Auf den Spuren von Huckleberry Finn

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Abenteuer mit dem Floß in Brandenburg

Hatte Huckleberry Angst? Ich glaube nicht. Abenteuerlust verträgt sich damit nicht. Aber es gab seinerzeit keine Verkehrsregeln, die Wasserschutzpolizei war auch noch nicht geboren und einen Motor hatte sein Floß-Hausboot auch nicht. Huckleberry ließ sich mit der Strömung treiben. Der Strom war groß und breit, Berufsschiffahrt, Ausflugs-, Motor- und Segelboote tummelten sich eher nicht. Obwohl ein Schaufelraddampfer in voller Fahrt sicherlich auch auf kein Floß Rücksicht nahm und es einfach unterpflügte.

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Dafür gibt es heute ein Echolot: 4,3 Meter … 2,5 Meter … 1,8 Meter … Bei einem Meter piept der automatische Alarmsummer. Jetzt sind noch rund 50 cm Wasser unter dem Floß. Rote Tonne links, grüne rechts. Die Verkehrsordnung wie auf der Straße: rechtsfahren. Im Zweifelsfall hält sich niemand daran. Da fährt ein Segler durch den Engpaß Mitte-links und wird von einem Motorboot links außen überholt. Na prima, das ist genau unsere „Wasserstraßenseite“, das Motorboot überholt sozusagen auf der Gegenfahrbahn, genau dort, wo wir eigentlich langfahren müßten. Das Geschoß ist allerdings schneller, und wir können ordnungsgemäß den Kurs beibehalten. 
Ich atme auf, als wir die Flüsse/Kanäle und Molen-Engpässe hinter uns gelassen haben und wir auf dem offenen See tuckern. Hier hat man Platz. Am Anfang ist es ein Problem, das Floß gerade zu halten: Steuer nach links, das Boot fährt nach links – irgendwann in den nächsten paar Sekunden. Und wie präzise, das merkt man erst hinterher. Hektisches Gegensteuern bringt rein gar nichts. Jedenfalls nicht im Augenblick, denn auch hier die Reaktion im Zeitlupentempo. Nicht gut für enge Kanäle und dichten Schiffsverkehr. Ruhe und Gelassenheit sind die richtigen Tugenden für das Floß. Nun, die konnte ein Herr Huckleberry Finn auch haben, wir streßgeplagten Wohlstandsgesellschaftler müssen erst einmal runterkommen.

Die Vorbereitung
Floßfahren scheint gerade beliebt zu werden. Große und kleinere Flöße tummeln sich auf Seen und Flüssen, einige in Bungalowform, andere mit urigem „Holz-Tipi“-Aufbau. Das weckt Begehrlichkeiten und so beschlossen wir, dies einmal zu probieren. Ist ja eigentlich kein Ding. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei maximal 5/6 Kilometer die Stunde. Drei Stunden Fahrzeit sind also überschlagsmäßig 15 Kilometer. das schaffe ich mit dem Fahrrad in einer Stunde, wenn ich mich beeile auch deutlich schneller. Für Profis ist es eher eine Sache von Minuten. Wir planen filmische Szenen, urige und idyllische Aufnahmen mit Sehnsuchtscharakter, malen uns Bilder wie zu Huckleberrys Zeiten und können den Start kaum erwarten.

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Wir starten in Brandenburg an der Havel. Die nette, kleine Pension mit dem treffenden Namen „Havelfloß“ liegt direkt neben der Jahrtausendbrücke. Neun Zimmer in einem umgebauten Lagerschuppen. Sieben oben mit Doppeletage und zwei ebenerdig. Das Brückencafé an der Jahrtausendbrücke gehört ebenfalls dazu. Hier kann man Kanus mieten. Der Ursprung. Die Flöße sind die Idee von Herrn Dierich, dem Mann der Betreiberin – alles selbst konstruiert und umgesetzt. 
Wir verstauen das nicht benötigte Gepäck und schleppen den Rest zum Steg. Da im Wasser liegen sie: Alexander, Hermann, Theodor … unser.
Dann kommt die Einweisung: Echolot, Steuer, Motor starten, Schraube kontrollieren, Haken, Stangen und Seile, Geschirr, Gaskocher und Bettenbau. Klo? Da wäre ein chemisches Notklo im Schrank … „Unsere Gäste bevorzugen die sanitären Möglichkeiten an den Anlegern.“ Einen solchen gibt es zum Beispiel in Radewege. Ist ungefähr eineinhalb Stunde entfernt. Die Möglichkeit des Ankerns ist gegeben, einen vorne und einen hinten, gegenüberliegende Seite, damit das Floß nicht um die Ankerschnur trudelt. Die Möglichkeit wird dann recht schnell ad acta gelegt. Man bräuchte dann vielleicht noch ein kleines Beiboot, um an Land zu kommen. Zudem erscheint mir das mit Anker werfen und Seil sichern – natürlich vor dem Werfen, sonst ist es mit dem Anker im See verschwunden – ein wenig zu abenteuerlich für das erste Mal.
Der erste Schreck kommt, als die Einweiserin etwas von Polizei redet. Die dürfen jederzeit an Bord kommen, um zu kontrollieren. Also das und das und das muß vorgezeigt werden können, die Papiere sind dort. Ah ja, die Polizei weiß wahrscheinlich sehr viel besser, wo alles ist und kann sich sicher selbst bedienen. Dann wird die Regelkunde aufgeschlagen und ich fühle mich in die Fahrschule zurückversetzt. Mein Abenteuertrieb kommt jetzt gerade mächtig unter die Räder und das Herz geht zwei Etagen tiefer. „Au weia“, denke ich, und blicke angespannt auf die roten Schilder. Alles Verbote oder Achtung. In der Praxis steht dann ein Vorfahrtstraßenschild wie auf der Autostraße auch schon mal so ungünstig hinter Grünzeug versteckt, daß man erst ganz kurzfristig was sehen kann. Gut, daß es auf unserer Route die einzige Vorfahrtsregelung ist und wir „geimpft“ waren. Aber wir haben Glück, kein Berufsverkehr. 

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Einen weiteren Satz nach unten macht das Herz, als die Anlandungsregeln erklärt werden: „Also prinzipiell darf man überall anlegen und ankern, wo es nicht ausdrücklich verboten ist. Aber man darf nicht ins Schilf fahren, von Seerosen fernhalten und Buchten mittig zu den Schilfgürteln ansteuern. Dann sanft aufsetzen, Steg auslegen, hinten Steckstange rein, sichern. Dann Seile raus und mit Bodenankern an Land festmachen. Nicht an Bäumen oder Sträuchern, wenn das Ordnungsamt dies sieht, wird es teuer.“ Erscheint mir wie mit dem Fliegen: Fliegen kann jeder. Nur wie landet man? Bei unserem amerikanischen Abenteuervorbild war das einfach. Sandbank ansteuern, aufsetzen und fertig. Oder eben die Version mit Strippe und Baum. Und während ich noch über all das Gehörte sinniere, werden wir ins feuchte Naß geschubst.

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Die ersten Erfahrungen
Wenn Huckleberry Finn Hunger hatte, schmiß er die Schnur mit Haken in den großen Fluß. Die Beute wurde über Feuer geröstet. Problem gelöst. Heute benötigt man eine Angelgenehmigung und grillen auf dem Floß ist nicht. Dafür hat der Supermarkt einen Bootsanleger. Ab durch die Jahrtausendbrücke, dann noch die Luckenberger und rechts liegt die Einkaufsgelegenheit. Nun fährt man ja nicht alle Tage mit dem Floß zum Einkaufen und so wollen wir uns dies nicht entgehen lassen. Außerdem kann man schon mal das Antäuen üben und wenn das alles nicht klappt, hilfeschreiend am Heimathafen vorbeiziehen. 
Die erste Begegnung mit der Sirius. Das Ding ist groß und kommt durch die Brücke, dort, wo wir lang müssen und die Steuerradbewegungen werden hektisch. Passiert aber nix. Der Schweiß tritt auf die Stirn. Und wie durch ein Wunder ist die knifflige Situation geschafft. Ich erinnere mich an eine Begegnung mit dem Paddelboot und einem Ausflugskahn unter einer schmalen Brücke. Damals hatte ich keine aufsteigende Panik, auch wenn uns der Dampfer fast an der Brückenmauer zermatscht hat. Paddel gegen Wand und Hand an Dampferrumpf. Hier sehe ich uns schon von der Sirius in Grund und Boden gefahren. Später legen wir Kurs auf die eigentliche Route und die Sirius begegnet uns wieder. Diesmal rückwärtsfahrend. Aber jetzt sind wir schon erfahrener …

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Noch unter dem Eindruck des nassen Seegrabes legen wir beim Supermarkt an. Das geht besser als erwartet. Also ist doch irgendwas von der Einweisung hängengeblieben. Und ich frage mich, was für Figuren die anderen Anfänger schieben? Einen Tag vorher haben wir einen Einparkversuch beobachtet. Aufgrund der zeitlichen Gegebenheiten aber nicht bis zum Ende verfolgt. Ganz so schlecht sah es hier doch beim ersten Mal nicht aus. Aber es lag auch kein anderes Boot beim Supermarkt und Einparken auf einer Straße, in der keine anderen Autos parken, ist immer ein wenig einfacher. Ein paar Tage später sehe ich einen Dampfer zwischen zwei anderen einparken. „Okay“, denke ich, „der Käpt’n ist Profi“. Da war vorne und hinten vielleicht eine Handvoll Luft zwischen Bug und Heck. Es gab keine Berührung der Dampfer. 
Aber wirklich clever waren wir nicht. Wie sagte die Dame bei der Einweisung: „Mit der Strömung“, und was mache ich? Natürlich gegen die Strömung. Probestunde unter erschwerten Bedingungen, denn Verkehr ist in der Stadt eigentlich immer. Die Boote kommen und gehen: große, kleine. 
Wir entscheiden uns beim Einkaufen gegen die Grillversion und für den Gaskocher. Was ist abenteuerlicher? Wie oft habe ich schon gegrillt? Na eben, Propangas war in meiner Kinderzeit im Ferienbungalow und dort schwang Mutter den Kochlöffel und Vater wachte mit Argusaugen über die Propanflasche. Ich durfte ihn begleiten, wenn aufgefüllt werden mußte. Darum müssen wir uns hier keine Sorgen machen, auch nicht um den Sprit für den Motor. Reicht für das, was wir vorhaben, locker. 

Ein Hauch von Weltmeer
Also endlich auf dem Beetzsee. Eigentlich ist es kein See, sondern eine Seenkette, 18 Kilometer lang. Zwischen den einzelnen Seen sind Engstellen, wenn der Wasserstand niedrig ist, ist es auch eine Engstelle nach unten. Wir haben viel Wasser unterm Kiel – wenn das Echolot vertrauenswürdig ist. In den Riewendsee kann man nicht fahren, denn da führt eine Stromleitung über den Verbindungskanal, und diese liegt sehr tief, bedeutet also Gefahr.
Ich fahre Manöver, probiere Lenkung und Reaktionszeiten, schaue auf das Echolot. Und auf einmal ein wütendes Piepen. Ich erschrecke. Waren doch gerade noch zwei, drei Meter. Wir sind bei rund einem Meter angelangt. das Ufer ist bedenklich nahe gerückt. Wellengang und Uferlinie bilden ein falsches Bild im Kopf. Ich suche einen Punkt und versuche, gerade zu fahren. Keine Chance. Der Wellengang zeigt an: wir fahren schief. Schaue ich nach hinten in die Strudelbildung, ist die Linie fast schnurgerade. Ich reibe mir die Augen. Solche Probleme habe ich mit dem Paddelboot nicht. Dafür wird das mitten auf dem See vom Wind immer in eine Richtung gedrückt. Es macht einfach keinen Spaß, immer gegen den Wind kämpfen zu müssen.
Apropos Wind. Der weht kräftig. Wie schnell fahren wir eigentlich? Bauartbedingt dürfen wir nicht schneller unterwegs sein. Ich fühle mich bei fast voller Geschwindigkeit jedoch zügiger unterwegs als auf dem Rad. Die Sportboote, die vorbeiflitzen und einen auch für das Floß merklichen Wellengang fabrizieren, zeigen, daß wir im Grunde fast auf dem Wasser stehen. Selbst ein Achter holt locker auf und zieht davon, wie ein Porsche an der Ampel einen Käfer abschüttelt. Geschwindigkeit ist relativ. 
Wir versuchen, in einer Bucht anzulegen. Der Platz sieht gut aus. Rein theoretisch würde das Floß auch passen. Ich schaffe es aber nicht, denn die sanfte Strömung schiebt uns mit dem Heck weg, wir stehen quer und der Schilfgürtel rückt bedrohlich nahe an die Reling. Ich traue mich aber auch nicht, mit höherer Geschwindigkeit auf den Strand aufzulaufen. Wer weiß, ob wir das Floß wieder flott kriegen? Ich breche ab, fahre um die Ecke und nehme den Anleger. Landgang!
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Radewege – Butzur – Ketzür – Mötzow
Radewege, Butzur und Ketzür liegen direkt am See. Mötzow ist weiter im Lande. In Radewege wirbt eine Tafel für das Domgut in Mötzow. Es wurde 1204 zum ersten Mal urkundlich erwähnt und gehörte dem Dom zu Brandenburg. Teilweise verpachtet, bewirtschaftete der Dom nach dem zweiten Weltkrieg wieder selbst. Heute ist das Gut wieder verpachtet. Der neue Pächter etablierte einen Erlebnishof und restaurierte die denkmalgeschützten Gebäude. Allerdings liegt das Gut nicht in Mötzow, wie der Name suggeriert, sondern bei Lünow, gegenüber von Ketzür.
Radewege selbst hat eine Kirche, die allerdings geschlossen ist, als wir ankommen. Der Ort gehört zu den ältesten im West-Havelland, und für die gotische Kirche wurde um das Jahr 1400 der Grundstein gelegt. Im 18. Jahrhundert wurde eine prägnante Turmhaube aufgesetzt, die von Brandenburg aus gut zu erkennen war. 1973 ist diese Konstruktion durch Blitzschlag zerstört worden. Seitdem gibt es das heutige unspektakuläre Dach.

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Ansonsten spielt sich das Leben an der Anlegestelle ab. Am Ufer führt der Storchenradweg entlang. In der Hafengastronomie treffen sich die Bootscrews mit den Radlern und Einheimischen. 
Butzur hat Industriegeschichte samt Bahnhof, jedoch keinen direkten Anschluß vom Wasser aus. Wir sehen es auf der Vorbeifahrt irgendwo am linken Ufer. 
Ketzür sehen wir nur bei Nacht und das auch nicht wirklich. In der Nähe vom Ankerplatz gibt es eine Brücke. Wir vertreten uns in der Dunkelheit die Beine. Überall raschelt es und unwillkürlich denkt man an Bewaffnung. Plötzlich rast ein Reh aus dem Unterholz und rennt uns fast um. Haken vor uns die Straße runter und mit dem nächsten Haken wieder im seitlichen Gebüsch. Wer hat sich mehr erschrocken? Bei meiner nächtlichen Begegnung mit einem kapitalen Wildschwein vor einigen Jahren ging es ganz gemütlich zu. Kam aus dem Nebel, trottete einfach vorbei und hat nicht einmal gegrüßt.
Dabei hat Ketzür durchaus etwas zu bieten: die Dorfkirche mit Renaissance-Malereien, das Gutshaus aus dem 16. Jahrhundert, sowie die im Havelland seltene Bockwindmühle.

Der Schlafplatz
Als wir zurückkommen, radelt der Hafenmeister herbei: „Euer Boot? Wollt ihr hierbleiben?“ Tagsüber kostet das Anlegen nichts. Übernachten kostet eine kleine Gebühr. Es ist ungefähr 18 Uhr und wir hätten noch rund anderthalb Stunden zum Sonnenuntergang. Ab dann dürfen wir nicht mehr fahren. Also ist die Antwort einfach: „Nein, wir legen gleich ab.“
Und schon geht es wieder auf die offene See. Fast, erstmal müssen wir das Nadelöhr durchqueren, welches den Beetzsee mit dem Ketzürer Beetzsee verbindet. Eng, Gegenverkehr und Brücke. Langsame Fahrt voraus. Recht schnell engt sich der See wieder ein und windet sich zum nächsten Engpaß. Vorbei ziehen Ferienhäuser und Schilfgürtel mit so kleinen Buchten, daß ich einen Landungsversuch gar nicht erst wage. Und außerdem, wenn da Häuschen stehen, ist es wohl verboten. Der Strand vom Campingplatz Ketzür sieht gut aus. Von weitem sehe ich ein Schild und breche die Annäherung ab. Später erfahren wir, daß das nicht unbedingt sein muß, denn einige stellen Verbotsschilder widerrechtlich auf. Woher sollen wir wissen, was ein richtiges Anwesen ist und was nicht? Einen Anleger scheint es in Ketzür nicht zu geben. Bald wird es dunkel und wir müssen einen Schlafplatz finden. Grabow, gegenüberliegend, hat auch nichts zu bieten. Die Uferbereiche sind dicht mit Schilfgürteln gesäumt. 
Nun kommen wir in die nächste Enge und laut Karte liegt auf der anderen seite Lünow und etwas weiter Bollmannsruh. Bagow und Päwesien sind am anderen Ende des dritten Sees. Danach ist eh Ende. Aber für die gesamte Strecke benötigt man vier bis fünf Stunden. Bis 12 Uhr am nächsten Tag müssen die Flöße wieder zu Hause sein. Die nächsten Abenteuerlustigen warten rund eine Stunde später auf ihre Einweisung und vorher muß noch Abnahme gemacht und geputzt werden. 
Im ellenlang erscheinenden Kanal tut sich dann eine Bucht auf. Die kleinen davor waren von Anglern besetzt. Diese bleiben wohl die Nacht und machen noch Party. Das Floß hätte dort eh keinen Platz gehabt. Die Stelle hier erscheint gut. Kurzum vertäuen wir den Kahn. Das geht flotter und einfacher, als es während der Einweisung geklungen hat. Auch die Sicherheitsstange, die zwar unhandlich ist und so hoch raussteht, daß Sichern mit Seil kaum möglich erscheint, erweist sich nicht als großes Problem. Ankerlicht einschalten und ans Essen denken. 
Wir sehen am Strand Spuren von Feuer. Grillen wäre kein Problem gewesen. Wir werfen den Propangasherd an. Das Hantieren mit dem Blechgeschirr erscheint abenteuerlich. Nudeln mit Soße kriegen wir hin. Allerdings ist das Trennen der Nudeln vom Wasser recht schwierig. 
Zum Essen holen wir den Tisch rein. Es ist zwar überraschend angenehm, aber draußen gibt es kein Licht. Außerdem stürzten sich die in der Nähe liegenden Fluggeschwader sofort auf das Floß. Auch andere Lebewesen haben Hunger.

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Unsere Liste, was man alles an Bord gebrauchen könnte. Sie dürfen überlegen, was Sie davon haben wollen – ich weiß, Huckleberry hätte gelacht, nicht über sondern uns aus. Der Wohlstandsmensch kommt hier durch:

  • Nudelsieb bzw. Schaumkelle (die für Spaghetti auch nicht reichen dürfte – wir hatten genau jene). Oder Sie planen gleich entsprechendes Essen ein, Kartoffeln zum Beispiel, bzw. vergnügen sich an Land in entsprechenden Lokalitäten.
  • Ein zweiter Topf wäre brauchbar
  • Kerzen für romantisches Dinner oder die Außenbeleuchtung, wahlweise Petroleumlampe (oder sein LED-Derivat)
  • Lesestoff oder Unterhaltungsspiele (oder Sie müssen sehr früh zu Bett gehen, wenn Sie nicht im Hochsommer unterwegs sind)
  • Sägemesser
  • Filteraufsatz für Kaffee
  • _1412447016Einrichten für die Nacht. Alles ein wenig kompliziert, wenn man nichts nach draußen schleppen will und die Türen sperrangelweit offen stehen. Wir schaffen es. Ist doch recht gemütlich. Allerdings ist das Floß für fünf Personen zugelassen. Drei unten, zwei oben. Ich schaue nach oben. Über uns wäre da jetzt die nächste Ebene. Mich gruselt bei der Vorstellung, eingeengt unter der Dachwölbung mir den mageren Platz auch noch mit jemandem teilen zu müssen. „Kinder sind dort oben dankbare Opfer“, denke ich. „Klettern gerne, nehmen nicht viel Platz weg und bauen gerne Höhlen. Ich wäre zu meiner Zeit begeistert gewesen.“
    Hatte sich der Beetzsee bisher von seiner schönen Seite gezeigt, kippt das Wetter bei der Rückfahrt. Es pfeift ein ordentlicher Wind und Nieselregen erschwert die Sicht. Ohne ein weiteres Mal anzuhalten geht es am Stück dem Heimathafen entgegen. Der Propangaskocher muß mehrmals ein Heißgetränk zaubern.
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  • Und so richtig habe ich das mit der Optik noch immer nicht im Griff. Ich orientiere mich an den Begrenzungen der Wasserski-Strecke. Wenn ich parallel dazu fahre, muß ich recht gerade über den See ziehen. Dann durch die Bojen und entlang der Regattastrecke. Von oben betrachtet schlingert der Kahn, als ob der Käpt’n zu viel steifen Grog erwischt hat. Die schwimmenden Paläste hinter uns fahren allerdings Slalom. Das ist olympische Disziplin, aber ich glaube, nicht für Hausboote.
    Und der Achter, der uns schon lange überholt hatte, kommt uns wieder entgegen. Ich friere am Steuer, bin dick angezogen und die Galeerenruderer tragen ein dünnes Leibchen mit kurzen Ärmeln. Zu einem echten Seebären fehlt mir noch ’ne Menge. Dabei saß ich vor Urzeiten als Kind selbst mal in solchen Booten (okay, okay, die Anfängerklasse, also dickbäuchiger und Vierer statt Achter).
    Viel los ist nicht auf dem See. Bescheidenes Wetter, Vormittag, unter der Woche und schon in der Nebensaison: Was soll hier los sein? Einen Tag später am späten Nachmittag bei der feierlichen Einweihung der Fritze-Bollmann-Statue an der Regattastrecke sieht das Bild wieder anders aus. Klar, das Wetter ist super und Feierabend ist für die meisten auch schon längst.
    Beim Anlegen stellen wir uns noch nicht wie die Profis an. Wir beherzigen den Rat, fahren durch die Brücke, wenden dahinter und treiben mit der Strömung zum Parkplatz. Vielleicht nicht ganz die beste Idee, fahre ich recht dicht, um mit dem Greifen des Pollers das Boot schon um die Ecke reinziehen zu können. Klappt nicht ganz, dennoch sieht das Manöver sehr passabel aus und wir schlittern gut rein. Seile raus und festtäuen.
    Schade, jetzt waren wir fast so weit, es mit dem großen Vorbild Huckleberry Finn aufnehmen zu können und dann wartet das jähe Ende. Land und Zivilisation umarmen uns. Ein letzter wehmütiger Blick auf das Floß und schon entern die Nachfolger die Planken der unendlichen Freiheit.
  • Weitere Informationen:
    Pension Havelfloß
    Altstädtische Fischerstraße 2
    14770 Brandenburg an der Havel
    Tel.: 03381 26 90 22Lesen Sie auch:
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