Darmstadt

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Mit Kultur und Wissenschaft Hand in Hand

Seit 1997 nennt sich Darmstadt „Wissenschaftsstadt“. Davor war das Motto: „Stadt in der die Künste leben.“ Und natürlich Industriestadt.
Begonnen hatte der Aufstieg Darmstadts mit dem ersten Großherzog Ludewig. 1806 kam der Anschluss an den Rheinbund und damit ging es los. Der Ursprung liegt jedoch rund 1.000 Jahre früher. Ein Graf von Katzenelnbogen erhielt das Recht, eine Befestigung zu bauen, die Siedlung drumherum das Stadtrecht. Die Basis für das Schloss und die Stadt war geschaffen. Bis 1945 war Darmstadt auch Landeshauptstadt. Wegen des hohen Industrieanteils wurde die Stadt im Krieg schwer zerstört, so dass viele Zweckbauten der 50er das Stadtbild dominieren. Mittlerweile verändert sich das Bild der Stadt aber schon wieder. 
Und mit dem Verlust des Status der Hauptstadt, der an Wiesbaden abgegeben werden musste, gingen viele nicht mehr benötigte Flächen an die Uni. Vielleicht nicht die schlechteste Entwicklung, was die Zukunftsfähigkeit der Stadt betrifft. Die herkömmliche Industrie ist allerorten am Sterben und Darmstadt hat mittlerweile den Ruf von Klein-Silicon-Valley. Viele Software-Firmen sind angesiedelt und profitieren von der Uni. Und Darmstadt ist eine Universitätsstadt. Von 152.000 Einwohnern sind 38.000 Studenten. 

Architektur
Typisches 50er-Jahre-Flair herrscht vor allem an der Rheinstraße. Kammbauten der 50er und 60er Jahre dominieren und gipfeln im Dugena-Haus. Stadtauswärts steht das Maritim Hotel und verdeckt den Blick auf den Gründerzeit-Bahnhof. Am anderen Ende mündet die Straße auf den Luisenplatz. Hier steht das Wahrzeichen, der lange Louis, eine Säule mit dem Bildnis des ersten Großherzogs. Schaut man rechts die Fußgängerzone hoch, erblickt man die Ludwigskirche. Ein klassizistischer Rundbau, der eine magische Ausstrahlung besitzt. Ein krasser Gegensatz in der eher tristen 50er-Jahre-Architektur der Fußgängerzone und der neben der Kirche liegenden Gußbetonarchitektur des Staatstheaters. Doch bei den Einheimischen ist der Name der Kirche eher ungebräuchlich, sie nennen den Bau „Käsglock“.
Vielleicht ist es dieses Spannungsbild, welches Einheimische bemühen, wenn sie vom für Außenstehende unscheinbaren Darmstadt reden: „Die Stadt erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Man muss schon zweimal hinschauen, um begeistert zu sein.“ Das braucht man beim Jugendstilbad nicht. 

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Es begeistert auf den ersten Blick. Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut, durften Männer und Frauen natürlich getrennt baden. Nachdem es ewig lange „krank durch Wasser“ hieß, erstarkte die Reformbewegung gerade im Kaiserreich und das kühle Nass bekam auf einmal den Stempel „Gesund durch Wasser“. Der schlechte Ruf war aber auch verständlich, denn man machte das Wasser dafür verantwortlich, krankheitsverursachend zu sein. Dabei war es nur die logische Konsequenz aus dem ungeklärten Einleiten von Abwasser und Fäkalien. 
Es entstanden 13 Becken, die sich in der Zahl zwar viel anhören, aber oft nur sehr klein sind. Eine eher ungewöhnliche Planung. Auf der anderen Seite waren im industrialisierten Kaiserreich Badeanstalten dringend nötig, um sich den Schmutz vom Pelz zu waschen. Badezimmer gab es zu jener Zeit nicht. Das war, wenn überhaupt, nur für die hohen Herrschaften. Und so gab es in den Badeanstalten auch Duschräume und kleine Zimmer mit Wannen. Auch die Möglichkeit zum Wäschewaschen wurde offeriert. Die blaue Grotte auf der rechten Seite war der Gemeinschafts- und Ruheraum der Männerabteilung. Zur Straße hin befanden sich die Duschen. Nach der Arbeit schnell reinspringen und abbrausen, ein wenig klönen und wieder raus. Alles musste schnell gehen. Die Besucherzahlen damals wie heute sind recht ähnlich: 250.000 pro Jahr. Nur heute ist das Verhalten ein anderes, die Gründe und die Aufenthaltsdauer. Die Krankenkassen hatten Standards aufgestellt, um die Volksgesundheit zu fördern. In diesem Bad trafen jedoch alle Einkommensschichten aufeinander, da die Ausstattung eher üppig war. Sogar Sauna gab es damals schon. Der Siegerentwurf wurde jedoch nicht umgesetzt. Teile der Ideen des Zweitplatzierten (F. Pützer) wurden von Buxbaum aufgegriffen. Der spätere Baustadtrat durfte seinen Entwurf umsetzen, bei dem besonders die „mäßigen Kosten“ überzeugten. 
Das Bad war schon zur Eröffnung elektrifiziert, was damals für öffentliche Gebäude eher die Ausnahme war. Sicherlich ein zusätzlicher Anreiz für die damaligen Besucher. 
Im Jahr 2008 wurde es restauriert und versucht, in den Originalzustand zu versetzen und damit die Zweckbau-Sünden der vergangen Jahrzehnte wiedergutzumachen. Die Wannenbäder hat man jedoch nicht versucht zu reaktivieren. Aus zwei ehemaligen Räumen ist einer geworden und diese dienen heute der Beauty-Abteilung als Behandlungsräume. Auch auf die Wiedereinführung der Geschlechtertrennung hat man verzichtet … dabei kenne ich Frauen, die sich dies mittlerweile wieder wünschen würden. 
Etwas weiter die Straße rauf kommt man zum Großen Woog, einem künstlich angelegten See, der auch ein Freibad hat. Die Trennung der Geschlechter ist dort erst in den 60er Jahren aufgehoben worden. 
Dann hält man sich links und kommt zur berühmten Mathildenhöhe

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1899 warb der damalige Herzog sieben Künstler, um den neuen Kunststil nach Darmstadt zu bringen. Der Hauptakteur war Olbrich. Sein ehemaliges Haus demonstriert auch die Zerstörung der Mathildenhöhe. Bei 70.000 Obdachlosen nach dem Krieg war die Zielsetzung, möglichst rasch wiederaufbauen und Wohnraum schaffen. Rekonstruktion und Denkmalschutz standen nicht auf der Agenda. Was also Original am Haus ist, ist nicht zerstört worden, der Rest ist ein Stilbruch und zweckmäßig hergerichtet. 
Damit die Künstler in Ruhe arbeiten können, erhielten sie vom Fürsten eine Apanage. Peter Behrens wurde dann zu AEG berufen und baute die große Turbinenhalle, bevor er für Hoechst in Frankfurt baute. 
So entwickelte sich Darmstadt schnell zu einem der führenden Zentren dieser jungen Kunstrichtung und war gleichauf mit Metropolen wie Paris, Wien oder Barcelona. 
Kurioserweise steht neben dem weithin sichtbaren Wahrzeichen der Künstlerkolonie, dem Hochzeitsturm, eine russisch-orthodoxe Kapelle. Sie gehört nicht der Kirche und ist eine private Einrichtung. Die Schwester des Großherzogs Ernst Ludwig heiratete den letzten russischen Zaren. Es war also eine Verneigung vor dem Zaren. 
Der eben erwähnte, markante Turm und Wahrzeichen Darmstadts wurde so benannt, weil es ein Geschenk der Bürgerschaft an den Großherzog zur Hochzeit war. Für die Planung war Olbrich zuständig. Ganz im Sinne der Schenkung kann heute dort Hochzeit gehalten werden. Daneben dient er noch als Aussichtsplattform.
Den Olbrichweg weiter hinauf, über die Bahnbrücke und man steht vor dem Eingang zur Rosenhöhe. Hier besonders sehenswert das Löwentor. Ich glaube mich kaum zu täuschen, daß dies verdächtig nach dem Pferdetor in Magdeburg aussieht. Die gleichen Säulen, das gleiche Material, die gleichen Zackenmuster und beides Mal genau sechs Säulen … Nur einmal Pferde und einmal Löwen. Die Rosenhöhe selbst ist ein Landschaftsgarten im englischen Stil, der auch die Mausoleen des großherzoglichen Hauses beinhaltet.
Ist aber nicht der einzige Landschaftsgarten, den Darmstadt besitzt. Mitten im Zentrum liegt der Herrengarten, der schon Ende des 18. Jahrhunderts entstand. Gleich daneben findet sich der streng geometrische Rokoko-Garten, der zur selben Zeit angelegt wurde. 
Ein Blickfänger neuerer Art ist die neue Kongresshalle, von den Einheimischen nicht gerade respektierlich „Scheppschachtel“ (schiefes Gebäude) genannt. Der zentrumsnahe Standort hinter dem Schloß war ewig ein aufgeschütteter Schotterplatz, der als Parkplatz diente. Bei den Bauarbeiten kamen Teile der ehemaligen Stadtmauer zum Vorschein, die kurzerhand in das Gebäude integriert wurden. Der Schotter als Retter der Stadtmauer.

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Treppe hoch und im Nebeneingang verschwinden führt zu Ausstellungsflächen. Wir waren bei „Georg Büchner„, die von Oktober 2013 bis Februar 2014 lief. Aufstand gegen die Obrigkeit, Büchner als Freiheitsheld und wie schnell Kommunikation und Nachrichtenverbreitung auch ohne neumodische Technik lief. 

Ein leeres Museum
Das Landesmuseum wurde schon im 18. Jahrhundert auf Initiative des damaligen Herzogs gegründet und im darauffolgenden Jahrhundert an den Staat übergeben. Es war einst eines der größten seiner Art in Deutschland und bis heute heißt es: „So ein Museum kann sich das Land nicht leisten.“ … Nun ja, das Land kann sich dieses Museum jetzt immerhin seit 200 Jahren nicht leisten – eine stolze Leistung!
Am Übergang zum 20. Jahrhundert musste dringend ein Neubau her und der bekannte Architekt Messel, der schon die Museumsinsel in Berlin plante, erhielt den Auftrag. Im Krieg beschädigt, in den 50ern repariert und in den 70ern im Zeitgeist, dass alles Alte minderwertig wäre, „vergewaltigt“, wurde es die letzten Jahre komplett geschlossen, um eine Generalsanierung durchzuführen. Dabei sollte so viel wie möglich von der Messelschen Ursprungsidee wieder rückgeführt werden.

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Die Eröffnung musste im Jahre 2013 jedoch auf 2014 verschoben werden. Dafür bekam die Öffentlichkeit ab Herbst 2013 die Möglichkeit, zu festgesetzten Zeiten (viermal Sonntags) das leere Museum besichtigen zu können. Nicht alle finden so etwas spannend. Aber wie viele Menschen auf dem Globus gibt es, die sich ein leeres Museum anschauen können, hautnah die Veränderungen, die ursprünglichen Planungen mit den späteren Sünden vergleichen können? Der Riss zog sich natürlich auch durch unsere Redaktion. Ich fand es spannend. 
Es gibt 14 Sammlungen, die wiederum in Untersammlungen gruppiert sind. Insgesamt stehen 12.000 qm Ausstellungsfläche zur Verfügung. Geplant werden ebenfalls regelmäßige Sonderausstellungen, um Archiv-Bestände auch ans Licht der Öffentlichkeit bringen zu können. Immerhin nimmt das Museum mit seiner Vielfalt einen Spitzenplatz in ganz Europa ein. Wandelt man durch die leeren Räume, Hallen und Gänge, füllen sich geistig die leeren Flächen. Hier das Mittelalter, wo Messel die Halle samt Innenhof im Stil einer Burg geplant hatte. Dort die kirchlichen Relikte im Umfeld einer Kathedrale. Die sachkundige Führung überforderte vielleicht den nicht fachmännischen Besucher. Aber es geht um Bilder, um Raumgestaltung, um Details, die später garantiert unentdeckt bleiben, da Augenmerk auf Exponate gerichtet. 
Ein Neubau steht neben dem alten Bau, in dem zukünftig die Malerei untergebracht sein wird. Betonzweckbauten sind jetzt ohne Exponate auch für mich nicht wirklich spannend. Obwohl die Namen, die sich im Besitz befinden es schon sind: Brueghel, Rubens, Macke, Dürer, Michelangelo, Rembrandt.
Ein Segen für die Sanierung war, dass zufällig die alten Baupläne erhalten geblieben sind. Sie wurden in der Bauabteilung des Museums archiviert und überstanden dort über 100 Jahre. 

Abenteuer Technik – Information begreifen
Dies ist das Motto des Mitmach-Museums zur Erklärung von Wissenschaft, auch MINT-Lernlabor genannt. Primär richtet es sich an Schulklassen, Bereich Informatik, da die Schulen dies alles gar nicht leisten können. Das „Museum“ ist an die Uni angegliedert. Der Regelbesuch ist ein Tag, es gibt aber auch Workshops für eine Woche. Z.B. ein 3D-Seminar. Hier wird aus handelsüblichen Zutaten ein ein 3D-Scanner gebaut und programmiert, in dem kleine Objekte erfasst und schließlich am 3D-Drucker ausgegeben werden können, damit die Teilnehmer auch was nach Hause mitnehmen können.

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Da es das erste und bisher einzige Schüler-Informatik-Labor in Deutschland ist, gibt es große Nachfrage auch überregional. 
Für die interessierte Öffentlichkeit ist es Sonntagnachmittag besuchbar. Da es doch ein wenig abseits liegt (Goethestr.4cool, verlaufen sich bisher eher wenig Besucher dorthin. Doch wenn das Ziel ist, Informatik verständlich und anschaubar Kindern zu präsentieren, sollten auch unbeleckte Erwachsene einen Aha-Effekt bekommen. Für Technik- bzw. Informatik-affine Besucher ist es eh ein Muß, klaro, Spielwiese. Ich habe mich dort wohlgefühlt …

Besonderheit Maritim-Hotel(s)
Darmstadt? Viele fragen sich, was sie dort eigentlich verloren haben. Und wenn sie da sind, bemerken sie am Hauptbahnhof das Konferenzhotel, welches jüngst komplett saniert wurde, und auf der anderen Seite breitlings das Rhein-Main-Hotel. Natürlich bietet Darmstadt nicht die Auslastung für zwei Hotels einer Gruppe, auch wenn es Industrie- und Wissenschaftsstandort ist. Die Nähe zu Frankfurt und die günstige Anbindung an die Bahn, die direkt mit einmal Umsteigen am Hauptbahnhof zum Messegelände führt, sorgen für Auslastung. Zu Messe-Stoßzeiten ist in Frankfurt nichts mehr zu kriegen, das Einzugsgebiet der Übernachtungsmöglichkeiten strahlt das gesamte Rhein-Main-Gebiet aus. 

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Und wer sich nicht mehr in den nächtlichen Frankfurter Nachmessetrubel stürzen und am nächsten Morgen übernächtigt durch die Hallen schleichen möchte, kann bequem nach außerhalb ausweichen. Und da gehört eben Darmstadt zur ersten Wahl. Und selbst zum Flughafen gibt es eine Direkt-Verbindung: Der Bus fährt vom Bahnhof und ist in 30 Minuten dort. 


Weitere Informationen bei:

Fremdenverkehrsamt Darmstadt
Luisenplatz 5
64283 Darmstadt
Tel.: 06151 – 134513
Fax: 06151 – 2799998

Maritim Konferenzhotel Darmstadt
Rheinstraße 105
64295 Darmstadt

Telefon: 06151 878-0
Fax: 06151 878-2169
Reservierung: 06151 303-125

Bericht:
Otger Jeske

Fotos: 
Matthias Dikert