Das barocke Fulda

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Im Zeichen der Ananas

Fulda

  • Hort der römisch-katholischen Lehre
  • Bonifatiusgründung
  • 744 Benediktinerkloster errichtet, mit dem absoluten Höhepunkt im Mittelalter mit 600 Mönchen


Fulda war weithin berühmt und geschätzt. Die Äbte wurden zu Abtfürsten, später sogar zu Bischöfen und regierten als Reichsfürsten. Die Eigenständigkeit verlor Fulda erst mit dem Wiener Kongreß nach den Wirren der Napoleonischen Zeit.

Fulda hatte Geld. Hier schlängelte sich die Handelsstraße von Frankfurt nach Leipzig durch, die zweite, sogar von europäischem Rang: Via Regia, die Handelsstraße von Spanien nach Kiew. So konnte man sich den größten Dom nördlich der Alpen leisten. Im 18. Jahrhundert mußte er jedoch einem Barock-Neubau weichen. Die Bauzeit betrug rekordverdächtige acht Jahre, für die Sanierung benötigte man 20, von 1994 bis 2014. Dabei wirkt er nicht sonderlich kitschig, was dem Barock ja immer anlastet. Er ist im italienischen Stil gehalten, was bedeutet, es gibt innen keine Vollbemalung. Das wirkt eher schlicht-elegant. 

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Wenn aber der heilige Bonifatius nicht den Wunsch gehabt hätte, in Fulda begraben zu werden, wäre der erste Dom sicherlich nicht so pompös geworden, und der Neubau hätte sicherlich auch nie stattgefunden – Geld hin, Geld her. Das Grab eines Heiligen galt als etwas Besonderes und mußte demzufolge entsprechend gewürdigt werden.
Das ursprüngliche Kloster wurde schon im 30-jährigen Krieg zerstört und ist anschließend im Renaissance-Stil neu erbaut worden. Neben dem Dom steht noch die Michaelskirche, welche recht ursprünglich erhalten geblieben ist. Errichtet im 9. Jahrhundert, stellt sie den Nachbau der Grabkapelle in Jerusalem dar. Sie diente den Mönchen als Totenkapelle. Der ehemalige Rundbau wurde später zu einem Kreuzbau erweitert, da wegen der hohen Anzahl an Mönchen Platz benötigt wurde. Das Rund als Kern blieb bei der Erweiterung unangetastet, da es auch eine spirituelle Bedeutung hat: kein Anfang, kein Ende. Quasi die Unendlichkeit, die Unsterblichkeit der Seele. 
Kurioserweise ist die ehemalige Totenkapelle heute eine überaus geschätzte Hochzeitskirche. 
Die Fuldaer Bürger hatten allerdings keinen Zugang zum Dom. Der war der Geistlichkeit vorbehalten. Nur an Hochfesten öffnete er seine Pforten für alle. Also mußte sich die Bürgerschaft eine eigene Kirche bauen. Die steht an prominenter Stelle beim Marktplatz. Geistlich wurde sie unter anderem von den Franziskanern mitversorgt, welche auch in heimischer Sprache predigten. Da unterschieden sie sich von den Benediktinern und dem Gros der Kirche. 

Die Orgel im Dom
Bei Orgelkonzerten gilt der Platz unter der großen Kuppel eher als ungünstig. Durch die Kuppel bedingt, können hier akustische Spiegelungen auftreten. 
Wir gehen nach oben. Das 100-Meter-Kirchenschiff wirkt völlig anders. Rechts und links des Organistenplatzes wachen Engelsköpfe und scheinen zu verkünden: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Oder sie sind der direkte göttliche Funke auf die Schaffenskraft des Organisten. 

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An den Wänden sind überlebensgroße Figuren eingelassen. Die Perspektive ist nach unten optimiert. Von oben wirkt alles brachialer. Auch der Sound der Orgel, welche 1996 neu konzeptioniert wurde. 1856 wurde eine Sauer-Orgel eingebaut, welche nicht gepaßt hat. Die damals Verantwortlichen „verstümmelten“ die Orgel. Mit der Neukonzeption wurden Riecke-Teile eingebaut. Ein Drittel ist jedoch noch Sauer. Das bringt Organisten heutzutage immer wieder ins Grübeln, weil der Sauer-Sound trotz kleinerem Anteil immer noch eine große Wirkung hat. 
Von hier blickt man in Richtung Kuppel. Der Ton nimmt denselben Weg. Dort hallt es und die Lautstärke nimmt ab. Die Lautstärke bei einer Orgel bemißt sich nicht nach Entfernung, hören wir, sondern nach Kubikmeter Volumen. Und das steigt in der Kuppel sprunghaft an. Deswegen sind hintere Plätze besser. Der Organist schiebt aber sofort hinterher, daß der Klang überall im Dom recht klar wäre und im Vergleich zu anderen es keine übliche Domakustik geben würde. Ergo seien hier die Plätze unter der Kuppel immer noch besser als ohne in anderen. 
Direkt bei der Orgel ist es laut, sehr laut sogar, wenn die hohen Töne gespielt werden. Die tiefen Bässe entweichen offenen Pfeifen mit 5,20 Meter Höhe. Beeindruckend!

Die Fasanerie – Jagdschloß der Fürstbischöfe
Ein paar Kilometer außerhalb Fuldas liegt eines der schönsten Barock-Schlösser Hessens: Die Fasanerie wurde im 18. Jahrhundert für die Fürstbischöfe erbaut. Später gehörte sie dem Fürstenhaus von Hessen-Kassel, dann den Landgrafen. Das Familienoberhaupt des Hauses Hessen leitet heute die Stiftung, die sich um den Erhalt des Kleinodes kümmert. Seit 2008 ist es als nationales Gut anerkannt.
Das eigentliche Jagdschloß existierte schon etwas länger, bevor der erste Bischof es durch umfangreiche Baumaßnahmen zur Sommerresidenz aufwertete. Dies tat er jedoch noch ohne den neuen Titel. Man sagte ihm sehr gute Kontakte zu Rom nach …
Es erhielt eine klassische H-Form, wobei der Verbindungsstrich die Säle beherbergt. Sie sind der gesellschaftliche Mittelpunkt der Anlage und bilden die barocke Spiegelachse. Früher Festgelage, heute Konzerte.

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Unten ist der Empfang. Heute steht ein Kassenhäuschen neben der Tordurchfahrt. Früher hielten die Kutschen und die Gäste sahen sich der Kaisertreppe ausgesetzt. Die Trennung von Spreu und Weizen erfolgte beim Empfang. War der Gast wichtig oder stand gar über dem Bischof, kam dieser die Treppe zur Begrüßung herab. War der Gast eher ein Rangniederer, mußte er zur Begrüßung hinauf. 
Und natürlich war der Kaiser nie hier gewesen. Viele Schlösser haben Kaisertreppen, -säle und sonstiges mit dem Begriff „Kaiser“. Ein Fürst war der Vertreter des Kaisers. In Abwesenheit des Kaisers nahm der Fürst die Stellung des Kaisers ein. Es war ein symbolischer Machtverweis, der damals auch allgemein verstanden wurde. 
Bei der Unterbringung in den Trakten setzte sich die adlige Zwei-Klassen-Gesellschaft fort. Da die Räumlichkeiten alle Durchgangszimmer waren, wohnten vorne in der Nähe der Treppen die Rangniederen. Je weiter man kam, desto höher die Ränge. 
Heutzutage ist viel „heidnische“ Mythenmalerei zu sehen. Dies war der Geschmack der weltlichen Landesherren, die den kirchlichen folgten. Vom ursprünglichen Schloß ist so gut wie nichts übrig geblieben. Napoleon ließ es komplett ausräumen. Es war abbruchreif und diente sogar als Lazarett.
Nach dem Beschluß der Säkularisation auf dem Wiener Kongreß bekam es das Land Hessen. Die regierende Adelsfamilie konnte jedoch nicht viel damit anfangen und wollte es eigentlich auch gar nicht. Eine Reaktivierung erfolgte erst wieder unter Wilhelm II., der jedoch auch nicht hier lebte. Deutlich ist der Zeitgeist des Klassizismus eingezogen. Und der ehemalige barocke Garten mußte einem trendy englischen weichen. Letztlich schob er seine Frau hierhin ab, da er eine Geliebte hatte und Auguste ihm nicht in die Quere kommen sollte. 
Sein Sohn war schließlich der letzte Kurfürst, ein Österreich-Unterstützer, der vor den preußischen Truppen ins Exil flüchten mußte. Preußen gab das Schloß nach zehn Jahren an die Landgrafen, einer Seitenlinie von Hessen-Kassel zurück. 
Interessanterweise gilt Elisabeth von Thüringen als Mutter der Landgrafen von Hessen.
Für Kinder gibt es spezielle „Märchenführungen“, die den Kleinen den Wohnort „Schloß“ auf eine andere Art und Weise erschließen. Kurz sehen wir noch ein Gespenst in den Gängen huschen, verfolgt von einer Schar Zwerge …
Wir wechseln die Seiten. Im Café der Fasanerie gibt es selbstgebackene Torten. Das sind XXL-Derivate, wofür es berühmt ist. Der dazugehörige Preis ist umwerfend freundlich. Allerdings scheint man hier ein wenig überfordert bei dem Ansturm der Gäste, die sich wegen des etwas mangelhaften Wetters in Scharen ins Café flüchten. Eine sentimentale Aussicht auf den Park, heißer Kaffee und ein großes Stück Kuchen – der perfekte Nachmittagstraum bei regenverhangenem Himmel.

Das Schokoladenmädchen
Schokolade war einmal ein heißes Eisen. Der Papst mußte schließlich klären, ob Speis oder Trank. Die Wahl fiel auf Speis und es erfolgte obendrein eine Freigabe für die Fastenzeit. Schokolade galt als kräftigend. Und genau jene Eigenschaft wurde als besonders wertvoll für die kräftezehrende Fastenzeit erachtet. Das war an katholischen Höfen so. An protestantischen Höfen waren Kaffee und Tee weit verbreitet. Das galt als weichmachend – jedenfalls in den Augen der Katholiken.
Das Schokoladenmädchen war für die Bewirtung der Gäste nach anstrengender Reise zuständig. Natürlich ein adliger Rang und eine sehr hochgeschätzte Stelle. Ein solcher Posten spiegelte auch einen gewissen Status des Hofes wieder. Nicht jeder konnte sich derartigen Luxus leisten. 
Und natürlich war man hier auch stolz darauf, frühzeitig die neuesten Trends aus Paris aufgreifen zu können. Dies galt als weltmännisch. Und so präsentiert uns das Schokoladenmädchen stolz ihre Flohfalle: Ein kleiner runder Holzgegenstand mit Löchern. Im Inneren befindet sich ein mit Ochsenblut getränkter Lappen. Der Floh krabbelt durch die Löcher rein, saugt sich mit Blut voll und kommt dann nicht mehr heraus. Warum sollte er aber auch das Flohparadies verlassen? Solange er hier Blut saugen kann, bleibt er drin und der Träger hat tagelang Ruhe. Wir schauen beschämt auf unsere altmodischen Bänder mit Honigbesatz, die selten überzeugend wirken.

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Dafür gönnen wir uns einen Schluck der berühmten Spätlese, welche Fulda erfunden hat. Wir lächeln gnädig in unsere Fächer. Eigentlich war es ein „Unfall“. Der Hof hat ein Ritual etabliert: Ein Reiter aus Hammelburg kommt, um den Bischof zu fragen, ob man mit der Weinlese beginnen dürfe. Bei positiver Antwort reitet er in die bischöflichen Weinberge zurück und verkündet den dortigen Mönchen, sie können nun beginnen. Einmal wollte es das Schicksal, daß sich der Reiter extrem verspätete. Nicht Stunden, nicht Tage … ganze Wochen zogen ins Land. Er überbrachte dennoch seine Botschaft. In der Zwischenzeit wurden die Mönche, welche geduldig auf die Botschaft warteten, von den Bauern ausgelacht. Der Wein vergammelte sichtbar an den Reben und alle waren sich sicher, der Bischof hat nächstes Jahr keinen Wein. Nachdem der Reiter sehr spät im Jahr das Okay schließlich doch noch überbrachte, begannen die Mönche, zu pflücken. Das Ergebnis im Folgejahr überraschte alle und die schadenfrohen Bauern schauten bedröppelt auf den Boden.

Übernachten
Das Maritim in Fulda schließt an die Orangerie an, die sich vis-à-vis des Schlosses befindet. Dazwischen erstreckt sich der barocke Schloßgarten mit prägendem Springbrunnen. Die ehemalige Orangerie ist Frühstücksraum, und hier speist der Gast unter einer prächtig ausgemalten Kuppel. Das Ganze nennt sich Apollo-Saal und man möchte ihn nicht mehr verlassen. So stellt man sich adliges Leben vor: eine schöne Aussicht, Tische zum Bersten gefüllt und viele Bedienstete …
Im Inneren der denkmalgeschützten Orangerie verstecken sich noch mehr Räumlichkeiten. Viele Brautpaare finden die Stuckdecken und pompösen Kronleuchter als romantisches Ambiente anziehend – konfessionsübergreifend, denn die evangelische Kirche ist ebenfalls in unmittelbarer Nähe. Bei dieser Erwähnung hört man es merklich im Untergrund poltern: Der erste Fürstbischof dreht sich im Grabe um. Dabei wurde die Orangerie schon zu seinen Zeiten für rauschende Feste genutzt.
Diesem ist man im Dianakeller sicherlich ein Stück näher. Früher Weinkeller, heute Restaurant in rustikalem Ambiente. Schwer und dunkel, entwickelt der Dianakeller bei Kerzenschein eine besondere Atmosphäre. Augen schließen und man sieht lauter trinkfreudige Mönche, die in ihren Kutten weinselig lächeln. 

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Es gibt in der Stadt noch drei große Hotels. Ein weiteres ist am Marktplatz geplant. Doch das verwahrloste Gebäude im Charme der 60er-Bunker-Konstruktionen ist von verwirrten Geistern unter Denkmalschutz gestellt worden. Über die Schildbürger amüsiert man sich noch heute, das was heute produziert wird, ist nicht lustig. Aber mindestens genauso wahnsinnig. Die Stadt möchte dort ein Hotel, das Gebäude steht sinnloserweise unter Denkmalschutz und die Vorschriften für Beherbergungsbetriebe erlauben in dieser Bausubstanz keine Hotelnutzung. 
Aber wirklich notwendig ist dieses Vorhaben nicht. Die Kapazitäten sind nicht knapp. Nur zu den Hochfesten gibt es wahre Pilgerströme. Ansonsten ist die Stadt Ziel vieler Tagesausflügler. Im Sommer ziehen die wechselnden Musicals im Fuldaer Schlosstheater viele zusätzliche Tagesgäste an. Immerhin seit 2004 eine feste kulturelle Einrichtung.

Die bürgerliche Stadt
Neben dem barocken Prunk kann der Besucher viel mittelalterliche Substanz entdecken. Da gibt es den Hexenturm, ehemals Teil der Stadtbefestigung. Hexen wurden hier nie eingesperrt. Daneben steht das Geburtshaus von Ferdinand Braun, dem Erfinder, dem wir das Fernsehen zu verdanken haben.
Um die Ecke geht es in den Severiberg. Hier steht die Severikirche, ursprünglich die Kirche der Wollweber. Es war die reichste Zunft der Stadt. Ihren Reichtum verdankten sie den schwarzköpfigen Rhönschafen, die mittlerweile fast ausgestorben sind. Später wurde die Kirche den Franziskanern zugeschlagen.
Gegenüber befindet sich die Bäckerei Ball. Sie hat den vagen Ruf, derzeit (2014) das beste Brot Fuldas zu produzieren. Samstags ist es oftmals schon am Vormittag restlos ausverkauft – trotz deutlicher Produktionszahlsteigerung. Die Bäckerei an sich ist aber auch herzallerliebst mit traditioneller Einrichtung ausgestattet. So was findet man heutzutage selten.
Schräg gegenüber steht der Rote Löwe. Ein Restaurant mit Tradition bis in das Mittelalter und natürlich in entsprechendem Fachwerkgebäude.

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Links der Kirche am Marktplatz steht das ehemalige Kanzlerpalais. Heute Sitz der VHS. Schräg gegenüber der Kirche steht das Salzhaus. Es zeigt deutlich die Bedeutung des Salzes im Mittelalter. Die ursprünglichen Erbauer haben sicherlich nicht im schlimmsten Alptraum daran gedacht, daß es einmal einem Musikinstrumenten-Händler gehören würde. 
Unweit des Stadtzentrums wird es schlagartig ruhig. An der Fulda wurde zur ersten hessischen Landesgartenschau 1994 das Aue-Gelände renaturiert und dient heute als Naherholungsgebiet mit vielfältigen sportlichen Möglichkeiten oder Kindervergnügungen. Auch an die kulinarische Versorgung muß man keine Gedanken verschwenden. Ein Biergarten lädt zum Verweilen ein.

Weitere Informationen:

Tourismus und Kongressmanagement Fulda
Bonifatiusplatz 1, 36037 Fulda
Telefon: 0661 102 18 13

Maritim Hotel am Schlossgarten Fulda
Pauluspromenade 2
36037 Fulda
Telefon: +49 (0) 661 282-0
Fax: +49 (0) 661 282-499
Reservierung: +49 (0) 661 282-0

Text:

Otger Jeske

Fotos:

Matthias Dikert
Bilder Innenansichten Schloss Fasanerie Copyright Kulturstiftung des Hauses Hessen, Schloss Fasanerie