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Worms

In Worms, der alten Hauptstadt der Nibelungen, ist Geschichte hautnah und allgegenwärtig. Neben dem imposanten Dom, dem Wahrzeichen der Stadt, trifft man auf historische Denkmäler, Zeugnisse verschiedener Kulturen und beeindruckende Bauten der Neuzeit, wie das multimediale Nibelungenmuseum. Worms besitzt ein außerordentlich hohes Alter, denn das heutige Stadtgebiet ist seit mehr als 7000 Jahren besiedelt. Eine lange Zeit, in der die Stadt zum historischen und lebendigen Mittelpunkt des Wonnegaus wurde.
Die einst von Kelten gegründete Stadt war im Mittelalter Schauplatz von zahlreichen Reichs- und Hoftagen. Hier stritten sich Königinnen, heirateten Kaiser und wurden Thesen verteidigt. Im Jahr 1521 ließ Karl V Martin Luther nach Worms zum Reichstag laden, um seine kritischen Schriften zu widerrufen. Doch Kirchenbann und Reichsacht konnten den Siegeszug der Reformation nicht aufhalten und die lutherische Lehre setzte sich auch in Worms immer stärker durch. Mit dem Lutherdenkmal als größtem Reformationsdenkmal der Welt, würdigte der Baumeister Ernst Rietschel 1860 die von Deutschland ausgehende Reformationsbewegung.  
Spuren der spannenden Geschichte der Nibelungenstadt gibt es auch heute noch überall zu entdecken, hier wird Geschichte zum Erlebnis! Das mittelalterliche Worms zeigt sich in erhaltenen Teilen der alten Stadtmauer, die teilweise sogar begehbar sind und noch heute genutzt werden. Besonders anschaulich erfährt man dies beim Besuch des multimedialen Nibelungenmuseums: der alte Wehrgang an der staufischen Stadtmauer ist Teil des Ausstellungsrundgangs! Ein besonderes Ereignis ist das alljährliche Spectaculum Worms, ein Mittelalter-Event im Wormser Wäldchen mit Präsentationen alter Handwerkskunst, Musik und Nachstellung von Feldschlachten. 
Worms ist untrennbar mit dem im Mittelalter entstandenen Nibelungenlied verbunden, das Helden-Epos um Siegfried, Kriemhild und Hagen war immer präsenter Teil der Stadtgeschichte, nicht nur in der Vergangenheit. Fulminante Erfolge feiern die Nibelungen-Festspiele seit 2002 am Originalschauplatz der Nibelungensage vor dem Wormser Dom. Intendant Dieter Wedel gelingt es in jedem Jahr aufs Neue, ein hochkarätiges Ensemble mit Namen wie Maria Schrader, Mario Adorf oder Joachim Król und ein ebenso erstklassig besetztes Rahmenprogramm zu präsentieren.

Wormser Dom
Der Wormser Dom ist der kleinste, aber auch der feinste der drei romanischen Kaiserdome am Rhein. Seine vier schlanken runden Türme, die schöne Rosette des Westchors und die reiche architektonische  Gliederung geben ihm ein unverwechselbares Gesicht. Teile des imposanten Gebäudes, das auf dem höchsten Punkt der Innenstadt steht, stammen noch aus der Zeit Bischof Burchards, der von 1000 bis 1025 Stadtherr von Worms war und einen ersten großen Dom erbauen ließ. Der heutige Bau wurde unter den staufischen Herrschern begonnen und 1181 geweiht. Als die Gotik in Mode kam, wollte man in Worms mithalten und veränderte die gesamte Südseite, erweiterte die Nikolauskapelle, baute die Annen- und Georgskapelle an. 

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Neuer Blickfang war jetzt das Südportal (Anfang 1300), eine hervorragende Arbeit der Wormser Dombauhütte, die sich zwar auf Vorbilder am Straßburger Münster stützt, aber eigene Gedanken kraftvoll umsetzt. Theologisches Thema des ganzen Portalschmucks, der oft auch als steinerne Bibel bezeichnet wird, ist der Triumph der christlichen Kirche über den Alten Bund. Diese Aussage gipfelt in der Skulptur im Wimperg, die einzigartig in der Bilderwelt des Mittelalters ist: dargestellt ist die Kirche (Ecclesia), reitend auf einem Tier, das sich aus den Symbolen der vier Evangelisten zusammensetzt. 
Wer den Dom umrundet und den Kopf in den Nacken legt, entdeckt in luftiger Höhe noch viele weitere seltsame Tierwesen, sowie den so genannten Baumeister, auf dessen Schulter ein Affe sitzt, den legendären Domdackel und eine Ratte, die zur Zeit der Pest dorthin gekommen ist.
Im Inneren steht dem erhabenen romanischen Westchor der Hochaltar Balthasar Neumanns in barocker Fülle gegenüber. Zu den weiteren Sehenswürdigkeiten des Domes gehören unter anderem das kostbar geschnitzte Chorgestühl, die fünf steinernen Reliefs aus spätgotischer Zeit im östlichen Seitenschiff, die die wichtigsten Szenen der Heilsgeschichte wiedergeben, die Nikolauskapelle mit dem Löwentaufstein, das Geschichtsfenster und nicht zuletzt die Saliergruft, in der die Vorfahren der Salier, darunter Konrad der Rote, beigesetzt sind.

Jüdische Spuren in Worms
Im Mittelalter genossen die jüdischen Gemeinden von Speyer, Worms und Mainz (Schpira, Warmaisa, Magenza = SchUM) als „Jerusalem am Rhein“ ein hohes Ansehen im ganzen westeuropäischen Raum. Sie pflegten regen Austausch untereinander und waren berühmt für ihre bedeutenden Talmudhochschulen und ihre wegweisenden Rabbinerkonferenzen. Dieser Einzigartigkeit wegen streben die drei Städte gemeinsam die Anerkennung als Weltkulturerbe an.
Die meisten Zeugnisse vergangenen jüdischen Lebens sind in Worms zu besichtigen. Jahr für Jahr kommen deshalb Tausende von Menschen zu den historischen Stätten des alten Warmaisa. Vor allem der Name Raschi lockt. Der große Gelehrte, eigentlich Rabbi Schlomo ben Jizchak (1040-1105), der einen bis heute hoch geschätzten Talmud-Kommentar verfasst hat, hat einige Studienjahre in Mainz und Worms verbracht. Obwohl er später wieder in seine Heimat Troyes zurückkehrte, ist sein Name auf immer mit Worms verknüpft.
Die ersten Juden kamen wohl schon sehr früh hierher. Nachweisen lässt sich eine erste Gemeinde ab 1034. Damals wurde ein erster Synagogenbau eingeweiht, die Stiftertafel ist an der Fassade noch erhalten. Was wir heute sehen, ist der Ergebnis mehrfacher Umbau- und Erweiterungsphasen. Wie bei anderen sakralen Gebäuden der Stadt erfolgte im 12. Jahrhundert ein Neubau im spätromanischen Stil. 1186 wurde die Mikwe, das kultische Bad, angelegt. 1212/1213 kam es zum Anbau der so genannten Frauensynagoge. Die letzte Erweiterung fand im frühen 17. Jahrhundert durch Angliederung der Vorhalle und des Talmudlehrhauses, auch Raschikapelle genannt, statt. 
Die Wormser Synagoge wurde wie die übrigen jüdischen Gotteshäuser Deutschlands in der Reichspogromnacht am 10. November 1938 vollständig zerstört. 

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Dank einer unermüdlichen Initiative von Wormser Bürgern gelang es, die Synagoge in den Jahren 1959 bis 1961 nach alten Plänen und unter Verwendung von Spolien wieder aufzubauen. Heute finden hier wieder jüdische Gottesdienste statt, und die jüdischen Feste werden gefeiert, denn in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts siedelten sich in Worms wieder Juden an, die aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion stammen.
Wo früher das ehemalige Tanz- und Hochzeitshaus war, steht nun das Raschi-Haus, errichtet auf dem original erhaltenen Gewölbekeller. 

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Dort ist das jüdische Museum untergebracht, das kultische Geräte und wertvolle Handschriften zeigt, unter anderem eine Kopie des Wormser Machsors, eines reich illustrierten Gebetbuches von 1273, in dem übrigens auch der erste Satz in jiddischer Sprache zu finden ist. Exponate, die beispielhaft für das Leben der blühenden Gemeinde des 19./20. Jahrhunderts stehen, und Erinnerungen an die Geschehnisse des Dritten Reiches ergänzen den Bestand.
Die Synagoge ist eingebettet in das ehemalige Judenviertel mit seiner engen Bebauung, das im Zuge einer umfassenden, sehr behutsamen Altstadtsanierung restauriert wurde. Während an vielen Stellen noch die enge Verbindung der Häuser zur Stadtmauer nachvollziehbar ist, stammt das Raschitor erst aus dem frühen 20. Jahrhundert; es ist ein Zugeständnis an den wachsenden Autoverkehr.
Der meist besuchte Ort des alten Warmaisa ist der Friedhof Heiliger Sand. Auch Nichtjuden berührt der Anblick der alten, oft halb versunkenen Grabsteine, die ein Gefühl von Ewigkeit vermitteln. Der älteste Stein stammt aus dem Jahr 1076. Doch manches, was heute in der sandigen Erde für immer verschwunden ist, dürfte noch älter sein.

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Gleich wenn man vom Vorplatz mit Leichenwaschhaus und rituellem Handwaschbecken durch die kleine Pforte den Friedhof betritt, fallen die Gräber von Rabbi Meir von Rothenburg und Alexander ben Solomon Wimpfen Süßkind ins Auge. Sie sind über und über mit kleinen Zetteln und Steinen bedeckt, Zeichen besonderer Verehrung. Die Legende erzählt, dass der Rabbi gefangen genommen wurde und im Gefängnis verstarb, weil er nicht wollte, dass die Gemeinde ein hohes Lösegeld für ihn bezahlt. Solomon Wimpfen kaufte seinen Leichnam frei und ließ ihn hier bestatten, er selbst ruht an seiner Seite. Gläubige Juden suchen auch das Tal der Rabbiner auf, wo bedeutende Gelehrte wie Yaakov haLevi Molin (Maharil), Elia Loanz und Jair Chaim Bacharach begaben sind. Weil der Friedhof, der 1911 geschlossen wurde, Aufschluss über 900 Jahre jüdisches Gemeindeleben gibt, wird er von der Forschung auch als „steinernes Archiv“ bezeichnet. Alle Inschriften, soweit noch sichtbar, wurden mittlerweile kartiert und erfasst; sie sollen entziffert, erforscht und in einer großen Dokumentation festgehalten werden. 
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es auf dem Zentralfriedhof Hochheimer Höhe einen neuen jüdischen Friedhof mit einer sehenswerten Trauerhalle im Darmstädter Jugendstil.

Weitere Informationen bei:

Tourist Information Worms
Neumarkt 14
67547 Worms
Telefon: (0 62 41) 8 53 – 73 06

Text und Fotos:

Matthias Dikert