image_print

Usedom klingt nach Strand, Sonne und Meer. In den Sommermonaten drängeln sich die Besucher auf einen dünnen Streifen von ein paar Metern Tiefe, doch Usedom ist mehr als sein Strand. Die Ruhe beginnt jenseits der Bundesstraße, wo die Ortschaften so langsam ins Hinterland auslaufen. Wenig bis gar keine Touristen, dafür Seeadler & Co. sind anzutreffen. 

Jeep-Safari
1999 entstand die Idee der Insel-Safari, eine importierte Idee, die auch in Deutschland funktionieren müsse, nicht nur in den Weiten der Savanne. Was anfänglich noch als Spinnerei belächelt worden sein mag, hat sich mittlerweile fest etabliert und sogar deutschlandweit Nachahmer gefunden. Die ehemalige Ein-Mann bzw. Familienfirma beschäftigt heutzutage eine ganze handvoll Mitarbeiter, darunter als Insel-Führer Biologen und Ökologen, die sich teilweise auch noch im Studium befinden und dies mit den Einnahmen so fachlich sinnvoll finanzieren. 
Es gibt verschiedene Touren, die auch die Festlandseite mit einbeziehen können. Dort ist es noch menschenleerer als im usedomer Hinterland und Touristen gelten als Attraktion. Das Gros der Besucher kennt diesen Teil nur von der eiligen Durchfahrt rechts und links der Bundesstraße, die sie nach Usedom führt. Doch für Naturliebhaber ist dieses Fleckchen deswegen besonders reizvoll. 

_1388179057

Die großen Touren dauern rund zehn Stunden – inklusive Verköstigung. Wir als Journalisten haben ja nie Zeit … starten deshalb später und kommen früher zurück. Die verkürzte Version der kleinen Tagestour im Hinterland von Heringsdorf. 
Wir steigen in die Jeeps und los geht es. Erstmal nicht sonderlich spektakulär durch Heringsdorf, abseits der Bundesstraße auf Geläuf, welches nur Einheimische verwenden. Irgendwann verlassen wir die offiziellen Wege. Der Jeep hält an und der Fahrer fragt, wer auf das Dach möchte. Abenteuer pur. Vorsicht vor den Ästen der Bäume. Die nehmen keine Rücksicht auf unvorsichtige Dachsurfer. Es geht durch Wald, überSTOCK und Stein und bergauf, bergab. Berge auf Usedom? Ja, das Hinterland von Bansin zwischen Gothen- und Schmollensee ist Schweiz. Die Eiszeit sorgte hier für ein ausgeklügeltes Berg-Tal-Gelände. Fanden wir schon vor Jahren auf einer Fahrradtour heraus. Okay, sind nicht die Alpen, aber mal locker und gemütlich ohne Anstrengung fahren, bedeutet hier an der Strand-Promenade zu bleiben. 
Der Jeep wackelt bedenklich, doch auf dem Dach merkt man davon weit weniger als im Inneren. Rechts der tiefe Taleinschnitt ist alte Eisenbahntrasse. Die gibt es heutzutage lange nicht mehr. Wir kommen an eine gesperrte Brücke. Früher konnte man hier noch rumtoben. Mittlerweile hat der Zahn der Zeit deutlich an ihr genagt. Zuständig fühlt sich niemand und so verrottet sie einsam und verlassen.
Es geht weiter. Mal wandern wir zu Fuß durch Wald, klammern uns an die Reeling vom Jeep oder genießen den Ausblick von einer Höhe über das Gelände mit Seeblick. Und dann schwebt über dem Horizont ein Seeadler. Eigentlich mag er den Tag nicht so sehr. Adler sind eher faul und Flügelschlagen bedeutet Arbeit. Er bevorzugt von daher das Gleiten mit Aufwinden, und die sind wohl eher frühmorgens oder in der Dämmerung vorhanden. Aber wer weiß, wahrscheinlich tun auch Adler alles, um in die Presse zu kommen …
Wir machen ebenfalls Station an einem kleinen See, bewegen uns mit einem mulmigen Gefühl über einen halbverfallenen Steg ein paar Meter auf ihn hinaus. Hier ist während der Saison Kormoranjagdgebiet. Die Fischer mögen den lästigen fliegenden Konkurrenten nicht. Der ist höchst effektiv und besitzt einen sehr gesunden Appetit. Deshalb hat man ihn früher gnadenlos gejagt. Heute geht das so nicht mehr, weshalb viele Fischer vor der Entscheidung stehen, lieber ihr Handwerk aufzugeben. Bei diesem Gespräch geht es aber auch um Wasserqualität. Einheimische gehen nicht Baden – Verbote braucht es für sie nicht. Sie wissen, was sie früher reingekippt haben. Da denkt man sich doch, da kann kein vernünftiger Fisch rauskommen, und die Schadstoff-Schmankerl sind dann eh besser im Kormoranmagen aufgehoben. Aber wahrscheinlich essen die Einheimischen auch keinen Fisch aus diesen Gewässern. Doch die Wasser-Qualität soll mittlerweile wieder ganz gut sein. Das eigentliche Problem ist der Boden. Den wühlt man lieber nicht auf. 
Wir sind mittlerweile in Pudagla bei der Windmühle angekommen. 

_1388179091jpg

Hier gibt es deftige Brotzeit und einen Mühlenbesuch. Die Villa nebenan gehört einem Bio-Bauern. Sachen gibt es … Pudagla war früher ein Inselzentrum, Klosterstadt bis zur Säkularisation. Heute spielt sich das Leben in den Seebädern ab und Touristen verlaufen sich in den Ort hauptsächlich, um die restaurierte Windmühle zu sehen, die etwas außerhalb auf einem Hügel thront. 
Es geht weiter. Kehre ist Mellenthin.

_1388179115

Hier gibt es ein sogenanntes Schloss. Der Führer weist darauf hin, dass die Bezeichnung „Schloss“ in ganz Mecklenburg Vorpommern eher die Bedeutung von „Gutshaus“ hat. Man darf hier also keine verspielten Traumkonstruktionen á la Märchenkönig erwarten. Auf der Strecke dorthin wechseln wir zwischen Innenkabine und Dach, denn die Fahrt in luftiger Höhe ist nur auf nicht offiziellen Straßen gestattet. Da gilt die StVO nämlich nicht. Und die Polizei drückt auf der Insel kein Auge für spaßgierige Touristen zu. Dafür hören wir Storys von Wendehälsen als Bürgermeister, die so habgierig sind, dass die Mähr vom Sozialismus wie ein Hohn erscheint. Aber wir hören auch von Leuten, die sich hier ihren Traum erfüllt und Kleinode erschaffen haben.
Am Nachmittag werden wir wieder am Maritim in Heringsdorf abgesetzt. _1388179210

Wir haben nicht einmal den ganzen Teil der östlichen Insel durchfahren. Und da hakt der Führer ein: „Wir möchten ja, dass die Besucher uns öfter buchen. Aber sicherheitshalber sollte man uns dann erzählen, was man schon gesehen hat, um individuell planen zu können. Ansonsten kann es vorkommen, dass man fast die selbe Tour erlebt.“ Dazu gibt er jedoch zu bedenken, dass der Wandel der Jahreszeiten durchaus seinen eigenen Reiz hat und die gleiche Tour im Winter eben andere Einblicke bieten würde als im Frühjahr. Ach ja, rechtzeitig buchen sollte man, darauf werden wir noch hingewiesen. Es sei nicht so, dass die Tourenfahrer die Touristen an der Promenade einfangen müssten. Übrigens bietet sich das Maritim diesbezüglich auch als Ansprechpartner an. 

Rad-Safari
Einen kleinen Teil des Hinterlandes, den wir noch nicht mit dem Jeep erkundet haben, erkunden wir am nächsten Tag mit dem Rad. Das Maritim hat hier eine Hausmannschaft, die für sportliche Aktivitäten generell zuständig ist. 
Bevor wir uns jedoch in das Hinterland begeben, hören wir uns noch ein paar Erzählungen zu den Ortschaften auf der Promenade an. Der Unterschied zwischen Ahlbeck und Heringsdorf ist die Entstehung. In Ahlbeck lebten Einheimische, die große Häuser auf kleine Grundstücke bauten. Heringsdorf ist als Ort der Aristokratie entstanden, wo ebenfalls der Geldadel residierte. Die Grundstücke waren groß und die Villen eher klein. Bansin, heute Alt-Bansin, war es ein kleiner Ort, der nicht direkt an der Ostsee lag. Ein Apotheker, der sich nicht in Heringsdorf einkaufen konnte und auch in Ahlbeck nicht zum Zuge kam, entwickelte Bansin dann als dritte Seebad-Alternative. 
Der Name Ahlbeck bedeutet eigentlich Aalfluss. Der Beeck ist 1772 als Entwässerungsgraben angelegt worden und wo irgendein Wasser in die Ostsee mündet, wandern sofort Aale rauf. Die waren schon früher eine Delikatesse und so wurden Sträflinge an der Küste angesiedelt, deren Aufgabe es war, die Aalbäche sauber zu halten. Ursprünglich wohnte die usedomer Bevölkerung nämlich nicht an der Küste. 1898 wurde dann die Seebrücke gebaut. Es ist damit die älteste in Kontinentaleuropa. Auch zu DDR-Zeiten wurde der Ort Vorreiter: hier entstand das erste FDGB-Heim. 
Nun wird es aber Zeit, ins Hinterland abzutauchen. Eine gemütliche Tour in die Berge. Streckelsberg nennt sich das Gebiet. Im Krieg war hier eine Verteidigungslinie, weswegen es nicht ratsam ist, von den Wegen abzuweichen und querfeldein zu laufen. Es gibt Schächte und Gruben, wo mittlerweile die Steigeisen verrottet sind, man also im Ernstfall nicht mehr herausklettern kann. Die alten Wehrmachtsschlupfwinkel sollen inzwischen auch von einem Luchspärchen okkupiert worden sein. 

_1388179154

Der Wald besteht aus Buche. Normal wäre hier Fichte. Dem Adelsgeschlecht von Bülow gehörte das hier alles. Und die begannen, Buchen zu pflanzen. Die wachsen hier sehr langsam und damit ziemlich grade. Das ergibt sehr gutes Schiffsbauholz und damit stattlichen Gewinn. Und noch heute nimmt Heringsdorf mehr Geld mit der Vermarktung der Buche aus dem Hinterland ein als mit der Kurtaxe. In 150 Jahren hat sich gerade einmal ein halber Meter Humus gebildet. Darunter ist blanker Sand. Der eigentlich artfremde Anbau hat sich hier als Glücksgriff erwiesen. Der Wald ist nicht krank, die geschädigten Bäume betragen gerade einmal ein Zehntel des sonst in Deutschland üblichen. Und Fichten und Buchen unterstützen sich gegenseitig gegen den Wind. Es gibt so kaum Bruch. 
Unsere nächste Station ist der Wolgastsee. Ich werde von meinem Telefon-Provider empfangen: Willkommen in Polen. Wir sind aber noch nicht in Polen. Jedenfalls mittlerweile nicht mehr. Das Gelände hat schon im Zuge von Gebietsbereinigungen zu DDR-Zeiten die Seiten gewechselt. Birken stehen hier. Die brauchen viel Wasser und so wurden sie in früheren Zeiten gepflanzt, um Sümpfe trocken zu legen. Wenn die ausgetrocknet sind, stirbt die Birke ab. 
Der See wird aus drei Quellen gespeist und dient als Trinkwasserreservoir. Das polnische Swinemünde hat hier in früheren Zeit stark übertrieben, weswegen der Seespiegel dramatisch gesunken war. Inzwischen hat sich der See erholt. Die Qualität ist 1A oder glasklar. Unser Leiter hat einen Tipp für die einfache Beurteilung der Wasserqualität auf Lager: Eintagsfliegenlarven haben drei Schwänze. Sind nur zwei oder gar nur einer vorhanden, stimmt die Qualität nicht und man sollte das Wasser nicht trinken. Wir umrunden den See und fahren zurück. 
Der See liegt nur 3 km von Ahlbeck entfernt und das Gelände eignet sich für eine schöne Rundtour. Hin- und Rückfahrt führen nicht die selben Wege entlang. Die Tour eignet sich insbesondere auch für Wanderer und sogar Segways in der Geländeversion zieht sie an. Die Kriegsgräberstätte ist indes noch etwas weiter entfernt. Das Stettiner Haff ebenfalls. Wer mag, kann in Eigenregie fahren. Geschichten gibt es dann nicht zu hören. Dafür geht es hin wo Sie wollen.

Weitere Informationen:

Touristinformation Seeheilbad Heringsdorf
Kulmstrasse 33
17424 Seebad Heringsdorf
Tel 038378/2451
Fax 038378/2454

MARITIM HOTEL KAISERHOF Heringsdorf
Strandpromenade
17424 Ostseebad Heringsdorf/Usedom
Telefon: +49 (0) 38378 65-0
Fax: +49 (0) 38378 65-800
Reservierung: +49 (0) 38378 65-805


Text:
Otger Jeske

Fotos:
Matthias Dikert