten Dinosaurier sind jedoch noch nicht ausgestorben: Dieselloks sind nach wie vor im Einsatz. Ihre Dienste werden aber immer weniger benötigt. Letztlich sind es betriebswirtschaftliche Überlegungen, auf einer Strecke ein vorhandenes Dieselaggregat einzusetzen oder eine elektrische Variante erst beschaffen zu müssen. Und so fristet das alte Arbeitstier in der Nische und wartet darauf, endgültig musealen Charakter zu bekommen. Noch gibt es auf rund 10% der Strecken keinen Fahrdraht.
Das Flugzeug stößt heute etwas über 200 Gramm je Personenkilometer an CO2 aus. Ein herkömmlicher PKW knapp 140. Die Bahn ist mit derzeit knapp über 40 Gramm jedoch schlechter gestellt als der Reisebus mit 30. Und damit ist die Bahn eben nicht das umweltfreundlichste Verkehrsmittel. Genau da will die Bahn jedoch hin. Die Vision für die nächsten Jahre liegt bei 14 Gramm und soll im Jahre 2050 bei 0 angelangt sein. Da zwischen 80 und 90% der verbrauchten Energie der Bahn auf die Schiene entfallen, wurde zuerst hier angesetzt. Die stationären Anlagen werden erst zu einem späteren Zeitpunkt betrachtet. 2009 wurden CO2-freie Geschäftsreisen eingeführt. Seitdem setzen immer mehr Unternehmen auf diese Variante. Und 2012 wurde die Bahncard 25 mit einem „grünen“ Aufpreis angeboten. Das Versprechen lautete: 100% grüner Strom. Der Erfolg war unerwartet hoch. 13% der verkauften Bahncards gingen in der grünen Variante weg. Seit 1.4.2013 werden alle Fahrten mit Bahncard, Monatskarten und aus dem Firmenprogramm automatisch mit Ökostrom abgewickelt. Das sind immerhin 75% des gesamten Fernverkehrs. Den zusätzlichen Einkauf von entsprechenden Kapazitäten hat sich die Bahn einen zweistelligen Millionenbetrag kosten lassen.

Der Bahnstrommix
Die heute so bezeichnete Ökostrom-Variante ist nicht neu. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts gab es die erste Variante in Bayern. Damals wurde Wasserkraft für elektrische Antriebe benutzt. Und dieses Modell wurde dann zum Kern aller Eisenbahngesellschaften, die neben Kohle auch elektrische Energie einsetzten. Später ersetzte Diesel die Kohle, doch letztere verschwand nicht aus der Bilanz. Der heutige Mix sieht wie folgt aus:
24 % erneuerbare Energie
20 % Kernenergie
46 % Kohle (Braun + Stein)
8 % Gas
Wasser wird die Nummer eins dort bleiben, wo viel Wasser vorhanden ist. Wo dies nicht der Fall ist, wird Wind übernehmen. Zusammen stellt sich die Bahn damit eine fast komplette Abdeckung der benötigten Energie vor. Die Spitzen sind heutzutage noch heikel, werden in der Zukunft aber kein Problem darstellen. 
Die Bahn gehört zu den Einspeisern von Photovaltaik. Und man prüft ständig, was noch genutzt werden kann: z.B. Schallschutzmauern. Diese müssen aber in einem günstigen Sonnenstand liegen, was naturgemäß nicht alle Strecken vorweisen. Und man müsste sie höher bauen, was nur gut für die Anwohner wäre. Die Zugdächer wurden auch schon geprüft. Ergebnis: nicht sinnvoll und so geht der Blick in andere Richtungen. Der so gewonnene Strom wird jedoch nicht von der Bahn direkt verwendet, er geht ins öffentliche Netz.

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Immer mehr entwickelte sich dabei Brandenburg zu einem „grünen Zentrum“ der Bahn. In Wittenberge wurde auf einer alten Asche-Deponie die größte Photovoltaik-Anlage 2012 eröffnet. Die Bahn betont aber, dass sie Anbieter von Transportleistungen ist und kein Erzeuger. Man sucht sich für solche Nutzungen Partner. In Guben wurden Pappeln und Rubinien gepflanzt – schnell wachsend. Prinzipiell gelten solche Überlegungen für alle im Besitz der Bahn befindlichen Grundstücke, die schlecht anderweitig verwendet werden können. Prinzipiell gelten solche Überlegungen für alle im Besitz der Bahn befindlichen Grundstücke, die schlecht anderweitig verwendet werden können.
Und mehr als die Hälfte des für die Bahn erzeugten Windstromes stammt ebenfalls aus Brandenburg.
Woher weiß der Bahnbenutzer, dass das grüne Versprechen der Bahncard keine Mogelpackung ist? Ganz einfach: Die Bahn weiß im Falle der Buchung, wie viel Kilometer der Kunde fahren wird. Aufgrund betriebswirtschaftlicher Auswertungen kann die Bahn ziemlich genau prognostizieren, wie viel Energiebedarf dann diesem Kunden zuzuordnen ist. Und diese Kapazitäten werden dann in grün nachgefragt, was bedeutet: „Gib mir Wind- oder Wasserkraft. Kannst Du nur Kohle oder Kern anbieten, gehe ich woanders hin.“ Und so hat die Bahn in den letzten zwei Jahren 48 Windanlagen in vier gebündelten Verträgen unter Vertrag genommen. Mit E.ON und RWE sowie dem österreichischen Unternehmen VERBUND sind für knapp über 15% des gesamten Bahnstrombedarfs in den letzten zwei Jahren neue Wasserverträge hinzugekommen.
Der Bundesdurchschnitt an erneuerbaren Energien lag bei 23% im Jahre 2012. Die Bahn hat 1% mehr erreicht. 2020 sollen es 35% sein. Man ist sich sicher, dass dieses Ziel von der Bahn wesentlich früher erreicht wird. Im Vergleich: Das EU-Ziel für den Straßenverkehr für 2020 lautet 10% erneuerbare Energien.

Neuartige Konzepte – Hybridkraftwerk
Wie oben erläutert, soll die Basis eine Abdeckung bis 90% bringen. Die Spitzen sind derzeit noch nicht ausgelotet. Dafür hat die DB einen „Neuanlagen-Bonus“ eingeführt. Sie will damit wegweisende Zukunftsprojekte unterstützen. Speisen tut sich der Topf aus den Mehreinnahmen von Umwelt-Plus- und Eco-Plus-Angeboten. 
Das erste geförderte Projekt ist das Hybridkraftwerk in Prenzlau. Jörg Müller, Vorstandsvorsitzender der Enertrag sagt: „Eine neue Erfindung haben wir nicht gemacht. Wir haben nur sehr gut kombiniert. Und physikalisch ist mit dem heutigen Wissensstand auch keine neue Erfindung möglich.“ Es ist aber auch nicht notwendig. Die Energiewende ist schon am Laufen. Langsam und gleichmäßig. 25% sind in Deutschland erreicht und die Schritte zeigen derzeit in Richtung 30%. Herr Müller, Physiker, ist sich sicher, dass es ohne das erneuerbare Energiegesetzt nicht möglich gewesen wäre. Es ist ein Mittelstandsgesetz – so sieht es jedenfalls die Enertrag. Man ist sich sicher, die großen hätten nichts getan. Warum auch? Kraftwerke, die abgeschrieben sind, erwirtschaften gutes Geld. Also warum investieren? 
Kurz umrissen wird in Prenzlau aus Windenergie Strom. Das ist nichts wirklich bahnbrechendes. Der Kern liegt darin, dass Wind nicht endlos zur Verfügung steht, da die Natur auch Windstille kennt. Und die Natur hat ihre eigenen Gesetze, die sich nicht nach den Notwendigkeiten der Menschen richtet. Also war es bisher ein Problem, den Strom zu speichern. Batterien sind nicht wirklich die Lösung. Die Enertrag speichert in Wasserstoff. Das Konzept „Power to Gas“ wird heutzutage von vielen als zukünftige Lösung gesehen. Der Sauerstoff wird derzeit in die Luft geblasen. Der Wasserstoff gespeichert. 

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Jede Woche wird ein Tank gefüllt, der einen PKW 175.000 Km weit befördern könnte. Wenn der Ausbau der Fahrzeuge mit Wasserstoffbetankung und die dafür notwendige Infrastruktur geschaffen wäre, würde man hier ein zweites Standbein haben. Aber der Wasserstoff wird auch intern wieder benötigt – in Zeiten, wo der Wind Pause macht, kann er die Turbinen antreiben und so Strom erzeugen. Und um die Verbrennungskennlinie von Wasserstoff zu optimieren, wird der mit Biogas gemischt. Die Verbrennungskennlinie dieser Gasart hat nämlich auch einige Schwächen. Aber beide zusammen ergänzen sich fast optimal. 
Dabei mutet es wie der reine Wahnsinn an, Strom erst einmal in Gas zu verwandeln. Aber der Gesamtwirkungsgrad ist besser. Der Wasserverbrauch liegt bei einem Fünftel von dem, was allein ein thermisches Kraftwerk zur Kühlung benötigt. Es ist also nicht sehr viel Wasser nötig, um große Mengen an Wasserstoff zu produzieren. In Japan sind die ersten Einfamilienhäuser inzwischen mit Brennstoffzellen ausgerüstet. Nach dem Atomunfall, der den völligen Irrsinn der japanischen Kernenergieplanung aufgezeigt hat, muss man dort eine wie auch immer geartete Wende hinbekommen. Und auch wenn Wasserstoff als gefährlich gilt, Atomenergie ist wesentlich gefährlicher. Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima. Und das sind nur die großen „Unfälle“. Ursprünglich wurde ein schwerer Unfall alle eine Million (Reaktor-) Jahre prognostiziert. Man, bin ich alt!

Strompreis und neuartige Energien
Jörg Müller sagt: „Es wird keinen großen Anstieg der Energiekosten geben. Der einzelne Energiepreis wird steigen aber in der Gesamtbetrachtung wird er sich stabilisieren. Der derzeitig hohe Strompreis hat nichts mit dem angeblich teuren Ökostrom zu tun. Im Gegenteil! Mit Einrichtung der Strombörse ist für jeden Bürger die Entwicklung des reinen Strompreises nachzuvollziehen. In den letzten Jahren hat sich der Strompreis halbiert. Die Preise sind jedoch gestiegen.“ Und Enertrag rechnet vor: Vor ein paar Jahren gab es an der Börse noch 8 Cent pro Kilowattstunde. Derzeit sind es 4 Cent. Der durchschnittliche Preis für eine Kilowattstunde liegt im Bereich 6-7 Cent. Dazu kommen noch einmal rund 7 Cent für den „Transport“, also die dafür notwendige Infrastruktur. Der Rest besteht aus Steuern und Abgaben.

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Die Enertrag erhält den EEG-Vergütungssatz für die erzeugte Kilowattstunde. Direkt tritt sie nicht am Markt auf. Der Verbraucher kann also nicht direkt hier abschließen. Nur für die engere Umgebung ist ein direkter Abschluss möglich, der den Haushalten 50% Einsparung gewährt. Damit soll die Akzeptanz in der nächsten Umgebung für die Windräder erhöht werden. Am Standort haben sich jedoch bisher nur rund 25% der Haushalte für diesen Vertrag entschieden. Sorry, da fällt mir persönlich nichts mehr ein und ich hoffe nicht, jemals eine Person ohne derartigen Vertrag über zu wenig Geld in der Tasche jammern zu hören …


Das Windrad
Ich mag die Dinger nicht sonderlich. Sie sind hässlich. Und es gibt eventuell Probleme im Infraschallbereich. Kann allerdings auch bauartbedingte Unterschiede geben oder die Hersteller haben hart daran gearbeitet, ohne von ihrem Leugnen abzulassen. Letztlich ist es eine Sache der Wahrnehmung, die auch bauartbedingt unterschiedlich ausfällt. Nicht jeder Mensch ist gleich und Tiere auch nicht. Und wenn Leute aus reiner Phantasie heraus, den Teufel an die Wand malen, ist der geistige Zustand untersuchenswert. Letztlich ist es eine zivilisatorische Abwägung. Und meine Befürchtungen, das wir eines Tages in einem Meer aus Windrädern ersticken, ziehen die Verantwortlichen von Enertrag etwas den Zahn. Die Windräder werden immer leistungsstärker. Was früher ein ganzes Feld geleistet hat, kann heute ein einzelnes Rad neuester Baureihe leisten. Noch leistungsstärkere Räder sind in der Entwicklung. 
Und dann gibt man zu bedenken: Früher, also im Kaiserreich, hatte Deutschland rund 30.000 Windmühlen. Heutzutage gibt es rund 30.000 Windanlagen. Die Vielzahl der Kleinen wird langfristig keinen Bestand haben und damit wird sich die Zahl der Anlagen einpegeln. Es ist eher ein Standortgerangel entstanden, weil einzelne Bundesländer im Vorteil sind und alles bei sich konzentrieren wollen. 

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Um einmal eine Zahl zu nennen: 25 Windräder in den Parks Treuenbrietzen und Märkisch-Linden produzieren Strom für eine Kleinstadt mit 50.000 Einwohnern. Ergo sorgt jeder Bürger mit seinem Verbrauchsverhalten für die Anzahl notwendiger Windräder selbst. Und deswegen ist erneuerbare Energie und vor allem klimaneutrale erneuerbare Energie Öko und Grün aber eventuell eben auch flächendeckend hässlich. Der Mensch gewöhnt sich aber an jede ästhetische Sünde. Und Tiere haben eh keinen ästhetischen Anspruch. Im Gegensatz zu landläufigen Annahmen, dass die Räder Tiere stören, sind gegensätzliche Entwicklungen zu beobachten. Vielleicht ein Fall für biologische Flächenstudien. Die Enertrag will festgestellt haben, dass mehr Adler und andere größere Raubvögel im Bereich ihrer Windräder anzutreffen sind. Windräder müssen gewartet werden, stehen in der Regel in landwirtschaftlich genutzten Flächen und zerschneiden diese mit ihren Straßen. Und damit kehren Tiere zurück, die in den letzten Jahrzehnten durch die industrielle Landwirtschaft vertrieben wurden. Für Adler und Co. bedeutet dies bessere Jagdmöglichkeiten. Andere Großvögel sind beobachtet worden, wie sie den Flug durch Windräder mit ihrem Nachwuchs üben. Von Windrädern getötete Großvögel sind nicht zu finden. Die Meister der Lüfte denken nicht daran, den Rädern auszuweichen, da sie auch immer etwas faul sind und Umwege in die Breite oder Höhe zusätzlichen Energieaufwand nach sich zieht. Sie passen sich an und lernen. 
Auf der anderen Seite der Betrachtung steht die technische Neugier. Wie funktioniert so ein Rad eigentlich? Ein hohler Stamm mit hohlem Kopf samt Rad sind zu sehen. Das Geheimnis ist die Konstruktion als Stehaufmännchen. Das Gegengewicht ist in der Erde. Wenn ein Riese das Rad herunterdrücken würde, würde es sich in einer Pendelbewegung wieder selbst aufrichten. Rund 50% der Energie des Windes wird vom Rad eingefangen. Technisch möglich sind 59%, da der Wind ja auch abströmen muss. Ein Windrad des Types E82 kostet 4,5 Mio Euro und kann 6.000 Menschen versorgen. Die Lebensdauer beträgt rund 30 Jahre. Im Kopf hat ein ausgewachsener Bus platz. Die Größe ist notwendig, um die Spule unterzubringen, die per Induktion den Strom erzeugt. 
Problem ist der Metalldiebstahl. Ganze Diebesbanden ziehen plündernd durch die Republik. Sie sind so gut, dass sie inzwischen Anlagen freischalten können, um sich selbst keiner Gefährdung durch Strom auszusetzen. Ich frage mich an dieser Stelle, wann es lukrativ wäre, erhöhte Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, denn noch stellen die Wartungseingänge keine wirklichen Hindernisse dar. Also ist die einzige Abschreckung die, das Spannung in der Größenordnung leicht tödlich ist. 

Bericht: 

Otger Jeske

Fotos:

Matthias Dikert

Copyright:

Bilder „Die Deutsche Bahn AG und die Umwelt“ von der Deutsche Bahn AG

Bilder „Windenergie“ von Enertrag Windstrom GmbH