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Die Lausitz im Wandel

Gestern Bergbauwüste, morgen Wasserparadies – die Brandenburger Lausitz ist im Umbruch begriffen und die letzten Stufen sind quasi erreicht. Nur noch ein paar Treppen. Anfang September 18 wurde der Gräbendorfer See als erster größerer Brandenburger See aus der Bergaufsicht entlassen. Das bedeutet, er ist fertig und wird nun von den Gemeinden verwaltet.
Im Zuge der internationalen Bauausstellung (IBA; von 2000 bis 2010) entstand das schwimmende Haus. Bis vor einiger Zeit als Tauchschule genutzt. Praktischerweise war das Ufer ein beliebter Strand. Heute ist davon nicht mehr viel zu sehen und das schwimmende Haus um weitere ergänzt. Diese sollen die Keimzelle für das geplante Familien-Resort „Möweninsel“ bilden. Geplant sind 16 schwimmende Ferienhäuser plus ein Feriendorf mit 54 einzelnen Häusern und ein Apartment-Haus. Es soll ein Sportstrand entstehen, eine Marina und weitere Strände. Die anderen Gemeinden werden wahrscheinlich mit Plänen nachziehen. Der See samt Ufer soll nämlich in kommunaler Hand bleiben.
Als Badesee hat sich der Gräbendorfer ja schon etabliert. Das Wasser hat Top-Qualität, mit einem konstanten pH von 7. Andernorts gibt es diesbezüglich noch einiges an Arbeit. Doch es fehlt derzeit an Parkplätzen, und nur eine öffentliche Toilette ist auch nicht gerade üppig. Das Einzugsgebiet reicht mittlerweile bis nach Cottbus und Dresden.
Übrigens stammt der Name „Möweninsel“ von der Insel im See. Andere Bergbaue hatten ebenfalls innenliegende Aufschüttungen, doch diese gingen durch die Flutungen verloren. Der Gräbendorfer ist der einzige, der eine Insel besitzt. Okay, der Senftenberger See auch, nur ist die Insel dort so groß, daß sie in der Regel gar nicht als solche wahrgenommen wird. Die Möweninsel ist Vogelschutzgebiet.

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Der Geschäftsführer der IBA Dr. Kühn war ein Visionär, der den Masterplan Tourismus für die gesamte Region entwickelt hat. Die Verantwortlichen haben das aufgegriffen und so hatten Touristiker in den Planungen zur neuen Infrastruktur viel zu sagen. Es gibt derzeit schon über 500 km Fahrrad- und Skatewege. Die Region ist klar auf Aktivurlaub gepolt. Gleichzeitig hat sich aber auch der barrierefreie Teil hochentwickelt. Es gibt jetzt schon über 100 Angebote. Und die Region ist immer noch im Entstehen. Senftenberg nimmt aber jetzt schon den sechsten Platz in der Tourismuszielliste des Landes Brandenburg ein.
Der Geschäftssitz der IBA war in Großräschen angesiedelt. Heute werden die IBA-Terrassen mit Gastronomie und Ausstellungsflächen genutzt. Man mußte seinerzeit schon viel Phantasie aufbringen, um hier das heutige Wasserparadies Großräschener See vor Augen zu haben. Ein ehemaliger Ableger ist zur Seebrücke umfunktioniert worden und machte sich ohne Wasser mit neuer Funktion ein wenig … ähem, deplatziert aus. Damals konnte man mit dem Geländewagen im heutigen See herumfahren.
Der Hafen ist weit fortgeschritten, aber noch nicht fertig. Bei den Planungen in den 90ern durfte es nicht einmal Hafen genannt werden. Die Gemeinde Großräschen hat sich jahrelang kreativer Einfälle bemühen müssen. Gebaut wurde er im Trockenen. Seit die LMVB (die mit der Sanierung der Region beauftragte Bundesgesellschaft) im Jahre 2017 die Flutung forciert hat, nimmt der See samt Hafen zunehmend Gestalt an. Anfang September 2018 wurde gerade der Bootskran installiert. Es gibt über 200 Liegeplatzbewerbungen aus dem Nahbereich und vor allem auch Dresden für die rund 100 Plätze.
Ein Ausflugsschiff ist ebenfalls schon vorhanden, darf aber noch nicht auslaufen. Dasselbe gilt für den Kutter, der das Thema „See“ in den Schulen dem Nachwuchs näherbringen soll. Traditionell hat die gesamte Lausitzregion mit Wasser nicht viel am Hut. Geprägt von kleinen Teichen und viel Trockenheit hat sich hier bäuerliches Know-how aufgebaut, welches in Deutschland im staubtrockenen Jahr 2018 andernorts oftmals fehlte.

Es geht aber auch um Bindung des Nachwuchses an die Region, um Chancen und Zukunft. 1990 hatte der Ort Großräschen 13.000 Einwohner, danach setzte Abwanderung ein. Seit ein paar Jahren hat sich der Ort auf 9.000 Bewohner stabilisiert. Schulen haben vor kurzem noch um das nackte Überleben gekämpft und nun müssen sie Schüler ablehnen, weil die Kapazitäten zu gering sind. In Ufernähe wollte ein vorausschauender Investor eine Wohnanlage mit Eigentumswohnungen bauen. Die Sparkasse hat sich strikt geweigert, dieses Vorhaben zu finanzieren. Jeder glaubte, der Investor würde sich hier sein Grab schaufeln. Als die entstandenen Wohnungen zügig verkauft waren, haben sich alle die Augen gerieben. Nun ist der zweite Teil der neuen Wohnanlage in der Planung.
Am Hang unterhalb der IBA-Terrassen ist ein Weingut entstanden. Wein in Brandenburg? In der Lausitz? Aufgrund der Hangneigung gilt der Wein obendrein als Steillage – das einzige Brandenburger Weingut mit Steillage und Südhang gibt es auch noch. Das heißt reichlich Sonne. Bei der Planung der Aufböschung dachte noch niemand an eine solche Nutzung. Die Uni hat in Wolkenberg ein Projekt gestartet und dadurch die Idee von Wein wieder in der Region verankert. In früheren Zeiten war Wein schon einmal weit verbreitet. Durch den technischen Fortschritt vor allem im 19. Jahrhundert wurden andere Weine wesentlich günstiger und der Lausitzer Wein starb aus. Mit seinen 7,2 pH und Geschiebemergel als Boden sind die Voraussetzungen für den Weinanbau ähnlich gut wie in Burgund.
Der Landwirt Herr Wobar erkannte hier Potential und tat sich mit seiner Gattin in der Auswahl der Sorten schwer. Eins war klar, die Reben sollen die nächsten 25 Jahre bleiben und aufgrund von Nachhaltigkeitsüberlegungen kam man dann auf pilzresistente Sorten. Man spart dabei rund 70 Prozent Chemie. Aufgerebt wurde roter und weißer Wein, aufgeteilt in die Sorten Solaris, Johanniter, Cabernet blanc und Pinotin. Allerdings ist die Menge zu gering, um selbst aus den Trauben Wein herzustellen. Dafür ist das sächsische Weinhaus Prinz von der Lippe unter Kellermeister Jacques du Preez verantwortlich. Anerkennung gibt es für das neue Gut. Die Weine kommen an. Allerdings verbietet das Brandenburger Weinrecht, an Prämierungen teilzunehmen, was ja immer ein besonderer Marketingeffekt für die prämierten Weingüter ist. Vielleicht wird hier ja noch nachgebessert.

Der rote Pinotin wird in Stahltank und Eichenfass ausgebaut. Am liebsten würde der Kellermeister alles Rote in die Eiche stecken. Meinen Segen hätte er. Mundete mir am besten. Nur sind eben nicht alle Gäste dieser Meinung und bestellen rege die Nicht-Barrique-Version. Aber da Geschmäcker verschieden sind, kann jeder versuchen, seinen Favoriten herauszufinden. Dafür gibt es diverse Veranstaltungen wie den „Tag des offenen Weinberges“ oder das „Federweißerfest“.

Artikel und Fotos: Otger Jeske