Byntze – Binz – Prora

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Der schönste Strand der Insel

Naturerbezentrum Prora

Kennen Sie den Unterschied zwischen Naturerbe- und Naturschutz-Gebiet?
Macht nichts, Ihnen geht es nicht anders als wahrscheinlich den meisten. Die Bundesstiftung Umwelt hat eine gemeinnützige Gesellschaft gegründet, um die Ihr vom Bund übertragenen Naturschutzflächen zu betreuen. Dazu gehört auch die Naturerbefläche Prora, die drei Ökosysteme beinhaltet: Wald, Offenland und Feuchtgebiet. 
In Kombination von Baumwipfelpfad und Informationszentrum ist eine Anlage entstanden, die im Kern einen Aussichtsturm, den sogenannten Adlerhorst, präsentiert.
Die ersten Überlegungen für den Bau gab es Ende 2011, die Grundsteinlegung erfolgte Mitte 2012, die Eröffnung Mitte 2013. 
Die Lage ist gut, der Ausblick grandios. Die Prorer Wieck im Abschnitt um Prora ist eine schmale Stelle. Auf der einen Seite die Ostsee und im Rücken der kleine Jasmunder Bodden. Hier ziehen Adler ihre Kreise. Nichts beeinträchtigt den Ausblick auf der 82 Meter über dem Meeresspiegel thronenden Aussichtsplattform, und der Blick schweift weit über die Insel und hinaus auf das Meer. Upps! Eigentlich nicht, denn normalerweise ist die Küste diesig. Wenn man wirklich einmal einen klaren und weiten Blick hat, sollte es einem zu Denken geben. Spätestens am folgenden Tag wird dann das Wetter kippen, wenn nicht innerhalb der nächsten Stunden. 

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Natürlich können Sie auch außerhalb durch das Naturerbe-Gebiet schweifen. Z.B. zu den Feuersteinfeldern. In der Steinzeit war hier ein wichtiges Zentrum, denn Feuerstein wurde benötigt, nicht nur um Feuer zu entfachen. Vielmehr war er das Universalwerkzeug der Steinzeit. Und er kommt vorwiegend in der Kreide vor. Also war und ist Rügen ein Lieferant. Die Knollen werden aus der Kreide gewaschen und finden sich dann zum Beispiel am Strand. Zum Feuermachen war Feuerstein eigentlich nicht unbedingt notwendig, aber wegen seiner Härte gut geeignet. Deswegen wurde er auch noch zu Zeiten der Hinterlader-Schußwaffen als Zündhilfe verwendet. Und auch heute noch werden Werkzeuge daraus hergestellt, die den Waffen der Steinzeit entlehnt erscheinen: Skalpelle vor allem für die Schönheitschirurgie, denn sie sind rasiermesserscharf. Der Vorteil, die Wunden verheilen besser als bei der Verwendung von Stahlskalpellen und die Narbenbildung wird deutlich reduziert. Aber dies hat den Steinzeitmenschen nicht weiter interessiert …

KDF-Stadt Prora
Mitte der 30er wollte die deutsche Regierung ein Seebad für das Volk erschaffen. Schnell fiel die Wahl auf Rügen und dann auf die Prorer Wieck, die den “schönsten Strand” besitzt. Der Hitler’sche Größenwahn sollte 20.000 Urlaubern Unterkunft bieten. Später sollten noch vier weitere Standorte in ähnlichen Dimensionen von der KDF-Organisation errichtet werden. Die DDR übernahm die Planungen der Bespaßung der Bevölkerung, scherte sich oftmals jedoch nicht um landschaftliche Überlegungen. in diesem Fall übernahm die DDR sogar den Standort – gleich neben dem NVA-Gelände in Richtung Binz entstand das FDGB-Feriendomizil, welches heute noch den weitaus größten Teil der 14.000 Betten von Binz beherbergt.
Da die Gegend unter dem Dritten Reich nicht zu arg verschandelt werden sollte, wurden zwei Riegel geplant, keine Hochbauten. Noch heute gelten die Gebäude als längstes zusammenhängendes Bauwerk der Welt. Alle Zimmer sollten zum Strand ausgerichtet sein, die Entfernung zum Strand sollte einheitlich und nicht zu weit sein. Es gab Räume, wo durch offene Fenster auf Liegen die Seeluft eingeatmet werden sollte und in regelmäßigen Abständen waren Querriegel mit Kantine, gesellschaftlichen sowie sanitären Einrichtungen geplant. 

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Der Architekt Clemens Klotz heimste mit seinen an Le Corbusier angelehnten Plänen auf der Weltausstellung 1937 in Paris sogar einen Preis ein. Hitler wird wohl glücklich gewesen sein … Allerdings bestand er auf einer Festhalle, deren Plan von einem anderen Architekten stammte, denn, wie auch heute üblich, es gab einen Architekten-Wettbewerb im Rahmen einer Ausschreibung. Allein die Umsetzung produzierte eine Ruine, denn der Krieg kam in die Quere. Bis dahin waren gerade einmal die Skelette fertig. Die sowjetischen Truppen sprengten einen Block, versuchten sich an zwei weiteren und übergaben dann an die neu entstandene DDR. Die quartierte die kasernierte Volkspolizei (später NVA) ein, die die Gebäude je nach Bedarf fertigbauen ließ – ohne originale Baupläne, den jeweiligen militärischen Bedürfnissen angepasst. Der Gebäuderiegel hatte nun rund 10.000 Nutzer. 
Nach der Wende übernahm erst die Bundeswehr den Komplex, stellte die Nutzung jedoch zügig wieder ein. Danach verfiel die Anlage zusehends. Im Mittelteil etablierten sich zahlreiche Museen und Kunstprojekte. Irgendwann wurden die Blöcke weitestgehend an Investoren verkauft. 
Mittlerweile tut sich etwas in Richtung Zukunft. In zwei Blöcken haben die Arbeiten 2013 begonnen, um eine gemischte Nutzung aus Eigentumswohnungen und Hotel zu schaffen. Das Ensemble steht unter Denkmalschutz, was lange Zeit die Investoren nicht gerade in Scharen erscheinen ließ. Bedenkt man, dass der ursprüngliche Plan eigentlich gar nicht umgesetzt wurde und die Anlage lediglich als Stahlbetonskelett begonnen wurde, kann man sich ausmalen, welche Diskussionen mit dem Denkmalschutz für Investoren anstehen werden. 
Entdecken kann man die Anlage auch mit dem Naturerbe-Prora-Express. Die kleine Straßen-“Eisenbahn” fährt ab der Seebrücke in Binz und schaut selbstverständlich auch am Baumwipfelpfad vorbei.

Bäderort Binz
Ein altes Fischerdorf entwickelte Anfang des 19. Jahrhunderts einen einfachen Bäderbetrieb. Bis zum Ende des Jahrhunderts hatte es sich zum Geheimtipp gemausert. Der Kern des heutigen Seebades heißt heute Alt-Binz und geht auf die 80er Jahre des vorletzten Jahrhunderts zurück, als erste Hotels am Strand entstanden. Die folgenden Villen gehörten in erster Linie reichen Hamburgern und Berlinern. Heute steht der gesamte Ortskern unter Denkmalschutz. In der Regel greift der ja nur für die Fassade, doch beim ehemaligen Kurhaus gilt er auch für den Saal. 
Es hat eine etwas rührige Geschichte hinter sich: Kaum erbaut, erlebte es höchsten herrschaftlichen Besuch durch die Kaiserin. Vielleicht war dies der Grund, warum es schnell zu klein wurde und schon wenige Jahre später um- und ausgebaut werden sollte. Dabei brannte es ab und wurde neu errichtet. Dennoch konnte es sich den Ruf erkämpfen, das schönste seiner Art an der gesamten Ostseeküste zu sein. Nach der Wende wurde es Hotel und aufwendig saniert.
Die Promenaden-Villen reichten ursprünglich bis an die rückwärtige Straße. An der Promenade standen die Villen, dahinter erstreckten sich Gärten und Parks. In der DDR wurden diese Bereiche gerne für Garagen verwendet. Nach der Wende sind sie in der Regel verkauft worden, da die Grundstückswerte explodierten, weswegen heute hinter den Villen zumeist Neubauten zu sehen sind. 

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Eine Villa ist noch zu bewundern, die “Geschichte” schrieb: die erste Fertighausfertigung aus Wolgast. 70 Prozent sind noch im originalen Zustand erhalten, der Rest ist nach dem zweiten Weltkrieg aufgrund extremer Winter verheizt worden.
Das Hotel Villa Salve wurde von einer Gräfin um die Jahrhundertwende in der Kaiserzeit errichtet. Es diente später einer Freimaurerloge als Versammlungsort und war in der DDR erst Kindersanatorium dann Kindergarten. Nach der Wende wurde das Haus in ein Hotel umgewandelt und bekam wieder den „Adelsstempel“: diesmal des politischen Adels. Kanzler Kohl war der erste in einer Reihe von Politprominenz, die erste Kanzlerin kann gar schon zu den Stammgästen gezählt werden. Allerdings möchte die Villa Salve mehr als ein Promi-Schuppen sein und wirft familiären Charme in die Waagschale.


Weitere Informationen:

Kurverwaltung der Gemeinde Ostseebad Binz
Heinrich-Heine-Strasse 7
18609 Binz auf Rügen

Telefon: 038393 – 148148
Telefax: 038393 – 148145

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Text:
Otger Jeske

Fotos:
Matthias Dikert