7-Seen-Tour

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Mit dem Rad unterwegs in Brandenburgs Seenlandschaft

Routenempfehlungen? Ausgewiesene Radwege? Folgen Sie denen? Hat manchmal sein Gutes, manchmal verpassen Sie auch einiges. Wir haben die 7-Seen-Tour, eine offizielle Radroute, ein klein wenig variiert. Wir waren erstaunt, begeistert und verstimmt bei dem, was wir erlebt haben.
Unser Quartier haben wir in Brandenburg in der Pension Havelfloß bezogen. Damit sind wir fast richtig positioniert. Raus, die Ritterstraße hoch und links in die Plauer rein, dann Nicolaiplatz und die Magdeburger nehmen. Die offizielle Route führt hier schon einmal von der Pension über die St. Johanniskirche, also ein paar Meter durch den kleinen Park mit dem Slawendorf. Sie können nun der B1 folgen oder die Harlunger Straße nehmen (offiziell), um dann am Silokanal entlangzufahren. Bei der Quenzbrücke vereinen sich beide Wege wieder. 
Wir haben Pedelecs, also Fahrräder mit Elektrounterstützung. Im flachen Gelände eigentlich nicht die erste Wahl, denn man soll sich ja bewegen. Aber die elektrische Unterstützung sorgt dafür, daß sich auch Leute bewegen können, die sonst stark eingeschränkt wären. Aber treten müssen Sie schon selbst, das nimmt Ihnen das Pedelec nicht ab. Im Gegenteil, je schwächer man tritt, desto weniger Unterstützung erhält man. Dafür geht die Reichweite in die Knie, wenn man den Elektroantrieb wegen subjektiv mangelhafter Unterstützung hochfährt.

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Querfeldein
Die offizielle Route folgt nun der B1 bis nach Plaue. Vom Quenzsee sehen Sie gerade einmal etwas von der Brücke aus. Dem Plauer See begegnen Sie erst wieder in Plaue. Der Rest ist dröge, weswegen wir kurz nach der Quenzbrücke den Pfad in Richtung See wählen. Laut Karte ein Fuß- bzw. Wanderpfad. Hier gibt es keine Autos und wir haben einen herrlichen Blick auf den See. Am Hundestrand wird Pause eingelegt. Kurze Zeit später treten die ersten Vierpföter den Weg ins kühle Naß an. Waldi und Co. beargwöhnen uns und der Schalk im Nacken flüstert ihnen zu: „Fell ausschütteln“. Die offensichtlich gute Erziehung läßt sie dies dann doch abseits von uns verrichten. 
Wir folgen dem Weg, der sich entlang des Plauer Sees schlängelt. Dabei ist es nicht klar, ob diese Verdickung, die in der Karte als „untere Havelwasserstraße“ bezeichnet wird, zum See gehört oder nicht. Schöne Aussichtspunkte und Bänke warten hier auf Spaziergänger. Später wird es noch wild-idyllisch-romantisch, bevor man auf den Deich einbiegt. Wir sehen ein Schild: „europäisches Schutzgebiet mittlere Havelniederung“. Das Gelände wird ursprünglich gelassen und es gilt: Wege nicht verlassen. 

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Der Radweg neben der Bundesstraße mißt von Brücke zu Brücke fünf Kilometer, am See entlang sind es neun. Sie kommen hier auf alle Fälle nicht so schnell vorwärts. Nach rund einem Kilometer gibt es eine schmale Fußgängerbrücke mit Treppenstufen. Hier fluchen wir das erste Mal. Mit einem normalen Fahrrad schon nicht spaßig, mit dem schweren Pedelec eine kleine Qual. Pro Pedelec müssen zwei zufassen. Die Brücke führt über einen kleinen Stichkanal mit dem Schild 
„Hafen am Totenkopf“. Größere Boote können hier definitiv nicht langfahren. 

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Den nächsten Knackpunkt bildet ein Wasserverein, der den Seeweg abschneidet. Zwar erlauben (müssen?) sie den Durchgang (explizit auch für Fahrräder), doch das Drehkreuz ist für Fahrradfahrer eine einzige Zumutung. Irgendwie schaffen wir es, mit den Rädern durchzukommen. In Richtung Straße gibt es glücklicherweise ein normales Tor. 

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In Plaue dann die nächste Hürde – diesmal offensichtlich selbst angezettelt. Im Angesicht der drohenden Straße schlängeln wir uns den Trampelpfad am See weiter entlang, der das Gelände des Plauer Wassersportvereins umzieht, und stehen abrupt vor dem Ende: der alten Brücke. Malerisch, idyllisch und verfallen blinzelt uns die Konstruktion entgegen. Für Spaziergänger heißt es jetzt Treppensteigen. „Was gäbe ich jetzt für ein Alurad?“, schießt es mir durch den Kopf. „Umdrehen, die paar Meter zurück und sich die Straßendurchfahrt bei den Parkplätzen der Wassersportler suchen? Nee!“ Wir bugsieren die Pedelecs schweißtreibend den Abhang hinauf. Oben stellen wir fest, daß die Brücke tatsächlich tot ist. Die ehemaligen Fußgängerfurten sind nur noch zu erahnen. Verrostete Stahlskelette werden von Gittern versperrt. Die Fahrbahn ist mit Pollern für die Durchfahrt gesperrt und die Gleise wohl auch schon länger nicht mehr in Betrieb. Früher fuhr eine Straßenbahn von Brandenburg nach Plaue. Das ist lange her und es gibt Stimmen, die dieses Fehlen heutzutage bedauern. Hinten spannt sich die neue Brücke und man hört den Verkehr der Bundesstraße. Ein reiner Zweckbau und wir sind froh, daß die alte Brücke wenigstens noch für Fußgänger und Radler passierbar ist.

Touristisches Rahmenprogramm
Am anderen Ende der Brücke wartet links das Plauer Schloß samt Schloßgarten. Hier gibt es die erste Gelegenheit für eine Rast mit Essen. Der Hofladen vor der Schloßeinfahrt ist idyllisch und herzallerliebst. Hier gibt es einen Garten, einen Hof und Kaffee und Kuchen. Die Einrichtung ist … rudimentär und irgendwann in der Zeit stehengeblieben. So stelle ich mir einen Laden vor 100 Jahren vor.
Im Schloßcafé gibt es dagegen nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch etwas Herzhaftes. Und die Katze schert sich einen feuchten Kehricht darum, daß sie nicht rein darf. Innen gemütliche Zimmer und draußen Terrasse direkt am See, der sich hier schon wieder zur Havel verjüngt, um unter der alten und dahinter der neuen Brücke weiter den Weg nach Norden anzutreten. 
Das Schloß ist eher verwahrlost. Hier und da sind Instandhaltungsbemühungen sichtbar. Leider gehörte es nicht der Preußischen Königsfamilie, denn dann würde es heutzutage schon wieder glänzen. Bis 1993 war es ein Sprachinstitut, seitdem steht es leer – ein Investor wird noch gesucht. Baugenehmigungen existieren. Zuständig ist der Förderverein Schloß Plaue.

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Das Schloß wurde am Beginn des 18. Jahrhunderts an der Stelle einer mittelalterlichen Burganlage errichtet. Diese war strategisch günstig gewählt, denn es war der einzige Havelübergang zwischen Brandenburg und Rathenow. Der Schloßgarten selbst entwickelte sich im Laufe der Zeit und wurde den unterschiedlichen Moden angepaßt. Früher wesentlich größer, erstreckt er sich heute noch auf 19 Hektar. Der Radweg führt direkt hier durch. 
Vom Fontane-Denkmal hat man einen schönen Blick auf die Kirche und den ehemaligen Tontaubenschießstand in Form einer Seeterrasse. Letzteren besuchen wir, erstere nicht, obwohl hier an den Wänden gotische Wandmalereien prangen und die Kirche auch die reichen Grablegen der Plauer Herrschaft beherbergt.

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Wir fahren nun über die Seegartenbrücke nach Kirchmöser. Hier stand eine ehemalige Pulverfabrik. Später Reichsbahnausbesserungswerk (RAW). Die Errichtung der Pulverfabrik und die damit verbundene Zerstückelung des Schloßparks stieß Anfang des 20. Jahrhunderts auf heftige Proteste des örtlichen Grafen. Er bemängelte, daß die Verantwortlichen zu wenig Rücksicht auf die märkische Landschaft nahmen. Erfolgreich war er nicht und heute sind Pulverfabrik und RAW auch schon wieder Geschichte und die märkische Landschaft erobert sich Teile Stück für Stück zurück. Links der Seegartenbrücke sieht man noch den Wendsee. Drei von sieben haben wir damit.
Das RAW ist Abenteuerspielplatz und man schüttelt den Kopf, daß hier nichts passiert. Es gibt schöne, repräsentative Gebäude, die auf der Straßenfrontseite noch halbwegs glänzen, wenn man sich jedoch rückwärtig orientiert gravierende Spuren aufzuweisen haben. Das ehemalige Offizierscasino und spätere Kulturhaus (Klubhaus der Eisenbahner) ist gar noch schlimmer verwahrlost. Zu Zeiten des Seegartens war es ein beliebtes Ausflugslokal der Brandenburger. Inzwischen hat der Film die Kulisse entdeckt. 
Weiter hinten um den Wasserturm hat sich neue Industrie angesiedelt, vor allem bahnnahe. Zu bestimmten Anlässen wie dem Türmetag kann der Wasserturm auch bestiegen werden. Der ist eine Woche später, wenn wir nicht mehr hier sind. Pech gehabt. Wir wären gerne hinauf.

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Der offizielle Radweg führt auf der Straße lang. Wir bevorzugen die Industrieroute, den Industrielehrpfad Kirchmöser und stoßen im Bereich des Heiligen Sees wieder auf den vorgegebenen Weg. Wir finden, der Rundweg durch verfallene Industrieruinen lohnt. Wundern tun wir uns nur, daß lieber neu gebaut wird, statt Vorhandenes instandzusetzen. 

Ausflugszentrum
Wir scheren in Richtung Möserscher See ein. Konnte man schon den Heiligen See nur erahnen, versteckt sich der Große Wusterwitzer komplett vor den Blicken der Radler. Um ihn zu sehen, müßten wir am Ende von Kirchmöser ein kleines Stück der Historischen-Stadtkerne-Route in Richtung Wusterwitz folgen. 
Wir sitzen am Ende von Kirchmöser und lassen den Blick über die Idylle des Möserschen Sees schweifen. Hier beginnt die ausgebaute Strecke über Malge nach Buhnenhaus, ausgeschrieben für Skater und Rollis. Es ist abends. Das Anglerheim ist schon dichte. Dafür flanieren eine Menge Hunde mit ihrer Begleitung hier entlang und die Enten schauen, was sie abgreifen können. Es wird schwer, sich loszureißen, aber ein paar Kilometer warten noch auf uns. 

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Wir halten noch einmal an einer idyllischen Bucht. Schöne Aussicht über den See. Bei schönem Wetter im Sommer dürfte es hier eng werden.
Zwei Lokalitäten gibt es: Das Gasthaus am See (Freizeitparadies Malge) sowie das Buhnenhaus. In Malge sitzen Sie mit Blick auf Wasser, vom Buhnenhaus können wir nächtens das Wasser nicht sehen.
Noch ein kleines Stück hinter dem Restaurant steht die Fähre bereit, wenn Sie rechtzeitig kommen. Von Mai bis Oktober geht es auf der Brandenburger Niederhavel von 10 bis 17 Uhr nach Brandenburg. Soll eine schöne Strecke sein. Wir sind Stunden nach Betriebsschluß dort und müssen nun den restlichen Weg alleine bewerkstelligen. 
Wir kommen die Wilhelmsdorfer Straße nach Brandenburg rein. Links taucht die Jacobskapelle auf. Diese wurde zu Kaiserszeiten komplett versetzt. Die Straße heißt nun Jacobstraße und führt durch das Steintor. Dahinter heißt sie Steinstraße und ist neben der Hauptstraße Geschäftszentrum. Vor allem kulinarische Angebote warten auf Gäste. Vorne erahnen wir den Neustädtischen Markt. Heimische Gefühle machen sich breit. Links rum in die Hauptstraße und über die Jahrtausendbrücke. Wir sind wieder zu Hause in der Pension Havelfloß. 
An einem Tag sieben Seen, das schaffen Sie bei der Mecklenburgischen Seenplatte sicherlich nicht.

Weitere Informationen:
Touristinformation
Neustädtischer Markt 3
14776 Brandenburg an der Havel
Tel.: 03381 79 63 60

Pension Havelfloß
Altstädtische Fischerstraße 2
14770 Brandenburg an der Havel
Tel.: 03381 26 90 22

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Artikel:
Otger Jeske

Fotos:
Monika Hackert