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“Mannheim?” werden Sie sich fragen, und da geht es Ihnen dann wie uns. Mannheim wird maximal mit Industrie in Verbindung gebracht – oder mit seiner Quadratestruktur. Doch letzteres greift nur für die alte Kernstadt. Und selbst die hatte anfänglich Namen für die Straßen, echte, alte Mannemer kennen die auch noch, wobei selbst die die Zeit nicht miterlebt haben. Aber wer weiß, vielleicht ist Mannem ja der Jungbrunnen?

Der Kurfürst umarmt seine Stadt
Weit ausholend, der Mannheimer betrachtet sich als Kurpfälzer und ist stolz darauf. Die Kurpfalz war erz-evangelisch und Heidelberg als Sitz des Kurfürsten der heilige evangelische Gral. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts konvertierte der damalige Kurfürst zum katholischen Glauben – ein absoluter Verrat, doch nach geltendem Gesetz hätte die Bevölkerung ihrem Landesherren in Glaubensfragen folgen müssen. Der bemühte sich redlich, “seine Heidelberger” zum “rechten” Glauben zurückzuholen, scheiterte jedoch. Verärgert und beleidigt verlegte er seinen Sitz ein paar Meter weiter nach Mannheim. Daß Mannheim langfristig Heidelberg dann endgültig den Rang abgelaufen hat, lag aber auch an den Franzosen. Die wurden in der Erbfolge übergangen und schickten Truppen, die Heidelberg zerstörten. Die Wiedererrichtung nahm scheinbar unendlich viel Zeit in Anspruch. Und das Schloß in Mannheim, nach absolutistischem Anspruch konzipiert, folgte dem Vorbild aus Versailles, was natürlich auch ein symbolischer Akt war.
Die Schloßflügel umarmen die Stadt gleichsam, die in Reih und Glied streng in Einheiten (Quadrate) gegliedert, vor dem Schloß Spalier stehen, wie die Truppen seiner Exzellenz auf dem Exerzierplatz. Auch das Karlsruher Schloß ist ähnlich gebaut worden, neben ein paar weiteren, und die Stadtplanung folgte zumeist dieser streng geometrischen Aufteilung. Mannheim ist aber eben auch keine aus dem Mittelalter heraus gewachsene Stadt, Karlsruhe ebenfalls nicht. Es sind barocke Stadtgründungen und der Barock war streng geometrisch.

Doch nur Mannheim ist zur “Quadratestadt” geworden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts machten sich Beamte Gedanken darüber, wie das mit den Steuern und der Verwaltung am besten gelöst werden könne. Ausgehend vom Schloß wurde dann eine alphabetische Zählweise eingeführt. Die Hausnummern folgen dabei dem “System des Schwimmens” vom Kurfürsten aus gesehen. Die Konsequenz daraus ist, daß die Hausnummern in den linken und rechten Quadraten von der Schloßtangente aus gesehen in unterschiedlicher Richtung verlaufen. Außerdem wurde mit den Buchstaben auf der einen Seite begonnen: “A” vor dem Schloß, am Neckar hört es mit “K” auf. Und wo ist “L”? Beginnt wieder beim Schloß, auf der anderen Hälfte. Hauptsache die Bürokraten verstehen es. Das heutige Verkehrsaufkommen haben sie jedenfalls nicht vorausgesehen. Und so stellt die Innenstadt geplagte Autofahrer vor eine Geduldsprobe, denn die Straßen sind zu einem Einbahnstraßen-Dickicht mutiert, in dem nicht systemverstehende Fahrer zusätzlich Chaos verursachen.

Mannheim gegen Ludwigshafen
Mannheim hatte zu kurfürstlicher Zeit einen steilen Aufstieg hingelegt. Schiller schwärmte, es wäre das “Athen Deutschlands”. Der Hof zog Leute an, die Karriere machen wollten. Es war schick und hilfreich zugleich. Wobei das mit Athen nur wörtlich gemeint sein konnte, denn Athen stank sicherlich niemals so wie Mannheim. Die Stadt war auf der Landspitze zwischen Rhein und Neckar errichtet worden, beide mäanderten und sorgten für massive Überschwemmungen einerseits und andererseits für den Gestank, denn wenn es wärmer wurde, trocknete das Gelände oftmals weitflächig aus, und fauliger Schlamm dünstete vor sich hin. Und so wundert es nicht, daß Cholera, Typhus und sogar Malaria ständige Gäste in der Stadt waren. Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Neckar begradigt, weil der potentiell gefährlicher als der Rhein ist. Bis zum Ende des nächsten Jahrhunderts war der Druck des Bürgertums so groß geworden, daß eine moderne Wasserversorgung Einzug hielt. Die Industrialisierung sorgte allerdings auch dafür, daß Mannheim rasant wuchs. Die Festungsmauern wurden geschliffen und überall Vorstädte angelegt. Auf der anderen Seite des Rheines hatten die Bayern Mitte des Jahrhunderts einen Gegenentwurf zu Mannheim errichtet, der ebenfalls rasant Fahrt in der Industrialisierung aufnahm: Ludwigshafen. Beide Städte hatten ausgedehnte Hafenanlagen und die Industrie zog es an die Lebensadern der damaligen Logistiker, den Flüssen für Massentransport. BASF erstreckt sich heute auf gut 10 km am Rhein entlang.
Und die Feindschaft Bayern (erz-katholisch) – Kurpfalz (erz-evangelisch) zog sich demzufolge auch in die Konkurrenz der Industriestädte und ist bis heute zu spüren. “Wie kann man da nur wohnen” ist diesbezüglich noch harmlos, und ich als Autor dieses Artikels werde mir jetzt viel Unmut zuziehen, aber als Außenstehender sehe ich nicht wirklich Unterschiede. Wenn nicht ein anderer Name auf dem gelben Ortsschild stehen würde, würde jeder denken, beides ist eins. Und so ganz insgeheim möchte wohl der ein oder andere Mannheimer ganz gerne die kurfürstlichen Grenadiere auferstehen und das andere Ufer erobern lassen, oder?
Wobei hier auch ganz klar gesagt werden muß, daß die Festungsanlagen Mannheims eher höfischem Ausdruck geschuldet waren denn wirklichen militärischen Bedürfnissen.
Und die Sache mit der Trockenlegung sorgt bis heute für Probleme. Die Stadt ist wie Venedig auf Pfählen gebaut, da sie auf dem alten Kiesbett des Rheins liegt. Man kann beim Bauen viel falsch machen …

Der Jugendstil hält Einzug
Zeugnis der damals modernen neuen Wasserversorgung ist der noch heute als Wahrzeichen der Stadt dienende Wasserturm am Friedrichsplatz. Die gesamte Anlage mit Vorplatz und Gartenanlage war eine Hommage an den Barock, doch schon mit dem neuen Kunststil des Jugendstils verziert, was sie einzigartig macht. Sie ist beliebter Treffpunkt und Erholungszentrum in der Innenstadt. Der Wasserturm funktioniert übrigens noch klaglos. Bei Bauarbeiten ist im Jahre 2011 die Versorgungsleitung zerstört worden. Bis die repariert war, hat der Turm die Versorgung im Ringbereich übernommen.
Früher gab es auf dem Platz mit den umliegenden Arkadengebäuden den Maimarkt. Das war eine große landwirtschaftliche Ausstellung. Mit der Bundesgartenschau 1972 ist der Markt, der zur größten regionalen Messe gehört, nach außerhalb verlagert worden. Eine halbe Million Gäste besuchen ihn jedes Jahr.
Auf der linken Seite des Friedrichsplatzes ist das alte im Jugendstil errichtete Kongressgebäude zu sehen, dahinter ist neu angebaut worden. Heute ist es mit einer 8.000er-Kapazität eines der größten Häuser Deutschlands.
Auf der anderen Seite steht die Kunsthalle. Weit aus- und Luft holen: Mannheim war zu Zeiten der Kurfürsten auch eine Musenstadt. Dann kam die Industrialisierung und ein neuer Verwaltungstypus zog ein. Und im Ergebnis ist, wenn es mit der Industrie heutzutage nicht mehr so klappt, dieser Typus hilf- und planlos. Die Kunsthalle ist ein Anbau an den alten im Jugendstil errichteten Bau, der weit über Deutschland hinaus zu den bedeutendsten Baudenkmälern jener Epoche gehört. Ehrlich, die Kunsthalle ist eher ein wenig … Typischer Zeitgeistbau, ohne wirklich langfristigen Horizont. Spielt aber eigentlich keine Rolle, weil man nicht von einem Schandfleck reden kann. Die Konzeption war vor rund 30 Jahren für Skulpturen ausgelegt. Warum beläßt man es nicht einfach dabei? Von Baufälligkeit ist angeblich nicht die Rede. Die neue Kulturverantwortliche hat sich jedoch in den Kopf gesetzt, hier unbedingt Malerei unterbringen zu wollen. Für Skulpturen benötigt man keine Alarmanlage und keine Entfeuchtung. Gibt es also nicht. Grund genug, den Altbau abzureißen und einen Neubau zu planen. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, Hans-Dampf-in-allen-Finanzierungen der Gegend, also ein SAPler, will dies großzügig unterstützen. Das ist ehrenwert, nur die Bevölkerung denkt anders. Und eine Bürgerinitiative möchte wenigstens die Fassade erhalten. Ich frage mich allerdings, warum nicht an einem anderen Standort gebaut wird und man Malerei nicht einfach Malerei sein läßt und Skulpturen Skulpturen. Denn eins ist klar: Mannheims Weg in der Zukunft ist der Weg der Vergangenheit als Kunst- und Kulturmetropole. Der derzeitige Oberbürgermeister ist ehemaliger Kulturdezernent und weiß, daß Kultur eben auch Leute anzieht, Touristen.

Parkhotel
Zu dem geschilderten Beamtentypus paßt ganz gut der Umgang mit dem Autojubiläum. Ebenfalls etwas weiter ausholen: Mit der rasanten Industrialisierung entstand in und um Mannheim auch etwas Neues. Hier wurde das Fahrrad von Drais entwickelt, der Trecker von Lanz, und Benz erfand das Automobil. Berta Benz präsentierte mit ihrer Fahrt damals die neue Erfindung. Zum Jubiläum schilderte die Stadt die Strecke zwar aus, doch als die Feierlichkeiten vorbei waren, wurde die Beschilderung wieder entfernt. Was mag ein Tourist gar nicht? Eben. Mannheim ist touristische Diaspora. Die Bettensteuer konnte nicht durchgesetzt worden. Die Hotellerie hat einen Verband gegründet, um ihre Interessen durchzusetzen. Anstelle der Bettensteuer gab es die Zusage, das Stadtmarketing zu unterstützen. Und so gibt es inzwischen wieder die ausgeschilderte Berta-Benz-Route.
Aber es gibt einen Spruch in Mannem: “Statt zu kritisieren, bring dich ein”. Müssen natürlich die Voraussetzungen dafür da sein. Der Mannheimer ist wohl so, deswegen funktioniert es. Und am Ende können alle profitieren. Und diesbezüglich ist die Quadratestadt wahrscheinlich weiter als so manch andere in diesem Land. Die Musikszene hat davon schon profitiert. Die Verzahnung von Altem, Neuem und der Stadt schafft Vorbildfunktion. Die Popakademie strahlt weit über Mannheim hinaus.
Ähnliches wie mit der Kunsthalle gab es schon einmal, ein paar Meter weiter. An dem Jugendstil-Gebäude prangt heute der Name “Maritim”, also ein Hotel. Und genau das war es, als es Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet wurde. Das erste Hotel am Platz, mit Fahrstuhl und elektrischem Licht. Ein exquisites Haus für die Gäste der Stadt, die Geld hatten. Es gab 60 große Zimmer, die Bediensteten der Herrschaften hatten extra Räumlichkeiten. Im Krieg wurde es stark zerstört, danach verschiedentlich genutzt, bis es abgerissen werden sollte. Auch hier sorgte das Aufbegehren der Bevölkerung dafür, daß es unter Denkmalschutz gestellt wurde. Die Karlsruher Versicherung erwarb es und baute in enger Zusammenarbeit mit dem ausgewählten Hotelpächter Maritim das Haus wieder auf. Heute gilt es wieder als Prachtstück der Stadt, mit dem sich werben läßt.

Der Pächter ist geblieben, die Eigentumsverhältnisse haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Mit der Sanierung wurde das Konzept der Kaiserzeit aufgegeben. Mannheim hatte damals wenig Hotelkapazitäten und Zimmer waren gefragt. Deswegen entstanden viele kleine Einzelzimmer.
Im Eingangsbereich und vor allem der Pianobar ist der alte Glanz noch spürbar. Man schaut ewig hoch, um die Decke zu sehen. Da, wo die Trennung zum Gang mit den Fahrstühlen ist, liegt alles tiefer. Anfang der 1980er, als das Haus aus seinem Verfall gerissen wurde, sind Zwischendecken eingezogen worden.
Der Hoteldirektor ist seit Anfang an im Haus und echter Mannemer, dessen Ur-Ur-Ur-Tante jene Berta Benz mit dem Motorwagen war. Er sagt: “Heutzutage werden in Mannheim nur an 22 Tagen im Jahr die Betten knapp.” Am liebsten würde er die Zimmerzahl weiter reduzieren, und damit die Zimmergrößen angemessen gestalten. In einem gewissen Rahmen ist dies Anfang des neuen Jahrtausends auch umgesetzt worden, doch die Statik zieht einen dicken Strich durch die Planträume.

Kulinarisches
Etwas anderes: Mannheim hat nicht nur Fahrräder, Trecker und Autos hervorgebracht, sondern auch eine kulinarische Erfindung: das Spaghetti-Eis. Das Fontanella gibt es immer noch, mit Ergänzung “Eismanufaktur Mannheim”. Hier kann man die Eisherstellung beobachten und ausgefallene Eissorten probieren.
Ansonsten hält es der Mannemer mit dem Deftigen der Pfalz. “Schiefer Sack” wäre so ein typisches Gericht. Das ist eine Bratwurst mit Leberknödel und Sauerkraut.
Wem derartiges nicht paßt, taucht ein in die Welt von Klein-Istanbul. Teile der Quadrate-City sind zu einem “Problembezirk” geworden, der durch seine Bevölkerung nunmehr schon wieder “in” zu werden scheint. Die neuen Häuser in den Vorstädten hatten doch wesentlich mehr zu bieten als die uralten kurfürstlichen Quadratherbergen und so zogen viele Arbeiter im Verlauf der 70er und 80er aus der Innenstadt und überließen sie denen, die günstigen Wohnraum suchten oder froh waren, überhaupt eine Bleibe zu finden.

Stadtsafari
Heutzutage kann man die Quadratstraßen mit dem Segway erkunden. Die Stadtsafari gibt es seit 2009 und sie ist inzwischen hinlänglich bekannt. Neben Mannheim selbst kann man auch eine Tour nach Heidelberg unternehmen. Aber nichts gegen die Herausforderung Mannheimer Quadrate. Nun bin ich ja schon öfter gefahren und glaube, mit dem Gerät einigermaßen umgehen zu können.

Doch im Straßenverkehr, bei engen Straßen mit Einbahnstraßensystem, mit Lieferverkehr, eiligen, nervösen Autofahrern und der Straßenbahn im Rücken kitzelt es mächtig in den Nerven. Ganz schöne Herausforderung. Der Grünstreifen am Neckar ist erholsamer und der riesige Schloßplatz verleitet zu Highspeed-Wettrennen. Das Barockschloß gilt übrigens als eines der größten in ganz Europa.
Das gilt für die REM (Reiss-Engelhorn-Museen) zwar nicht, doch die sind dafür rührig und kreieren mannigfaltige Sonderausstellungen.

Zum Beispiel ist von Oktober 2015 bis April 2016 “Barock” das Thema. Bis Anfang November 2014 reitet der “letzte Ritter”, Maximilian I., in einer Sonderschau zum höfischen Turnier und danach gastieren ägyptische Götter.

Weitere Informationen bei:

Welcome Center / Tourist Information Mannheim
Willy-Brandt-Platz 5
68161 Mannheim
Tel.: +49 621 293-8700
Fax: +49 621 293-8701

Maritim Parkhotel Mannheim
Friedrichsplatz 2
68165 Mannheim
Telefon: +49 (0) 621 1588-0
Fax: +49 (0) 621 1588-800
Reservierung: +49 (0) 621 1588-834

Bericht:
Otger Jeske

Fotos:
Matthias Dikert