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Wanderung durch die Drei-Städte-Stadt Brandenburg an der Havel

Wir stehen auf dem Neustädtischen Markt. Hier steht ein Modell der Stadt. Die Trennung der drei Teile Altstadt, Neustadt und Dominsel wird von der Havel bestimmt. Wir stehen in der Neustadt. Normalerweise sollte hier ein Rathaus stehen. Man kann den Grundriß im Boden erkennen. Im zweiten Weltkrieg ist die Gegend hier durch Häuserkämpfe mit den vorrückenden Russen in zwei Wochen fast komplett zerstört worden. 
Den Altstädtern konnte dies nur recht sein, denn so kommt ihrem Rathaus die Würde zu, die Stadt zu vertreten, obwohl mit reichlich Abstand zum Kriegsende 2006 erst reaktiviert.

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Die Wundersteine der Stadtkirche
Gegenüber dem Marktplatz steht die St. Katharinenkirche. Es ist die größte Pfarrkirche der Stadt. Der heutige Kirchplatz war früher Friedhof. Der romanische Vorgängerbau aus dem 12. Jahrhundert ist noch erkennbar. Das Schiff war aus Fachwerk, einzig der Turm aus Stein. Der Turm hatte Symbolwirkung: fest, kräftig, mächtig. Später gab es mehr Menschen, damit mehr Kirchenbesucher und damit mehr Geld. Also wurde das Gotteshaus nachgerüstet. Dann geschah das große Unglück: Der mächtige Turm brach zusammen. Die Stadt hatte kein Geld und ein zusammengestürzter Kirchturm ist kein gutes Omen für eine Stadt. Glücklicherweise überlebten die drei Türmer das Unglück. Die Stadt verkündete weithin, daß sie die „Wundersteine“ verkaufen würde, die drei Menschen überleben lassen haben. Es setzte ein wahrer „Run“ auf die „Wundersteine“ ein, und alsbald war genügend Geld vorhanden, um einen Mailänder Architekten mit dem neuen Turm zu beauftragen, diesen noch größer zu bauen und mit einem Glockenspiel zu versehen.

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Geschäftstüchtig war man kirchlich auch anderweitig: Der heute bedeutende figurliche Außenschmuck mußte auch bezahlt werden. Also versuchte man, die ehrenwerten Bürger zur Kasse zu bitten. Doch da denen die Heiligen an der Fassade recht schnuppe waren, durften die Spender ihre Köpfe verewigen. Und auf einmal sprudelten die Einnahmen.
Der Nordkapellen-Anbau gilt heute als eines der bedeutendsten Bauwerke der norddeutschen Backsteingotik. Brandenburg an der Havel war nicht arm, die Stadt gehörte der Hanse an, lag an wichtigen Handelsstraßen und erst der Kurfürst trennte die Stadt zwangsweise von der Hanse. Offiziell ausgetreten war Brandenburg nie und so fühlt man sich auch heute noch als Hansestadt – nur legt man eben derzeit Wert darauf, es zu sein, aber nicht unbedingt es auch nach außen tragen zu müssen, da die Hanse-Zugehörigkeit heutzutage eher ein Marketing-Gag sei, den man nicht nötig hätte. Spricht hier hanseatisches Selbstverständnis und Understatement? 
Bei den Häusern, die das Kirchareal umschließen, findet sich auch das Standesamt, früher die erste Schule Brandenburgs. Die Schüler mußten sonntags immer die Predigt mitschreiben. Und ein kurioser Bau mit tonnenartigem Eingang findet sich auch dort: das ehemalige Weinlager. 

Brandeburger Original: Fritze Bollmann
Wir gehen das Gäßchen entlang und kommen zum Fritze-Bollmann-Brunnen an der Hauptstraße. Der Kerl ist ein Brandenburger Original und zugewandert. Geboren in Magdeburg, verschlug es ihn nach seiner Militärzeit nach Brandenburg, wo er sich in der Altstadt ansiedelte und ein Frisörgeschäft betrieb, um seine elf Kinder durchzubringen. Die Kundschaft war eher ärmlich und so hatte er seine liebe Not mit dem Lebensunterhalt. Doch Brandenburg, reich an Wasser, nährt seit Urzeiten. Und so war Fritze auch ein Angler. Ein Angler, dem offensichtlich ein Unglück geschehen ist. Da er als Choleriker nicht gerade beliebt war, kam schnell ein Spottlied zustande. Dies druckten findige Geschäfts­leute auf Postkarten und Fritze und Brandenburg wurden schnell über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Er klagte gegen diese Persönlichkeitsrechts­verletzung, erreichte jedoch nichts. Und das Schicksal ließ ihn dann auch noch recht jung an Krebs sterben. 

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Im Herbst 2014 wurde auf dem Beetzsee an der Regattastrecke ein Denkmal von Fritze eingeweiht. Mit großem Pomp, einer illustren Gästeschar und einem Schiffskorso zu Ehren von Fritze. 

Geld- und Amüsiermeile
In der Großen Münzenstraße war früher die Münze von Brandenburg. Es wurden hier aber auch Glocken und Kanonen gegossen. Und die Synagoge stand hier. Dort steht heute eine Grundschule, die Synagoge würde heute den Hof queren. Die Querstraße mit dem Namen Lindengasse hieß früher Judengasse. Wir befinden uns im mittelalterlichen Judenviertel der Stadt. Später gehörte diese Ecke zu den verrufensten der Stadt. Ein Edikt zu Beginn des 19. Jahrhunderts bescherte den Juden volle Bürgerrechte. Es gab also keine Auflagen mehr und so entflohen die Juden, die es sich leisten konnten, der Enge, während arme Deutsche die Lücken auffüllten und so etwas wie ein „Bahnhofsviertel“ erschufen. 
Im 14. und 15. Jahrhundert galt Brandenburg als reich. Wir schauen zum Mühlentorturm. Er sticht aus den typischen Stadttürmen heraus, präsentiert sich einzigartig, sogar elegant. Und dies nicht nur im Vergleich zu den anderen erhaltenen Stadttürmen. Er hält Vergleichen im gesamten Land stand. Architekt war ein Herr Kraft aus Stettin. 

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Die Schule in der Nähe war im Krieg Gefangenenlazarett. Vor allem alliierte Bomberbesatzungen waren hier untergebracht. Heute erinnert ein Gedenkstein an den Umstand, daß sie an ihrer eigenen Medizin starben. Bei einem Luftangriff, der eine Schneise der Verwüstung durch die Stadt schnitt, wurde auch das Lazarett vernichtet mit rund 100 Toten. 
Wir bewegen uns auf die Näthewindebrücke zu. Einer von zwei Möglichkeiten, zur Dominsel zu gelangen. Klassischerweise ist es der Mühlendamm, der beim Mühltorturm beginnt. 

Kurzer Ausflug: der slawische Ursprung
Die spätere Dominsel war Slawenburg. Nicht irgendeine, sondern der Regierungssitz eines Slawenfürsten, der ein riesiges Reich kontrollierte. Der letzte seines Sprosses bewegte sich in Richtung Askanier und vererbte diesem deutschen Fürstengeschlecht alles, als er kinderlos starb. Bis es soweit war, hatten sich jedoch die Weichen schon auf „natürlichem Wege“ Richtung Deutschland gestellt. Der Fürst selbst hatte deutsche Siedler ins Land geholt und eine Kirche genehmigt. Die Basis für die spätere Altstadt. Albrecht der Bär, der Askanier, erhielt vom König den Auftrag, eine Stadt zu bauen. Er gründete in Abgrenzung zur ursprünglich slawischen Siedlung die Neustadt am anderen Ufer. Hier führte ein wichtiger Handelsweg von Magdeburg in Richtung späteres Spandau. 
Daß Albrecht später sein Erbe gegen Slawen in blutigen Kriegen durchsetzen mußte, war einer wohl schon damals langen Tradition geschuldet. Nicht jeder der dem Fürsten untergebenen Adligen akzeptierte dessen Erbregelung. Und so bildete sich schnell eine slawische Front gegen die Askanier unter Jakso. Dem Zusammenleben von Deutschen und Slawen schadete dies jedoch nicht. „Business as usual“, wie man heute so schön sagt. Dafür verhärteten sich die Fronten zwischen den beiden Städten, die beide deutsch waren. Slawen lebten i. d. R. vor den Städten, nicht in ihnen. Und im 14. Jahrhundert waren Alt- und Neustadt so verfeindet, daß sie ihre zueinanderliegenden Tore zumauerten. Diese Situation wurde erst Jahrhunderte später vom Soldatenkönig beendet – sehr zum Mißfallen der Altstädter, die in die zweite Reihe gedrängt wurden. 
Die ehemalige Slawenburg hatte sich da schon längst in den Dombezirk verwandelt. Eine kirchenrechtliche Einheit mit eigenständigem Stadtrecht. Er schloß sich der vereinten Stadt erst im 20. Jahrhundert aus wirtschaftlichen Gründen an. Doch eine richtige Vereinigung hatte es nicht wirklich gegeben. Es existierten weiterhin zwei Märkte, zwei Fischmärkte und jeder Teil ging „seinen“ Geschäften nach, kaufte bei „seinen“ Kaufleuten, ließ von „seinen“ Handwerkern arbeiten. 

Der Dom
1165 wurde der Dom romanisch begonnen. Der überwiegende Teil ist jedoch gotisch. Später hat Schinkel einen Aufbau samt Turmhaube gebaut. Sein Urteil fiel jedoch nicht sonderlich vertrauenerweckend aus: In rund 100 Jahren wird der Dom Schrott sein. Der Kirche mußte dieser Umstand eigentlich schon länger klar gewesen sein. Denn schon im 15. Jahrhundert stürzte der zweite Turm ein und wurde nicht wiedererrichtet. Man war sich sehr wohl im Klaren, daß der Baugrund auf der ehemaligen Slawenburg statische Mängel aufweist. Der eingestürzte Turm stand auf dem ehemaligen Wall. 
Für das Bauwerk eine glückliche Fügung, die technischen Möglichkeiten erweiterten sich dramatisch. In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts konnte man ernsthaft zu nennende Sicherungen durchführen und nach der Wende umfangreich sanieren – nicht nur Gebäude, sondern auch den Untergrund, so daß jetzt nach dem Abschluß der Sanierungsarbeiten wieder 100 Jahre garantiert werden können. Es wird aber wohl ein Wettlauf mit der Zeit bleiben. 
Der Dom war für die normale Bevölkerung der Dominsel in der Regel nicht zugänglich. Nur zu hohen Festtagen durfte das gemeine Volk hinein. Die Pfarrkirche war die Petrikapelle, die sich mitten in der alten slawischen Burg befindet. Angeblich ist hier auch der letzte slawische Fürst begraben. 

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Auf dem Gelände des Domes war auch die Ritterakademie untergebracht. Otto Graf Lambsdorff war einer der letzten Schüler der vom 1. preußischen König eingerichteten Lehranstalt für den Adel, die kurzerhand in den alten Klausurräumen des Klosters untergebracht wurde. Die ursprüngliche Bestimmung erfüllten die Räumlichkeiten zu jener Zeit aber auch schon seit rund 200 Jahren nicht mehr. Die DDR griff den Bildungsstandort auf und die evangelische Kirche bewahrte diese Tradition nach der Wende.
Wir schlendern zur Bischof-Albrecht-Schönherr-Brücke. Ein kurzer Blick nach rechts. Am Ufer steht ein altes Fachwerk-Gebäude und verfällt im Dornröschen­schlaf. Einst war es das Bootshaus der Ritterakademie. Rudern war Standes­sport. Gegenüber, am anderen Ufer, lagen die Tennisplätze, ebenfalls Standessport. 

Die Altstadt
Wir kommen zum Grillendamm. Er wurde von der Altstadt im Mittelalter angelegt, weil man zum Havelstau kommen mußte. Ansonsten hätte man keine eigene Mühle betreiben können und bei den verhaßten Nachbarn der Neustadt kaufen müssen. Das heutige Aussehen erhielt der Damm im 19. Jahrhundert. Der Gartendirektor ließ amerikanische Sumpfzypressen anpflanzen. Ausschlag gab, daß der Baum viel, sehr viel Wasser benötigt und er somit geeignet war, das Gelände trockenzuhalten. Wir überschreiten die Homeyenbrücke. Links auf dem freien Areal soll Fritzes Häuschen gestanden haben. 
Vor den eigentlichen Toren der Stadt lebten die Slawen. Erstens durften sie nicht in der Stadt wohnen, zweitens war ihnen ein Konstrukt wie eine Stadt gänzlich unbekannt. Rund 1.000 Slawen lebten in verschiedenen Dörfern, die sich längst zu einer Großsiedlung gemausert hatten. Man achtete jedoch darauf, autark vom anderen zu bleiben. Und da unter den Askaniern Deutsche auch keine Chance hatten, Fischereirechte zu erhalten, kam die Gesetzgebung den slawischen Gewohnheiten nur nach und zementierte das, was sich schon lange in der Praxis herauskristallisiert hatte, denn die deutschen Siedler waren von slawischen Adligen nicht wegen der Fischerei ins Land geholt worden …
Kurz hinter dem Stadttor sind noch unsanierte Häuser zu sehen: inklusive starker Kampfspuren aus dem Krieg. Hier stand der Mühlentorbunker, zwei Stockwerke oben, eins unterirdisch, und leistete den auf dem Grillendamm vorrückenden Russen erbitterten Widerstand. 
Brandenburg hatte sich schon zur Preußenzeit in eine Garnisonsstadt verwandelt. Es war ein Kürassier-, ein Artillerie- und ein Infanterieregiment stationiert. Dazu kamen Regimentsstäbe. Ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.
Der ehemalige Stadtturm an dieser Stelle ist nicht mehr erhalten. Er wurde schon im 18. Jahrhundert mitsamt dem Tor kurzerhand abgerissen, da zu eng. 

Brandenburgs bekanntester Sohn
Wir wenden uns zur Kirche St. Gotthardt. In ihrer Nähe hatte der Bischof früher ein Palais. Nachdem der Kurfürst bei der Säkularisation sämtlichen Kirchenbesitz eingezogen hatte, überließ er zur Schuldentilgung derer von Saldern das Palais. Der alte Herr starb und die Witwe fragte sich, was sie mit dem Krempel anfangen sollte und verschenkte es kurzerhand an die Stadt. Die richtete eine Schule dort ein. Mit einem glücklichen Händchen wurden Lehrer ausgewählt, die eine hohe Anziehungskraft entwickelten. Bis zu 400 Schüler drängten sich so in der Spitze in der ehemaligen bischöflichen Stadtvilla, bis ein schlechtes Händchen den Untergang dieser Erfolgsgeschichte brachte. Irgendein Rektor war ein durchgeknallter Weltuntergangs-Gläubiger, der mit seiner pessimistischen Sichtweise die Schule auf das Abstellgleis schob. Als die Städte endgültig zusammengelegt wurden, wurde die Schule der neustädtischen angegliedert, doch für die war der Standort nur ein Klotz am Bein. 
Heute ist hier ein interkulturelles Zentrum untergebracht. 
Wegen des Glockenschalldrucks wurden die Luken des Glockenturmes bis auf den Boden gezogen. Einen geschäftigen Helfer Gottes brachte dies auf eine – wie er fand – geniale Idee: Er errichtete im Turm eine Schweinezucht. Die bis auf den Boden gezogenen Luken eigneten sich hervorragend, um den ganzen Dreck einfach rauszukehren. Dumm nur, daß genau darunter der Haupteingang zur Kirche lag. Es hagelte Beschwerdebriefe der Bürger.
Und genau hier wurde Loriot getauft – nicht mit Schweinedreck. Der ehemalige Küster war zu jener Zeit schon ein Gag am Rande. Nach der Wende setzte Loriot sich für Sanierungsarbeiten ein und griff auch selbst in die Tasche, um zu stiften. Ein typisches Denkmal steht indes auf dem Marktplatz vor dem Rathaus, nicht ganz so ernst wie der Roland, der hier über Recht und Ordnung wacht. 

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Ein in wissenschaftlichen Kreisen noch bekannter Sohn Brandenburgs wäre ebenfalls zu nennen: Ein Herr Sprengel schafft es aber kaum zu Landes- oder gar Weltruhm. Die Kirche betrieb ein eigenes Schulhaus, das älteste Branden­burgs. Der Soldatenkönig hatte einst die Schulpflicht eingeführt, weil er sowohl den Pöbel als auch die Vertreter seines eigenen Standes für strohdumm hielt. Die sogenannte Küsterschule war der Vorläufer der Volksschule und damit für die einfachen Schichten. Sprengels Vater wohnte als Frühprediger hier, und so wurde sein Sohn hier geboren. Und was machte „Klein“ Sprengel in diesem Umfeld wissenschaftlich halbwegs bekannt? Er entdeckte die Bestäubung der Pflanzen durch die Insekten – und kollidierte damit mit der gängigen Kirchen­lehre, weswegen er von ihr geächtet wurde. 500 Jahre früher wäre ein Scheiter­haufen wohl im Bereich des Möglichen gewesen. 
Dafür war die Kirche zu jener Zeit auch äußerst geschäftstüchtig: Draußen vor den Toren der Stadt gab es den Marienberg mit Marienkirche. Aus welchen Gründen auch immer wurde im Mittelalter jener Ort vom fernen Papst in Rom als Wallfahrtskirche angepriesen. Wer den Ablaß bezahlt und x-Mal um den Berg läuft, dem seien 20 Tage Sünden erlassen. Den Altstädtern mögen die Gründe egal gewesen sein. Pilger brachten Geld mit.

Das Gefängnis …
… steht heute nicht mehr. Teilweise ist hier die Stadtverwaltung angesiedelt, teilweise Parkplatz. Ab Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts stand es leer. Allgemein kommt danach in der Geschichtsschreibung ein ganz schwarzes Kapitel. 1939 begannen Überlegungen, wie man nutzlose Esser wegbekommt. Ausschlaggebend für diese Überlegungen waren die Erfahrungen aus dem 1. Weltkrieg. Je länger ein Krieg dauert, desto mehr Lazarettplätze benötigt man, und die Versorgung nicht nur der Truppe wird immer schwieriger. Also versuchte sich die Regierung Hitlers an Euthanasie: rund 200.000 psychisch Kranke gab es im Reich, nutzlose Esser, deren medizinisch ausgestatteteUNTERKÜNFTE für erwartete Frontverwundete bessere Verwendung hatten. Und für genau jenes Experiment wurde Brandenburg ausgesucht, genauer das leerstehende Gefängnis. Irgendjemand bestimmte „sinnlos“ und dann war schnell Ende. Das Auswahlverfahren war eher dubios, denn viele erschienen trotz Einschränkungen als arbeitsfähig und waren damit eben nicht nutzlos, da es im Verlaufe des Krieges schnell allerorten an Arbeitskräften mangelte und jeder dringend benötigt wurde. Dabei bewegte sich die Regierung auf glattem Eis, denn nach ihren eigenen Gesetzen war das, was sie dort taten, das, als was es eben auch heute verstanden wird: Mord. Es wurde also verschleiert. Menschen wurden nachts mit schwarzen Bussen und zugeklebten Scheiben eingeliefert. 40 Tode am Tag, rund 10.000 während der gesamten Betriebszeit. 40 Krematorien wurden in weitem Umkreis als „technische Versuchsanstalten“ betrieben. Die Wahl fiel auf diese Bezeichnung, weil alles, was mit Chemie zu tun hat, eh stinkt und daher unverfänglich erschien. Mit der Judenlösung hatte sich das Treiben hier erledigt, denn die psychisch Kranken wurden einfach in diese integriert.

Das Slawenexperiment
Am Ende des heutigen Parkplatzes wird es grün. Rechts ein Zaun und mittendrauf in roten Lettern: Slawendorf. „Ah“, denkt hier der Clevere, „Abzocke von Mittelalterfreaks“. Wir schauen durch den Eingang: Kasse, mittelalterlich aufgemachte Ecke, Kaffee, Kuchen, Bier und Wurst. Jetzt würde sich die vorgefaßte Meinung bestätigen. Doch das Slawendorf ist fast wissenschaftlich und wir befinden uns lediglich im Eingangsbereich. Besucher müssen ja auch die Chance haben, ein wenig zu regenerieren. 
Früher war das hier der Schulgarten. Im Mittelalter war hier die Havel. Der Grund eignet sich also schlecht fürs Bauen. Da es in Brandenburg a. d. H. schon länger Überlegungen für eine Siedlungsdokumentation gab, fiel die Entscheidung, hier ein Slawendorf zu schaffen. Für Besucher gibt es die Möglichkeit, fast stilecht zu übernachten. Es gibt fünf Hütten dafür. Sehr zum Leidwesen der Betreiber schreibt das Baurecht wenigstens eine elektrische Lichtquelle vor. Die gibt es dort.

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Ansonsten tummeln sich auf dem Gelände verschiedenste Gebäude der unterschiedlichsten slawischen Zeiten. Selbst ein angebranntes Haus ist sich selbst überlassen worden – Slawen glauben daran, daß ein Ort des Unglückes verflucht wäre und Menschen hier nicht neu bauen sollten. Als Skizze dienten archäologischeFUNDE, die mit alter Handwerkskunst hier wiedererweckt wurden: Blockhäuser, Flechtwerkhäuser, Backofen, Brunnen, Schmiede, Versammlungs­ort, Lagerhäuschen, Spielplatz … Und es gibt ein Schiff. Eines auf dem Trockenen, eines in der Havel. 
Veranstaltungen kann man hierBUCHEN, durchführen und der Film hat die Kulisse auch schon genutzt. Die Macher haben davon schöne Geschichten parat. Eignen sich gut fürs Lagerfeuer, Bier und Schenkelklopfen. 

Der Südwesten der Neustadt
Der Ausgang zur Havel führt zur Promenade. Jenseits zieht eine „tollkühn“ gebogene Fußgängerbrücke die Blicke auf sich. Früher wohnte neben dem heutigen Slawendorf ein reicher Unternehmer. Der Ausblick fiel auf eine Leer­fläche. Unternehmer sind deshalb Unternehmer, weil sie etwas unternehmen. Das jenseitige Ufer sollte eine Stichpromenade erhalten und er spendete dann jene Brücke, damit die Promenade nicht ins Leere läuft. Die extreme Biegung war dem Umstand geschuldet, daß eine Mostrichfabrik am Stichgraben lag und Lastkähne passieren mußten. 

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Heute führt der Uferweg bis zur Luckenberger Brücke. Dort zweigt der Stadtkanal ab. Am Theater vorbei und rechts in die Wollenweber rein. Von weitem sehen wir schon den Steintorturm. Bewegen wir uns über die Steintorbrücke die Jacobstraße Richtung Stadtgrenze, erreichen wir die Jacobskapelle. Es ist eine alte Spitalkapelle und sie steht nicht dort, wo sie ursprünglich gebaut wurde. Ende des 19. Jahrhunderts stand sie dem Straßenbau im Wege. Es war die letzte noch erhaltene Spitalkapelle und der Straßenbaumeister hatte wohl so was wie Gewissensbisse ob diesen Umstandes. Und so wurde sie um 10 m verschoben – wir schreiben das Jahr 1892, nicht 2012! Sie bekam den Spitznamen „verrückte“ Kapelle und dient heute Ausstellungen. 
Der Steintorturm wird als Museum verwendet. Ungefähr so lange, wie die Kapelle verrückt ist. Brandenburger Bürger und vor allem Industrielle waren im Kaiserreich von Geschichte begeistert. In den 20ern stiftete ein Unternehmer eine ganze Villa, die heute das Stadtmuseum birgt, das Frey-Haus. Interessanterweise wird im Turm die Havelschiffahrt dargestellt – nicht irgendwas mit Mittelalter, Kerker und Folter. Er ist mit 32 m Höhe der größte und wuchtigste Turm der Stadt und besitzt oben eine Aussichtsfläche. 

Die Kreuzfahrt hat die Stadt entdeckt
Ungefähr 2006 wurde im Brandenburger Stadtkanal eine Mole angelegt. Im Becken, wo auch der Hauptpegel Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet wurde. Hier trennt sich Obere und Untere Havel in der Höhe des Wasserspiegels wegen Mühlenstau. Die Müller mußten ihre Räder auf den Unterschied einstellen. Doch als der Hauptpegel gebaut wurde, der den Unterschied anzeigen sollte, wurden große Teile der vorhandenen Mühlen schon auf Dampf umgestellt. 
Die Stelle ist als Anleger für die großen Flußkreuzfahrtschiffe gut gewählt. Zum Dom ist es nicht weit. Der Neustädtische Markt mit der Einkaufsmeile Hauptstraße auch nicht weiter entfernt. Mittlerweile erhält Brandenburg an der Havel von 50 bis 60 Kreuzfahrtschiffen im Jahr Besuch.

Weitere Informationen:
Touristinformation
Neustädtischer Markt 3
14776 Brandenburg an der Havel
Tel.: 03381 79 63 60

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Text:
Otger Jeske

Fotos:
Monika Hackert
Otger Jeske