E-Bike-Modellregion Sonnenwald

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E-Bike-Modellregion Sonnenwald

E-Bikes – also Fahrräder mit elektrischer Unterstützung – sind ein brandaktuelles Thema. Wer hier Maßstäbe setzt, wird zu den touristischen Gewinnern gehören. Für echte Radler ist dies natürlich Firlefanz, vor allem wenn das Gelände flach bis sanft wellig keine großartigen Ansprüche an die Fitness stellt. Im Bayerischen Wald und anderen Mittel- und Hochgebirgslagen sieht es anders aus. Da kann selbst einem geübten Radler manchmal die elektrische Unterstützung nützlich sein. Mein Kollege (begeisterter Radler und den E-Bikes gegenüber aufgeschlossen und positiv eingestellt) und meine Wenigkeit (begeisterter Radler mit Ablehnung für solche Bikes) machten uns auf, um die Region Sonnenwald im Bayerischen Wald mit E-Bikes zu erkunden. Natürlich wäre es mir ein leichtes gewesen, einfach mit einem normalen Rad zu fahren, doch eine gerade hinter mich gebrachte Knie-OP ließ es ratsam erscheinen, mir keine hohen Belastungen zuzumuten, weswegen die E-Bike-Variante eine mir wie natürlich erscheinende Hilfe vor kam. Radeln oder nicht, war hier die Frage. Und damit wurde ich vom Saulus zum Paulus. Jedenfalls was das E-Biken in Gebirgsregionen angeht. Sind Sie schon einmal mit bequemer Trittfrequenz und nicht sonderlich großer Anstrengung mit 40 einen Berg hoch gedüst? Am Berg das Gefühl der Beschleunigung erlebt und leicht nach hinten gerissen zu werden? Ich schon!

Wir müssen hier jedoch begrifflich klare Linien ziehen. E-Bikes sind eigentlich Bikes, die ohne eigenes Zutun fahren und per „Gashebel“ in Bewegung gebracht werden. Also im weitesten Sinne die Verwandtschaft von Motorroller bzw. Motorrad bilden. Was wir hier getestet haben, wird unter dem Begriff „Pedelecs“ geführt. Und dies sind Fahrräder mit elektrischem Hilfsmotor, die eben nicht von alleine fahren können. Es gibt unterschiedliche Modelle mit unterschiedlichen Motorsystemen und dadurch bedingt mit unterschiedlicher Laufleistung und Ladezyklen. Wer sich im Gebirge eine Tagestour vornimmt, muss entweder einen Ersatzakku dabei haben oder ein Ladegerät und irgendwo mal eine längere Rast einplanen. Jedenfalls wenn man sich auf den Hilfsantrieb verlassen möchte bzw. muss. Die Laufleistung variierte doch deutlich in unserer Gruppe. Einige hatten schon Probleme, die Hälfte zu schaffen. Da wir später Fahrräder untereinander tauschten, bekam ich auch ein „Haltbarkeitsproblem“, obwohl der erste Tag bei mir so verlief, dass ich noch ausreichend Leistung bei Zielankunft besaß. Ergo bestimmt nicht der persönliche Verbrauchsstil, vielmehr ist es wohl die Kombination aus Akku und Mensch. Und Akkutausch war bei unseren Modellen nicht möglich. Mit der Unterstützung haushalten heißt die Devise. In ebenem Gelände macht es keinerlei Sinn, die Hilfsfunktion zuzuschalten. Und es macht auch keinerlei Sinn, die Dosierungsstufen zaghaft zu verwenden. Bei 3 Stellmöglichkeiten ist die „1“ unmerkbar und die „2“ bringt in Ebenen etwas. Diese Stellung versagt aber schon an Hängen, die förmlich nach der „3“ schreien. Wer nun jedoch der Meinung ist, ein wenig leichtes Treten reiche aus, um den Berg raufzuschießen, irrt. Der Motor unterstützt die Tretarbeit. Daraus folgert, dass je mehr Tretleistung investiert wird, die Unterstützung höher wird. Wer hier also den Fehler begeht, in niedrigen Gängen ohne Kraftaufwand fahren zu wollen, nudelt den Akku runter und erreicht wenig. Die „3“ rein schalten und dann ordentlich durch treten und immer wieder die Gänge hoch schalten, damit Kraftaufwand und Geschwindigkeit mithalten. Bei Abfahrten heißt es bei Pedelecs jedoch, Spaß verboten. Normalerweise quält man sich hoch und motiviert sich dann mit dem Spaß der Abfahrt. Bei Pedelecs sollte man hier jedoch die Bremse zuschalten, um Energie zurückzugewinnen. Was bedeutet, dass nach Möglichkeit eben auch Stellung „3“ zu wählen ist, die die höchste Bremskraft erzeugt und damit die höchste Ladeleistung nutzt. Das kann dann schon bergab anstrengend werden. Allerdings muss in der Betrachtung berücksichtigt werden, dass der Verbrauch immer höher ist als die Regeneration. 10 Anstiege und Abfahrten bedeutet mitnichten, Akku so wie am Anfang. Sondern, dass man vielleicht noch soviel regeneriert hat, um den elften Anstieg zu schaffen. Und wenn man sich den Spaß der Abfahrt gegönnt hätte, wäre vielleicht am neunten Ende gewesen. Das sind die Relationen. 

Derzeit wird überlegt, wie man die Region am besten erschließen kann, welche Systeme am komfortabelsten für den Gast wären und wirbt um Mitstreiter, denn was nutzt es, wenn lediglich 3 Stationen zwischen Passau und Naturpark zur Verfügung stehen. Es kann nur ein System die Lösung sein, welches die Region bzw. den gesamten Landkreis eng mit Ausleih- und Ladestationen vernetzt, so dass auch im Ernstfall leichter Reparaturservice in Anspruch genommen werden kann oder das Pedelec gleich umgetauscht wird. Es ist nämlich auch bei einem Pedelec nervig, wenn die Gangschaltung unpräzise arbeitet, das Licht nicht funktioniert oder die Geometrie von Lenker und Sattel nicht auf die Größe des Fahrers richtig abgestimmt ist. Letzteres wirkt sich je mehr aus, desto länger die Touren sind. Verspannungen in den Schultern und Rückenmuskeln sind jedenfalls nicht lustig. Und so mancher Radler-Vermieter bietet hier die Billig-Variante an, die nicht genügend Feinabstimmung liefert. Für die jüngere Generation mag noch der Foltergedanke was mit Sportlichkeit zu tun haben, im Alter fortgeschrittene möchten nicht noch zusätzlich Muskeln und Gelenke belasten. Mit den zur Verfügung gestellten Pedelecs hatte ich zumindest Glück, die Einstellmöglichkeiten reichten, die Touren waren jetzt aber auch nicht so umfangreich, wie ich sie normalerweise gefahren wäre, was mögliche Auswirkungen zusätzlich reduzierte. 

Unser Ausgangspunkt war der Gasthof „Zur Post“ in Zenting-Ranfels. Zenting liegt unten, Ranfels oben. Übrigens stammt der Name von der gleichnamigen Burg, die gleich um die Ecke vom Gasthaus steht. Heutzutage ist allerdings nicht mehr soviel Burg zu sehen, da die Nutzung der Burgkapelle als Gemeindekirche und der Anlage als zugehörige Räumlichkeiten das Bild bestimmen und in den letzten Jahren aufwändige Sanierungsarbeiten an standen. Die alte Mauer war zerfressen von Bewuchs und Einsturz gefährdet.

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Unsere erste Tour führte uns nach Schloss Ramelsberg in Schönberg. Nein, vom Schloss ist nicht mehr viel zu sehen. Es ist eine Brennerei. Und die Besichtigung war das Ziel. Der bayerische Wald ist bekannt für seine alkoholische Spezialität „Bärwurz“. Normalerweise redet man aber von Bärwurzereien. Die Wurzel wird in Alkohol eingelegt, der den Geschmack annimmt. Ist ein Verfahren, wie es von jedem auch privat durchgeführt werden kann und von vielen mit Garten- und Waldprodukten auch wird. Die Schlossbrennerei dagegen brennt klassisch. Also nach Ansetzung wird erhitzt und destilliert. Danach wird mindestens 5 Jahre gelagert, bevor der Tropfen in den Verkauf kommt. Dies hat Einfluss auf den Preis. Die Produkte der Schlossbrennerei sind keine folkloristischen Low Budget Produkte. Übrigens, Dank neuer hygienischer Gesetze ist die Besichtigung der eigentlichen Produktion mittlerweile verboten. Eine multimediale Vorführung und die Erklärungen des Chefs (jedenfalls bei unserer Gruppe) ersetzen heutzutage die beliebte Besichtigung. 

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Morgens losgefahren und diverse Anstiege sowie idyllische Aussichten hinter uns gebracht, kehren wir mittags in den Antoniushof in Schönberg ein. Mehrere Restaurants sowie Biergarten locken … und natürlich eine Steckdose für die Aufladung der ersten Akkus. Die Ausrede, noch ein Bier oder Wein zu nehmen, kommt gerne über die Lippen, wenn die Akkus noch nach Nahrung seufzen. Die Sonnenwald-Region steht für Entspannung und Erholung. Dem fügt man sich so gerne. Beschwerlich war die Fahrt hierher schon. Nach Besichtigung der Brennerei geht es zurück. Auf dem Weg liegt Loh (zwischen Solla und Entschenreuth) und damit das Naturdenkmal „Wackelstein“. Diese Findlingskonstruktion heißt so, weil es einen Punkt gibt, bei dem auch kleine Kinder den riesigen Felsen dazu bringen können, zu kippeln. Wir strengten uns mächtig an, fanden den Punkt jedoch nicht. Beeindruckend sieht es auch so aus.

Am zweiten Tag dann der alles überstrahlende Brotjacklriegel; ein 1.000er. Anfang der 50er installierte der Bayerische Rundfunk oben eine Sendeanlage und schon in den 10ern des letzten Jahrhunderts wurde ein erster Aussichtsturm vom Bayer. Wald-Verein gebaut. Der Sendemast ist weithin sichtbar, der Turm überragt zwar etwas die Wipfel, ist aber nicht erkennbar. Der Brotjackl mit Sendemast ist Wahrzeichen und Orientierungspunkt der gesamten Region. Vom Donautal kommend, ist es der erste 1.000er, dem man begegnet. Der heutige Turm bietet ein Turmstübchen und Terrasse für die Bewirtung von Gästen. Auf dem Turm, der bestiegen werden kann, ist eine 360 Grad-Webcam installiert, (www.region-sonnenwald.de/webcam). Die ursprüngliche Konstruktion des Turmes war offen, doch schon wenige Jahre nach dem Bau wurde der Betrieb aus Sicherheitsgründen untersagt und die heutige Version, ein mit Schindeln verkleideter Holzbau, wurde errichtet. Der Ausblick ist grandios! Übrigens sollte man im Wald auch mal rechts und links der Wege gucken, denn dort hat ein Künstler Wichtelmänner aus Holz platziert.

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Die Abfahrt bringt uns auf den jenseitigen Teil des Bergmassivs und somit nach Schöfweg. Dort wartet mit dem „Gasthof zum Sonnenwald“ Familie Aulinger auf einen Besuch. Ganz klar, es ist Mittag und damit Zeit, die Akkus nicht nur der Räder aufzuladen. Und der „Aulinger“ gehört unbedingt zur Kategorie „Vorzeige-Gastronomie“. Sehr angenehm. So behaglich, dass die Zeit ein wenig zu schnell verrinnt und die Rücktour nicht mehr über Innerzell führen kann, will man nicht zu spät wieder im Stall sein. Abends ein Abstecher ins „Kammbräu“, dem Zentinger-Traditionsgasthaus. Das Braurecht wurde 1740 verliehen und seit 1880 ist es im Besitz der Familie Kamm. Inzwischen wird hier nicht mehr gebraut. Dafür gibt es einen eigenen Kräutergarten und alle aufgetischten Gerichte künden davon. 

Frühlingsrezept gefällig?
„Gemischter Salat mit Wiesenknöterichrösti“
Frische Gartensalate (Feld, Eis, Lollo…)
Kräuter (Sauerampfer, Brennessel, Löwenzahn Kapuzinerkresse …)
Marinade: 1 Teil Rotwein, 2 Teile Öl
Fichtennadel- oder Ahornsirup, Salz , Senf, Zwiebel, Knoblauch
Rösti: 1 Karotte, 1 Kartoffel, junge, blanchierte Wiesenknöterichblätter, 1 Eigelb Salz, Pfeffer, Muskat
Guten Appetit!

Wir befinden uns im Landkreis Freyung-Grafenau und damit ist das Tor zum Nationalpark quasi vor der Haustür. Per Tagestour fährt man hin und wieder zurück. Aber wir möchten im Nationalpark eine Runde drehen. Und dazu nehmen wir die Räder mit. Das Infozentrum und den Baumwipfelpfad mit dem spektakulären „Ei“ lassen wir dabei liegen. Wir starten in Mauth und fahren das Reschbachtal hoch. Unser Parkguide berichtet von den Veränderungen, den vormaligen Befürchtungen der Schädlingsplage, zeigt uns die eingerichteten Schneisen zum Nutzwald, wie sich der Nationalpark-Wald erholt und regeneriert, die früher von Holzflößern nutzbar gemachten Bachverläufe, die sich langsam wieder in ihren ursprünglichen Zustand verwandeln.

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Eine entspannte Tour im Tal, bis zu einem jähen kaum enden wollenden Aufstieg hinauf in Richtung Finsterau. Das dortige Freilicht-Museum nehmen wir leider nicht mit, dafür unternehmen wir einen kurzen Abstecher ins Ski- und Sportstadium, wo nicht nur professionelle Sportler trainieren. Gut ausgebaute Wegnetze werden gerne von Freizeitsportlern (hier vor allem in den Nicht-Schnee-Monaten von Skatern) benutzt. Nur eine Handbreit weiter, befinden wir uns auf tschechischem Gebiet: Der Nationalpark Sumava ist die dortige Fortsetzung. Unsere Tour hat wieder eine Regenerationspause verdient. Wir besuchen das mit einer idyllischen Aussicht nach hinten gesegnete Landhotel „Bärnriegel“. Von dort geht es zurück zum Ausgangspunkt. 

Zum Abschluss ohne Räder lockt der Baumwipfelpfad. Das spektakuläre Ei mit seinen 44 m Höhe muss man gesehen haben. Der Pfad ist über 1 Km lang und das Ei besitzt eine Aussichtsplattform. Der komplette Pfad ist Rollstuhl gerecht und bietet dennoch vor allem Kindern mit „abenteuerlichen Streckenabschnitten“ eine Herausforderung. Und der Ausblick ist atemberaubend. Der Pfad alleine ist nicht Tages füllend. Wer will, hängt das benachbarte Tierfreigehege mit einer Spazierzeit von rund 4 Stunden an: Braunbären, Wölfe, Wisente,Wildschweine, Luchse, Biber und weitere warten auf Besuch. Zur Information lädt das Besucherzentrum Hans-Eisenmann-Haus, welches von einem Pflanzen- und Gesteins-Freigelände umgeben ist. Es werden alle über 700 Pflanzen des bayerischen Waldes gezeigt und ebenso alle Gesteinsarten. Auch hier gilt, fast alles Rollie geeignet.

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Natürlich kann man auch im Anschluss an den Baumwipfelpfad andere Höhen erklimmen. Mit dem Igel-Bus im Naturpark bis in die Nähe des fast 1.400 m hohen Lusen fahren und einen der zahlreichen Rundwege durch die wilde Naturpark-Landschaft bewandern. Der Lusen ist vom Pfad nördlich gelegen, östlich geht es in Richtung Mauth, wo wir Tags zuvor starteten, und auf halben Wege gelangt man zum Steinberg, der deshalb so genannt wird, weil große Felsformationen eine charakteristische und auch magisch anziehende Landschaft beherrschen. Die Highlights sind der Schönbrunn-Blick und die Kleine sowie die Große Kanzel, jeweils knapp über 1.000 m hoch.

Es gäbe noch viel mehr zu berichten, aber entdecken sollten Sie selbst.

Weitere Informationen bei:

Tourist-Information Grafenau
Rathausgasse 1
94481 Grafenau
(0 85 52) 96 23 43 Fon
(0 85 52) 4690 Fax

Tourist-Information Stadt Freyung
Kurhaus Freyung
Am Markt 2
94078 Freyung
(0 85 51) 5 88-1 50 Fon
(0 85 51) 5 88-2 90 Fax

Text:
Otger Jeske

Fotos:
Matthias Dikert