image_print

Eine Reise auf der Wellnesroute

Die „Wellnessroute“ umschreibt ein Gebiet, welches nördlich von Stuttgart hauptsächlich im Badischen gelegen ist. Bekanntester Ort ist Schwäbisch Hall, die Route schlängelt sich auch an Heilbronn vorbei. Der Neckar kreuzt und die beiden Zuflüsse Jagst und Kocher schaffen eine interessante Landschaft, wobei sich die „Route“ in erster Linie entlang des Kocher zieht.

Nun ist Wellness ein Modebegriff geworden und jeder versteht irgendwas anderes darunter. Die Gegend ist „salzhaltig“, es gibt unterirdische Trassen, die die Autobahn „ersetzen“ können, wo weitflächig das „weiße Gold abgebaut wird. Früher ein Urmeer, wird schon seit tausenden von Jahren Salz gewonnen und verschaffte dieser Gegend zu Macht und Wohlstand, war aber auch immer Ziel der Begierde derer, die nichts hatten. Irgendwann verlor das Salz seine Bedeutung, dem Salzabbau hat dies indes nicht geschadet. Allerdings mußte man sich nach anderen sprudelnden Geldquellen umsehen. Dem 19. Jahrhundert sei Dank, gelang es wieder mit Hilfe des Salzes. Denn damals wurde es Mode, zur Kur in Heilbäder zu reisen – und salzhaltige Quellen fand man hier beliebig fast an jeder Ecke, weswegen eine breite Bäder- und Kurlandschaft entstand. Und dies ist der Ausgangspunkt: Das Gesundheitssystem selbst kränkelt schon seit Jahren, eine verkorkste Reform nach der anderen hinterließ Spuren und die Kurbäder leiden. Was liegt also näher, als sich umzuorientieren und neue Wege in der Vermarktung seines Know How zu finden. Das Know How der Bäder ist Gesundheit und der neue Weg heißt Vorbeugung. Und genau unter diesem Term fällt alles, was Krankheiten und Zipperlein verhindert oder verhindern soll. Neudeutsch auch „Wellness“ genannt.

Beginn der Route ist Bad Schönborn, das jüngste aller Bäder: Eine Vereinigung der Orte Mingolsheim und Langenbrücken ergab Bad Schönborn. Das jetzige Thermarium ist 1975 in Betrieb gegangen, die Quelle wurde 1970 erbohrt. Die Heilquellen haben allerdings schon länger Tradition, Kuranlagen gab es in den alten Orten schon seit 1824. Seit den ‚70ern boomt das Geschäft mit der Gesundheit. Bad Schönborn ist eines der wenigen Bäder, welches auch in schlechten Zeiten noch schwarze Zahlen schreibt und weiterhin massiv ausbaut. Vor allem der Stammgästeanteil von über 60% aus einem Einzugsbereich von rund 150 Km sorgt für Sicherheit. Bei 700.000 Besucher pro Jahr ist man nach Füssen die Nummer 2 in Deutschland. Dennoch kam man an einer Umstrukturierung nicht vorbei. Noch vor sechs Jahren betrug der Anteil an Kassenpatienten 70%, heute nur noch 25%. Der Vorteil des Bades, es ist eine Heilquelle. Thermalquelle darf sich jeder nennen, wenn das Wasser mit mehr als 20 Grad aus dem Boden sprudelt. Und das salzhaltiges Wasser heilende Wirkung hat, davon profitierten schon zur Jahrhundertwende die Ostseebäder, heute zieht es Leute mit bestimmten Krankheiten zum toten Meer. Bad Schönborn hat den doppelten Salzgehalt in seinem Wasser, wie die Nordsee. In direkter Nachbarschaft befindet sich die Sigeltherme, die hauptsächlich der Reha-Behandlung dient, das Thermarium ist präventiv ausgerichtet. So ist man auch Mitglied im BKK-Programm „Aktiv Woche“ und belegt dort in der Wertung Platz 1. Seit kurzem ist man Kompetenzzentrum in Sachen „Walking/Nordic Walking“, einer neuen Trendsportart, die ihre wissenschaftliche Absolution durch das Deutsche Walking Institut erhalten hat – nicht gerade zufällig auch in Bad Schönborn angesiedelt. Jüngster Sproß ist der „Hochseilgarten“, immerhin zweitgrößter Deutschlands und zur individuellen oder therapeutischen Nutzung konstruiert. Interessant z.B. für Schulklassen und Managerseminare, gleichbedeutend mit der Erschließung neuer Zielgruppen.

Die Reise führt uns nun weiter, vorbei an Bad Rappenau nach Bad Wimpfen, gleichzeitig auch Teil der Radwanderroute „Salz und Sole“ sowie der Burgenstraße, eine der ältesten Routen deutscher Touristik. Eine interessante Altstadt ist hier zu sehen, die auf die einstmals größte Kaiserpfalz des Reiches zurückgeht. Kaiser Barbarossa legte den Grundstein und die beiden erhaltenen Wehrtürme der alten Burganlage bestimmen noch heute weithin sichtbar das Stadtpanorama. Ansonsten ist nur noch wenig alte Bausubstanz erhalten, im Mittelalter wurde der Pfalzinnenteil von Bürgern besiedelt, die sich bequemere
Gebäude schufen. Immerhin ist die alte Mauer in Richtung Neckar erhalten geblieben, weil die Städter so eine Hausmauer weniger zu errichten hatten… Wimpfen befand sich auf dem Höhepunkt seiner Geschichte.Ab dem 15. Jahrhundert begann der allmähliche Niedergang, der vom 30jährigen Krieg besiegelt wurde. Plünderungen, Erpressungen und Seuchen sorgten dafür, daß gerade einmal 37 Familien überlebten.Zudem war der Ort Schauplatz einer großen Schlacht des Krieges.

Bad Wimpfen war in der Bedeutungslosigkeit angelangt! Erst Anfang des 19. Jahrhunderts begann die allmähliche Erholung. In der Napoleon-Ära wurde u.a. auch dieser Teil Deutschlands nachhaltig verändert. Im Falle Wimpfens die Zuordnung zu Hessen. 1817 wurde die Saline Ludwigshalle gegründet, 1835 gab es das erste Kurhotel und der endgültige Durchbruch als Kur- und Badeort fand 1866 mit dem Anschluß an das Bahnnetz statt. Doch erst 1930 gab es das offizielle Prädikat „Bad“. Vom hessischen Exklaven-Desein ermüdet, kam es 1952 nach einem Volksentscheid (sehr knapp ausgefallen) zum Anschluß an Baden Württemberg. Heute gibt es Mittelalterspektakel oder Stadtwanderungen unter der Leitung von „Konstanze von Aragon“, „Margarethe von Österreich“ oder „Beatrix von Burgund“. Wer auf der alten Stadtmauer steht, läßt seinen Blick auf die Burg vom berühmten Götz von Berlichingen oder dem Anwesen des Deutschen Ordens schweifen. Früher galt dieser Blick als „Verrat“. Wimpfen war evangelisch, die beschriebenen Gebiete jenseits des Neckar erz-katholisch. Nur einmal blickte damals der Bauer hinüber: um im Frühjahr das kommende Wetter beurteilen zu können. Heutzutage besiegelt man mit diesem Blick die nächsten Ausflugsziele. Abends sollte der Weg unbedingt in die Altstadt gelenkt werden. Zahlreiche interessante gastronomische Einrichtungen buhlen um die Gunst des Gastes, unbedingt empfehlenswert ist dabei die Weinstube „Feyerabend“. Rustikale Küche mit dem Charme des Wohnzimmers vereint: Es ist wohl eines der kleinsten Restaurants die man finden kann und definitiv das kleinsten, welches ich jemals aufsuchte!

Weiter geht es. Nächste Bäder auf der Route sind Friedrichshall, Neckarsulm und Zweiflingen. Dies hat eigentlich einen Doppelnamen, der zweite Teil heißt Friedrichsruhe, gleichzeitig Name eines Schlosses welches wiederum ein Hotel beherbergt. Der immer noch Fürstenhof Friedrichsruhe beherbergt dann auch „fürstliche“ Freuden: Sterne Koch Lothar Eiermann zaubert hier in der Küche. Neueste Kreation: ein Wellnessmenü. Unsere Gruppe war sozusagen Versuchskaninchen, die ersten, die dies Menü probieren durften. Bei mehreren Gängen und erlesenen Weinen vergeht die Zeit unglaublich schnell. Vielleicht sollte man sich nicht Mittags dort einfinden, sondern den Abend hier gemütlich ausklingen lassen. Vorher bietet sich eine Partie Golf auf dem benachbarten Parcours an. Eine idyllisch gelegene Anlage, die einen „alten“ und einen „neuen“ Teil besitzt. Für Freunde des kleinen Balles ein reizvoller Gegensatz. Und wer selbst nicht spielt… genießt die herrliche Ruhe und beobachtet, wie sich die verschiedenen Spieler bzw. Spielerinnen (der Club besitzt einen hohen Ladies-Anteil) abmühen, die Löcher zu treffen. Nach einem mittäglichen Gourmet-Mahl auch die geeignete Umgebung, durch Bewegung dem Bauch vorzubeugen. Die Damen oder die Herren des golfverliebten Partners können sich derweil in der Beautyfarm behandeln lassen. Zwar ist der Frauenanteil immer noch sehr hoch, doch die männliche Kundschaft hat so langsam auch diesen Markt der Eitelkeiten für sich entdeckt. Gleichzeitig gibt es im unteren Teil noch ein Physio-Zentrum, in welchem man unter fachkundiger Anleitung speziell auf die Bedürfnisse zugeschnittene Trainings absolvieren kann. Besonders die Stammgolfer des Clubs haben langsam entdeckt, daß es Sinn macht, nicht nur Abschläge und Putten zu üben. Typische Golferbeschwerden werden hier ebenso wegbehandelt, wie dem geneigten Kurzbesucher Tips zur Selbsthilfe mit auf die Weiterfahrt zu geben.

Und diese führt uns vorbei an Jagsthausen nach Niedernhall, dem kleinsten Bad der Route. Ehemals bedeutender Abbauort der Kelten (wie alle Orte mit „Hall“ im Namen), wurde die Salzgewinnung bis ins 19. Jahrhundert hinein betrieben. Das heutige Thermalbad liegt außerhalb der mittelalterlichen Stadt und ist mit dem örtlichen Freibad kombiniert. Für hohe Kosten sorgt indes die Lage der Sole. Schon aus ein paar Metern tiefe kann man diese anbohren, das Wasser ist dort allerdings kühl und muß erst für die Nutzung erwärmt werden. Als einziges Bad in der Gegend ist hier die Aufenthaltszeit im Thermarium nicht begrenzt. Im Zusammenhang mit den besonders günstigen Badepreisen und der Möglichkeit der sommerlichen Mitnutzung des Freibades ergibt sich eine interessante Alternative. Der ursprüngliche Plan des Bades war, 100 Besucher pro Tag. Heute ist ein Durchschnitt von 280 erreicht, was öfter an Kapazitätsengpässe gipfelt. Doch schon zu Mittelalterzeiten hat man sich mit dem Weinanbau ein zweites Standbein geschaffen. Damals allerdings auch für den Grundstein für den „Schandruf“ des Ortes gelegt: Der Schultheiß hatte einen Distelfinken zu Hause im Käfig. Der entflog eines Tages und damit er nicht aus der Stadt flüchten konnte, ließ der einfältige Mensch die Stadttore schließen. Noch in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts hatten es die Burschen schwer, wenn sie auswärtig als Niedernhaller erkannt wurden! Heute hat man den Spieß umgedreht und mit dem „Distelfink“ einen Qualitätswein geschaffen, einmal in Rot als Schwarzriesling, einmal in Weiß als Silvaner.

Nächste Station ist das allseits bekannte Bad Mergentheim. Gourmets suchen hier das Hotel „Romantik“-Victoria auf. Auch hier wartet ein Sternekoch auf und überrascht den Gast mit frischer, leichter und vor allem kreativer Küche. Besonders empfehlenswert, das Restaurant mit der offenen Küche, wo sozusagen auf Gästezuruf auch Variationen und Sonderwünsche berücksichtigt werden.Ein anderer Grund wäre, sich durch die vorzügliche Weinauswahl zu testen.

Der Inhaber ist einer der Weinpropheten Deutschlands, gefragter Experte nicht nur national.Ansonsten besitzt das Bad den „Charme“ anderer Reha-Bäder. Der großzügig angelegte Kurpark geht über in den Schloßpark und erstreckt sich auf der anderen Seite bis in die Sportanlagen hinein. Unterteilt in diverse Abschnitte, hat die Größe des Geländes Sinn, wie der Kurdirektor verlauten läßt. Trotz knapper Kassen und Rückgänge wird weiter in den Ausbau des Kurparks investiert. Dem Direktor gelingt das Kunststück, mit wenig Personal nicht nur den Betrieb aufrechtzuerhalten, sondern zusätzlich Geld zu erwirtschaften, in dem Dienstleistungen an andere Firmen und Organisationen verkauft werden. Und so ist der Kurpark nicht nur Ziel der Rehabilitanten sondern auch der streßgeplagten „normalen“ Gäste bzw. Bewohner. Erholen bei den Musikdarbietungen, den Aufführungen und Events oder den täglichen Wasserspielen.. Störend hierbei sind lediglich einige ‚70er-Sünden, die nur notdürftig verarztet, den Kurdirektor jeden Tag schmerzen. Das Erlebnis- und Freizeitbad Solymar, eine dieser „Sünden“, wird derzeit umfangreich verschönert und ausgebaut, für das Kurhotel, direkt und gut sichtbar am Kurpark gelegen, gäbe es allerdings nur eine Radikallösung… Also besichtigen wir doch lieber Schloß und Altstadt!

An einem Abstecher auf den „Kocher-Jagst“-Radweg kommen wir nicht umhin. Räder ausleihen und ein paar Kilometer strampeln oder besser gesagt, gemütlich durch das idyllische Jagsttal radeln. Beginnen z.B. in Mulfingen oder Dörzbach und unbedingt Ailringen einen Besuch abstatten. Ein kleiner Ort, in dem es genau eine Sehenswürdigkeit gibt, das alte Fachwerkhaus. Aber dafür interessieren wir uns nicht großartig, wir wollen zur „Alten Post“, ein kleines Hotel nebst Sternegastronomie.Koch Olaf Pruckner wirbelt hier die Küche durcheinander und sorgt dafür,das die kleine Gemeinde zum Anlauf- und Treffpunkt aller Gourmets wird. Abends kann es eng werden, wenn man nicht reserviert hat. Übrigens, wer nicht Radfahren mag, kann auch die Kanuvariante wählen oder beim Angeln die Seele baumeln lassen. Wir bevorzugen jedoch die Zweiradvariante und steuern geradewegs die Jagstmühle in Heimhausen an. Eine von mehreren Mühlen im Tal und zu einem kleinen Hotel mit Tagungsmöglichkeit umgebaut. Entspannt im Mühlgarten sitzen und dem Plätschern des abgezwackten Mühlbaches zuhören… und natürlich deftig speisen! Das mit dem deftig trinken ersparen wir uns an dieser Stelle, schließlich müssen noch ein paar Kilometer gestrampelt werden. Ziel ist der Ort Bächlingen/Langenburg. Es gibt eine Badestelle, um nach der Radfahrt abzukühlen oder man erfrischt sich bei Kaffee und Kuchen. Für die Kulturbeflissenen, die noch nicht genug Kilometer im Sattel verbracht haben, empfiehlt sich auch die Fahrt hoch zum Schloß Langenburg. Wer allerdings Geschichts- und Kulturbeflissen ist, hat auch schon im Örtchen Unterregenbach gestoppt, um sich dem „Rätsel“ auf die Spur zu kommen. Eine Ausgrabungsstätte, die Grundmauern einer Kirche zu Tage brachte, ist erstens nichts besonderes und zweitens noch lange kein Rätsel. Wenn die Abmessungen allerdings gigantisch sind und die Datierung auf eine Zeit deutet, in der solch Kollossalbauten – wenn überhaupt – nur in den wichtigsten Reichsstädten in Angriff genommen wurden, dann ist es ein Rätsel, welches gemeinhin alte Archive lösen, in diesem besonderen Fall kirchliche. Nur hier: Fehlanzeige! Es gibt kein einzigen Hinweis.

Schwäbisch Hall, Endstation unserer Reise, nicht der Route. Diese führt noch weiter nach Mainhardt und Aalen. In der Bausparstadt checken wir ein im Hotel Hohenlohe. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Das Bad im Haus, die Aussicht quer über die Kocher auf die malerische Altstadt und gute Erreichbarkeit an der Einfallstraße nach Schwäbisch Hall… Zudem sind wir in Sachen Wellness unterwegs und im Hause befindet sich Massagen, besonders interessant und exotisch eine Klangmassage, sowie das Gesundheitszentrum Solino mit integriertem Kosmetikinstitut. Das Hotel lädt somit zum „Einigeln“ ein, doch Schwäbisch Hall ist dafür zu interessant. Fachwerkhäuser, die heutzutage unter die Richtlinie für Hochhäuser fallen, die Tradition der Salzsieder, Feste, Aufführungen und Museen… Selbst für moderne Kunstliebhaber, die sich weder für Baden/Wellness noch geschichtsträchtige Innenstädte interessieren, hat die Stadt etwas zu bieten: Die Kunsthalle Würth ist 2001 eröffnet worden und lockt eine internationale Klientel nach Schwäbisch Hall, die sich für moderne Kunst des 20./21.Jahrhunderts interessiert.

Text und Fotos:
Otger Jeske