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Wassertour im Südosten Berlins

Wildau … als Berliner kennt man Wildau eigentlich nur vom A10-Center her. Die Autobahn führt in der Nähe vorbei und die S-Bahn hat Station auf dem Weg nach Königs-Wusterhausen. In der DDR war Wildau Industriestandort und ist es auch nach der Wende geblieben. Hinzu kommt die Uni, die sukzessive ausgebaut wurde, und seit kurzem hat Wildau auch sein Herz für die touristische Seite entdeckt.

Seit Anfang 2016 erstrahlt die Villa am See gleichermaßen als touristisches Zentrum, Hochzeitsparadies und Tagungsort. In der DDR war das als Ruderhaus bekannte Gebäude Klubhaus der Schwerindustrie, wurde allerdings schon in den 20er Jahren für höhere Schwartzkopf-Angestellte errichtet. Bis weit in die 90er trainierten hier noch Ruderer, bevor das Gebäude langsam dem Verfall übergeben wurde.
Im kleinen, extra errichteten Hafen legt die Kreis und Stern an, sowie eine kleine Ausflugs-Reederei.
Die Gastronomie ist gut aufgestellt, möchte aber auch über den Winter kommen, was nicht so einfach ist. Eine Hilfe für das Ensemble und dessen Wirtschaftlichkeit ist die Außenstelle des Standesamtes. In Wildau selbst gab es keins, Königs-Wusterhausen war hierfür zuständig. Und wenn es beliebt, kann man gleich nebenan im großen Saal feiern.

Von hier steigen wir auf ein Hausboot um. Es ist barrierefrei – wenn der- oder diejenige nicht gerade aufs Dach möchte. Das ist mit der steilen Leiter und enger Luke nicht mal für alle anderen einfach zu meistern. Dafür ist der Steuerstand beim Febomobil für Rollis herunterfahrbar. Vorderdeck, Wohnküche, Nasszelle und eine der beiden Schlafkabinen sind sowohl für Rollstuhl als auch Rollator nutzbar. Insgesamt gibt es sieben Schlafplätze. Ein Führerschein ist nicht erforderlich.
Der Vermieter Kuhnle Boote hat Standorte in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sowie eine eigene Werft. Bei 120 Booten in der Flotte ist dies nötig, wie die Chefin Dagmar Rockel-Kuhnle erklärt.
Im Angebot des Hausbootspezialisten ist auch ein Boot mit Fußbodenheizung im Salon. Wegen Binnenführerscheinpflicht bei entsprechender Leistung wird ein Großboot derzeit in eine führerscheinfreie Version umgebaut. Da hat dann die ganze Fußballmannschaft Platz – keine Ersatzspieler und auch kein Trainer; Pech gehabt!

Wir gleiten die Dahme entlang. Aufwärts. Es ist ein schöner Tag nach der ganzen späten Winterkälte. Langsam gleiten Häuser, Wiesen, Industrie und Brücken vorbei. Wildau geht praktisch in Königs-Wusterhausen über. Schließlich biegen wir ab. Es geht in den Krüpelsee bei Zernsdorf.
Die Mühlenschleuse bewältigt derzeit rund 20.000 Boote im Jahr. Bei zwei Hausbooten ist schon Schluss in der Kammer. Noch gibt es einen Schleusenwärter. Der erzählt, es gibt jede Menge kleiner Unfälle. Beliebt sind Quetschungen und aufgescheuerte Hände. Aber hin und wieder fallen auch Personen vom Boot in die Kammer. Es ist eng und ungewohnt. Viele haben Angst. Der Wärter kann beruhigend eingreifen und helfen. Gibt es kleinere technische Störungen, sind die schnell behebbar und die Schleuse hat keine Ausfälle. Ein Plädoyer für die Besatzung. Es wird im Zwei-Schicht-System gearbeitet und den derzeit verlängerten Öffnungszeiten ging ein jahrelanger Kampf voraus. Der Bund ist Träger und der sieht nur die Berufsschifffahrt. Man vergleicht Wasser mit Autobahn. Niemand käme auf die Idee, die Vorteile für den Individualverkehr bestreiten zu wollen. Bei Wasserstraßen ist dies jedoch der Fall. Die Tendenz geht zu automatischen Schleusen. Natürlich könnte man eine Kernzeit mit Wärter als Unterstützung schaffen und den Rest automatisch regeln, doch Personaleinsparungen … Wir erfreuen uns jedenfalls im Moment am hilfreichen, freundlichen Zurhandgehen.

Wir kehren in Paulines Hafencafé in Zernsdorf ein – das Zentrum für die Marina der BunBos, Bungalow-Boote der Aquare Vermietung. Wir nutzen die Gelegenheit und schauen uns die schwimmenden Ferienwohnungen an. Auf den ersten Blick denkt man an ein geräumiges Schlafzimmer mit Panoramafenster, wenn man bei offenen Türen einmal durchschaut. Bei näherem Hinsehen sind es zwei Schlafkabinen. Die Panoramasicht bleibt dennoch. Und auch wenn es nun nicht mehr geräumig erscheint, möchte man sich sofort ins Bett schmeißen und die Aussicht genießen.
Die BunBos sind fast die gesamte Saison über ausgelastet. Derzeit gibt es 120 schwimmende Bungalows, die führerscheinfrei sind. Im Prinzip, denn hier gilt es, den Charterschein zu machen. Theorie und Praxis sollen den zukünftigen Kapitän besser auf den Alltag vorbereiten. Das klappt problemlos, nur manchmal müssen einige nachsitzen.
Die Saison über bestimmen Gäste aus Deutschland, Österreich und der Schweiz das Bild, in der Nebensaison vor allem Berliner. Geht es zu den Hochzeiten in der Regel für zwei Wochen auf Tour, so dominiert der Kurztrip die Nebensaison. Naja, das Wetter ist dann eben nicht mehr ganz so prall und bei Pausenanlandungen wird oftmals festgestellt, „sehr schön hier, nur furchtbar einsam“. Und für den Winter gibt es keine Konzepte … bzw. hat die noch niemand aus der Branche erfunden. Prokurist David Setzermann erläutert: „Bei Nieselregen und Eis macht das wirklich keinen Spaß. Es fehlen kreative Konzepte, eine richtige Knalleridee. Das wäre auch wichtig für die Angestellten. Selbst mit Saisonverlängerung ist am 3.11. Schluss. Wer im März und Oktober unterwegs ist, muss sich auf Einsamkeit freuen.“ In der Branche ist es üblich, die Mitarbeiter dann weitestgehend dem Arbeitsamt zu überlassen. Aber gute Mitarbeiter zu finden wird immer schwerer. Also möchte man die eigentlich an sich binden.

Übrigens wird im Restaurant Eis aus einer kleinen Wildauer Manufaktur angeboten. Ich probiere Salzlakritz sowie die noch verbliebenen Winterkreationen Stolle und Lebkuchen. Das erste Eis des Jahres bei In-die-Sonne-Blinzeln auf der Terrasse. Zum draußen Essen war es mir dann aber doch noch zu frisch.

Ohne Boot wechseln wir nach Prieros und schauen erstmal bei der Werft Wendisch in Heidesee vorbei. Herr Wendisch hat 270 Boote im Winterlager und mehr Arbeit als Leute. Er hat sich schon in der DDR seit 1975 mit Bootsbau beschäftigt. 1981 erhielt er die Gewerbeerlaubnis. Ursprünglich Holzbootsbau gelernt, war dies in der DDR ohne Zukunftsaussicht, weswegen noch einmal neu der Stahlbootsbau gelernt wurde. Private Boote werden hier nicht gefertigt. Dazu sind CE-Zertifizierungen nötig und das ist … schwer. Das Kerngeschäft bilden Restaurationen und Winterlager. Aber es gibt auch den ein oder anderen Auftrag aus der Berufsschifffahrt, und die Alu-Katamarane für die Tagebau-Seen wurden hier gefertigt.
Herr Wendisch erzählt: „Es gibt wenig Infrastruktur für private Bootsbesitzer. Deswegen werden wir regelmäßig im Herbst überrannt. Für das Winter-Lager fahren Besitzer bis zu 100 km weit, und für die Fäkalentsorgung kommen Eigner schonmal 40/50 km weit her. Das ist vor allem das Problem der ausländischen Yachten. Diese haben oftmals nur 50- bis 60-Litertanks. Die reichen gerade mal ein Wochenende.“
Mit den Booten gibt es immer viel Arbeit. Zwar haben viele einen Servicevertrag rund um Elektrik und Maschine, aber am Rumpf muss auch immer mal was gearbeitet werden. Und Herr Wendisch zeigt uns ein frisch gemachtes Boot: „Beim Ankern wurde der Bug eingequetscht. Kein großes Problem.“ Der Kran zum Hieven schafft 30 Tonnen. „Das ist schon was“, kommentiert Herr Wendisch.

Wir verabschieden uns und fahren weiter in den Wald. Hier gibt es das Waldhaus. Eine Ferienanlage mit opulentem Gästehaus. Ein gewisser Herr Vogel aus Berlin, ein Fabrikant, erbaute dies in den 20er Jahren. Nach dem Krieg lebte und arbeitete Wilhelm Pieck bis zu seinem Tode hier. Danach übernahm die FDJ das Anwesen als Gästehaus. Nach der Wende kaufte die Germania-Fluggesellschaft das ganze, um es als Schulungszentrum zu nutzen. Später wurde die Nutzung erweitert und das ganze zu einer Hotelanlage umgebaut. Doch gerade in den schwachen Monaten werden hier immer noch die Germania-Schulungen abgehalten. Im Sommer dominieren neben Radfahrern vor allem Wassertouristen. Am Sonntag gibt es Brunch. Dafür braucht man keine Werbung mehr zu machen – es ist immer voll. Der Freitagsgrill etabliert sich auch langsam, und im Sommer gibt es fast jedes Wochenende eine Hochzeitsfeier. Das weitläufige Areal mit der Terrasse inklusive Blick auf den See ist herrlich … ruhig. Mitten im Wald gelegen nicht ganz so einfach zu finden, dafür mit vielen Pluspunkten gegenüber belebteren Orten. Wer eine Tagung in Berlin stattfinden lässt, muss damit leben, dass sich nach dem Ende alles im Quirl der Großstadt verläuft. Hier kann man nichts anderes, als sich abends zusammenzusetzen.

Wir essen Kuchen, trinken Kaffee und hören noch, dass die Zimmerzahl von 32 nicht wirklich optimal wäre und eine Aufstockung geplant sei. Aber da müssen eine Menge Leute von überzeugt werden, bevor der Spaten beginnen kann. Und die sitzen nicht im Gemeinderat oder der Chefetage Germania, denn die wollen auf alle Fälle.
Mir würde das Häuschen samt Terrasse schon reichen. Ich schließe die Augen und träume …

Bericht und Fotos: Otger Jeske