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Speyer

„Macht Euch auf nach Speyer“, so heißt es schon in Goethes Götz von Berlichingen. 

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Diesem Rat des Geheimen Rates folgen alljährlich Hunderttausende von Besuchern und genießen das ganz besondere Flair der historischen Dom- und Kaiserstadt am Rhein.

Dom
In den 1020er Jahren – das genaue Jahr lässt sich nicht feststellen – nahm Konrad II. den Bau mit dem Ziel in Angriff, die größte Kirche seiner Epoche zu errichten. Nach 30 Jahren Bauzeit wurde das Gotteshaus 1061 geweiht. Mit dem monumentalen Bau in dem damals sehr kleinen Speyer wollte der Herrscher seinen religionspolitschen Machtanspruch gegenüber dem Papsttum demonstrieren. Schon in den 1080er Jahren veranlasste Heinrich IV. Umbauten und Erweiterungen, um Aussehen und Pracht des Kirchengebäudes weiter zu steigern. Seine Baumeister verwirklichten erstmals in der Architekturgeschichte Besonderheiten wie das Blendbogensystem und die umlaufende Galerie.
Das Geschlecht der Salier wählte den Dom als Grablege. Er ist letzte Ruhestätte von acht salischen, staufischen und habsburgischen Kaisern und Königen, vier Königinnen und einer Reihe von Bischöfen. Die Krypta, die 1041 geweiht wurde, ist der älteste Bauteil des Doms. Die Grabstellen, die ursprünglich im Mittelschiff lagen, wurden im Zuge der Umbaumaßnahmen zwischen 1900 und 1906 in die Krypta verlegt.

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Nach der Zerstörung 1689 im Pfälzischen Erbfolgekrieg und dem Wiederaufbau im 18. Jahrhundert ließ Bayernkönig Ludwig I. den Innenraum in spätnazarenischer Manier ausmalen. In den 1950er Jahren entfernten Restauratoren die Bemalung des 19. Jahrhunderts bis auf einen Marienzyklus von Johann Schraudolph.
1981 nahm die UNESCO den Dom als zweites deutsches Denkmal in die Liste des „Weltkulturerbes“ auf. Der Kaiserdom (St. Maria und St. Stephan) ist Kathedrale des Bistums Speyer.
Im neu gestalteten Kaisersaal sind neun Fresken Johann von Schraudolphs zu besichtigen. Sie waren im Rahmen der Domrestaurierung ab 1957 aus dem Dom entfernt worden, um den romanischen Ursprung des Doms wieder stärker zu betonen. Im Mittelschiff des Doms verblieb lediglich der 24-teilige Marienzyklus.

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Die Ausstellung zeigt vier Fresken aus dem Bernhards-Zyklus, vier aus dem Stephanus-Zyklus und die Marienkrönung. Diese war bis 1957 in der Apsis des Chorraums angebracht. Dafür wurde im Kaisersaal eine eigene Kuppelkonstruktion angefertigt, die der Wölbung in der Apsis nachgebildet ist. Die Fresken wurden von Restaurator Vitus Wurmdobler seit den achtziger Jahren instand gesetzt.
Der Kaisersaal erhält durch die Dauerausstellung der Schraudolph-Fresken erstmals eine konkrete Bestimmung. Die Entwürfe zur Ausgestaltung des dreijochigen Raums stammen von Mario Colletto, seit Januar 2013 Nachfolger von Dombaumeister Alfred Klimt. Die Fresken, die ein Ausmaß von bis zu sieben Metern haben, werden auf stehenden Bildträgern gezeigt, deren Stützen aus Holz gefertigt sind.
Durch eine Glastür zur Empore öffnet sich für den Besucher der Blick in den Innenraum des Domes. Das mit einer Glasplatte abgedeckte Glockenloch im Fußboden ermöglicht die Durchsicht in die Vorhalle des Domes. Um ein gleichmäßiges Raumlicht zu erreichen, wurden die Gläser der Rosette und der übrigen Fenster durch neue mundgeblasene und mit Schwarzlot beschichtete Scheiben ersetzt. Der Kaisersaal erstreckt sich über die gesamte Breite des Westbaus und bietet Platz für 200 Personen. Er hat eine Grundfläche von knapp 500 Quadratmetern und misst 25 Meter in der Höhe.
Insgesamt 304 Stufen führen auf der Westseite des Domes vom Eingang des Südturms bis zur neu geschaffenen Aussichtsplattform in rund 60 Metern Höhe. Dort erwartet die Besucher ein einzigartiger Rundblick über die Stadt Speyer, die Vorderpfalz und die badische Nachbarschaft. An Tagen mit guter Fernsicht überblickt man eine Entfernung von mehr als 50 Kilometern. Für den Aufstieg zur Aussichtplattform wurde in den Turm eine neue Betontreppe eingebaut, die sich nach oben in einer Stahltreppe fortsetzt. Die offene Aussichtsplattform unterhalb des Turmhelms bietet auf einer Grundfläche von etwa 20 Quadratmetern etwa 50 Personen Platz. Aus Sicherheitsgründen werden die Besucher von einem Turmführer in Gruppen auf den Turm begleitet. Die Besichtigung dauert etwa eine halbe Stunde. Sie beginnt jeweils alle 20 Minuten am Ausgang des Kaisersaals. Dieser Bereich ist von April bis einschließlich Oktober geöffnet. 

Domnapf
Auf dem Platz vor dem Hauptportal des Domes steht der Domnapf. Ursprünglich markierte er die Grenze zwischen den Hoheitsgebieten von Bischof und Stadt.
Seit seiner Errichtung im 14. Jahrhundert spielte er im Strafvollzug eine bedeutende Rolle: Wer städtisches Recht verletzt hatte und zum Domnapf flüchtete, war vor Strafverfolgung geschützt.

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Diese historischen Funktionen erfüllt der Domnapf schon lange nicht mehr. Ein beliebter mittelalterlicher Brauch wird aber bis in die Neuzeit gepflegt. Bei besonderen kirchlichen Anlässen wird der Domnapf mit Wein gefüllt. Bei einem Fassungsvermögen von über 1500 Litern können viele Bürger und Gäste vom Rebensaft kosten. Zum letzten Mal geschah dies zum 950-jährigen Weihejubiläum des Doms zu Speyer am 02.10.2011

Jüdische Spuren in Speyer

Neben dem Besuch dieses im 11. Jh. größten Bauwerks des christlichen Abendlandes gehört zum Programm der Touristen eine Besichtigung der Ruine der ehemaligen Synagoge und ein Rundgang durch das bis heute erhalten gebliebene rituelle Reinigungsbad (heb.: Mikwe) des mittelalterlichen Judenhofs. Im zugehörigen Museum SchPIRA  legen Architekturelemente wie Fenster und Kapitelle aus Mikwe und Synagoge Zeugnis ab vom jüdischen Speyer im Mittelalter.
Die Stadt Speyer beherbergte im Mittelalter eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden. 
Die jüdischen Gemeinden von Speyer, Worms und Mainz (Schpira, Warmaisa, Magenza = SchUM) werden als SchUM-Städte bezeichnet.
Mehr als 400 Jahre kamen Gelehrte von überall an den Rhein, um bei den „Weisen von Speyer“ zu lernen. Die Weisen von Speyer, so die sprichwörtliche Bezeichnung der mittelalterlichen askenatischen Rabbinen, beeinflussten mit ihrer Lehre und ihren Schriften maßgeblich das abendländische Judentum.
 
Die Ruine der Speyerer Synagoge mit Frauenschule ist der älteste, noch sichtbare Überrest eines Synagogenhauses in Mitteleuropa und bildet heute den Mittelpunkt des Judenhofes.

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Das um 1120 errichtete Ritualbad (hebr. Mikwe) mit 10 Meter tiefem Badeschacht ist das älteste dieser Art nördlich der Alpen und  blieb nahezu unverändert über die Jahrhunderte erhalten. Hier wurden nach den mosaischen Gesetzen vorgeschriebene kultische Reinigungen vorgenommen. So müssen neu erworbene Teller und Gläser vor der ersten Benutzung hier immer eingetaucht werden, um diese spirituell zu säubern.
 
Das neu eröffnete Museum SchPIRA stellt die original erhaltenen Fenster, Architekturelemente und Münzfunde der mittelalterlichen Synagoge und des Ritualbades aus. Bei einem beschaulichen Bummel durch die Gassen und über die Plätze des „Hasenpfuhls“ genießen Gäste – im Schatten des Domes, der Dreifaltigkeitskirche und der Retscherruine – Speyers liebevoll restauriertes ehemaliges Wohnquartier der Fischer und Schiffer mit Feigenbäumen, Rosenhecken und Springbrunnen, ein Augenschmaus der besonderen Art! Hier findet man neben idyllischen Altstadtwinkeln schließlich auch die älteste Brücke der Stadt, die aus dem 14. Jh. stammende Sonnen- oder Nikolausbrücke. Sie verhilft allen Fotografen zu einem eindrucksvollen Motiv: der „Domhügel“ mit majestätischen aufragendem Kaiserdom. 

Weitere Informationen bei:
Tourist-Information Speyer, Maximilianstraße 13 in 67346 Speyer, Tel.: (0 62 32) 14 23 95, Fax: (0 62 32) 14 23 32

Text und Fotos:


Matthias Dikert