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Mit der Bahn in die Erlebniswelt der Kreideküste

Seit 2011 sind die Buchenwälder des Nationalparks Jasmund auf Rügen Welterbe. Buchen an sich sind absolut dominant. Sie lassen andere Pflanzen kaum zu. Gäbe es den Menschen nicht, der überwiegende Teil Deutschlands bzw. Nordeuropas wäre mit Buchenwäldern übersät. Da es den Menschen gibt, greift er ein.

Der Baum an sich ist zwar weiterhin weit verbreitet, doch als Wald in seiner ursprünglichen Form nur noch sehr selten anzutreffen. Und an den Steilküsten der Kreideinsel Rügen war industrielle Waldnutzung eben nicht möglich, weswegen hier noch Urwald anzutreffen ist. Kern des Nationalparks. Weiter in das Land hinein wird der Wald anders. Reihe für Reihe, eng beieinander stehend gibt es nichts urwüchsiges. Wald von Menschen geschaffen, zweckdienlich. 

Startschuss der intensiven Waldnutzung war der Wechsel der Insel in preußischen Besitz. Mit dem 30-jährigen Krieg und dem Eintritt Schwedens in diesen, gehörte Rügen zu Schweden. Das änderte sich auch nach dem Krieg nicht. Sie blieb Beute. Anfang des 19. Jahrhunderts wechselte der Besitzer und Buche als Furnier wurde zunehmend gefragter. Die Bäume wurden in Reih und Glied gestellt, so eng, dass sie relativ gerade hoch wachsen und keine Äste ausbilden. Perfekte Latten und Bretter ohne Astlöcher. Die Nutzung hatte aber auch sein gutes. Jahrhundertelang hatten die Menschen sich aus dem Wald bedient. Und niemand hat darauf geachtet, dass man nicht mehr nimmt als nachkommt. 

Letztlich konnte ein Mensch vom Wald nicht leben, er benötigte Äcker und Wiesen für Getreide und Tier. Der Wald diente dem Heizmaterial – und zur Unterhaltung des Adels durch die Jagd. Und da die unwirtlichen Küstenstreifen eben für eine Nutzung der Holzindustrie nicht geeignet waren, sorgte diese vielleicht mit einem künstlichen Gürtel für den Schutz dieses dünnen Streifens, der sich weiterhin selbst 
überlassen wurde. Die Bäume hier haben ein Durchschnittsalter von 250 Jahren. Die preußischen Garde-Buchen von 100. Langfristiges Ziel des Naturparks ist es, den gesamten Bereich langsam in einen urwüchsigen Wald zurückzuführen. Nicht eingreifen lautet die Devise. Seit 1929 stehen große Teile des Gebietes schon unter Naturschutz.

Das Nationalparkzentrum wurde am Königsstuhl eingerichtet. Wem dies nichts sagt, das ist der berühmte Kreidefelsen von Rügen. Hier entstand im späten 19. Jahrhundert ein erstes Haus. Damals Hotel und Pension für die vielen Gäste, die im Zuge der Romantik die Kreidefelsen als Ausflugsziel entdeckt hatten. Die Gäste wurden vom Bahnhof in Sassnitz mit der Kutsche abgeholt. Unten gab es einen Schiffsanleger und zur Belustigung wurde am Abend brennender Reisig die Kreidehänge hinuntergeworfen. 

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Nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude Marinestützpunkt. Die Kreidefelsen waren Grenzgebiet. Heutzutage bildet das alte Gebäude mit dem neuen Teil das Besucherzentrum. Eine interaktive Ausstellung zum Thema weltgeschichtliche Entwicklung der Region samt Naturerleben heute ist hier beheimatet. In der Saison strömen rund 3.000 Besucher pro Tag hier durch. Soviel hat man bei der Errichtung nicht kalkuliert. Saison ist während der warmen Jahreszeit und man nahm an, dass sich die Leute da lieber am Strand bewegen und deshalb das Zentrum eher spärlich besucht werden würde.
Parkplätze für Autos gibt es am Anfang des Parkes. Dann kann man sich entscheiden, rund 30 min zu Fuß zu laufen oder die Zubringer-Busse zu nehmen. Der Parkplatz kostet Geld, der Bus ebenfalls. Und da es auf der Insel einen gut ausgebauten ÖPNV gibt, kann man das Auto getrost stehen lassen. Wer mit der Bahn zur Insel anreist, erhält sogar noch Ermäßigungen, wenn das Bahnticket vorgezeigt werden kann. Aber die Schnellvariante ist nur etwas für die „Ich war hier“-Fraktion. Schöner ist der Hochuferweg von Sassnitz. Er dauert 2-3 Stunden, ist nicht unbedingt Fahrrad geeignet und hält atemberaubende Anblicke bereit. 

Die Bahn hat eine Kooperation über die „Fahrtziel Natur“-Angebote auch mit Jasmund. Das Motto heißt: umweltfreundlich Mobil in Schutzgebieten. Dabei Kooperiert die Bahn mit BUND, NABU und VCD. 2001 startete das Programm mit sechs Schutzgebieten, heute gehören ihm schon 21 an. AMEROPA bietet Komplett-Reisen in diese Gebiete. Auch über BUND-Reisen gelangt man per Komplett-Paket dorthin, kann hier sogar Urlaub mit Naturschutz-Engagement buchen. In Jasmund z.B. Moorrenaturierung. In beiden Fällen kann schon die komplette Anreise mit der Bahn grün gestaltet werden. Bei der DB rechnet man vor: Berlin (Hbf) – Sassnitz: Auto 3,46 Stunden und 53,3 kg CO2-Verbrauch; ICE+RE: 3,49 Stunden und 1,8 kg CO2-Verbrauch – jeweils für eine Person.


Weitere Informationen:

Nationalpark-Zentrum KÖNIGSSTUHL Sassnitz gemeinnützige GmbH
Stubbenkammer 2
18546 Sassnitz
Telefon: 038392 / 6617 0
Fax: 038392 / 6617 40


Text:
Otger Jeske

Fotos:
Matthias Dikert