Die Altmark – Bismarck-Land

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Bismarck-Jubiläum

2015 ist nicht nur Buga in Havelberg, das Altmärker Land feiert den runden Geburtstag des Übersohnes: Otto von Bismarck wurde am 1.4.1815 in Schönhausen an der Elbe geboren. Grund, die Bismarck-Route, die sich touristisch etabliert hat, neu zu überarbeiten und quasi ein Re-Launch durchzuführen. Die alte Erlebnis-Route nennt sich „Auf Bismarcks Spuren durch die Altmark“.
Der Beginn wird in Schönhausen nicht von ungefähr gesetzt. Die Route führt über Tangermünde nach Stendal und weiter bis nach Krevese. Es folgt der geschichtliche Sprung nach Döbbelin und dem Jagdschloß Letzlingen, welches nie der Familie gehörte, jedoch schicksalshaft mit derer von Bismarck verbunden ist.
Die neue Tour zum 200. Geburtstag sieht die Verbindung mit der Buga. Die Bundesgartenschau dreht sich um Gärten und Pflanzen. Voilà! Ein markantes Merkmal von Schlössern und Herrenhäusern waren immer ihre Gärten und somit die Pflanzen. Die neue Tour trägt also den Namen „Altmark 2015: Bismarck, Buga und Buchsbaum“. Die Begriffe „Altmark“, „Bismarck“ und „Buga“ sollten runterrinnen. Stutzen tut der Aufmerksame bei „Buchsbaum“. Was um … Es ist recht einfach: Der Schloßpark Krumke beherbergt die heute älteste europäische Buchsbaumhecke. Rund 300 Jahre steht sie dort, wächst und gedeiht und ließ sich von Generationen von Gärtnern deren Heckenschneider-Willen aufzwängen. Die Wildverwachsungen, die die Hecke entwickelt hat, gelten heute als botanische „Sensationen“. Niemand hat bisher den Buchsbaum so gesehen. Nur Abbildungen in alten botanischen Lehrbüchern zeigen dies, was hier der Pflanzenfreund livehaftig bewundern kann.

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Otto von Bismarck – Lump oder erster Mann Preußens
Otto freute sich auf seine Studienzeit. Endlich kam er raus, schnupperte die Luft der weiten Welt und verfing sich in den schon damals bestehenden Maschen des süßen Uni-Lebens. Er tat während dieser Jahre den Ausspruch: „Ich werde entweder der größte Lump oder der erste Mann Preußens.“ Nun, viele möchten glauben, daß sich ersteres bewahrheitet hat. Aber damit wäre ausgesagt, daß das Erste identisch mit dem Zweiten wäre. 
1845 starb sein Vater und es gab Hochwasser. Otto wurde Deichgraf, sein Abschnitt war Jerichow bis Havelberg. Seine Methoden waren umstritten, doch das Ergebnis hielt über 100 Jahre das Wasser der Elbe im Griff.
Überliefert trug Bismarck immer „seine“ Kürassieruniform. Er war dem Regiment 7 angehörig – jedoch nicht als Militär, sondern lediglich ehrenhalber. Bismarck war nie Soldat, Bismarck war kein Feldherr, Bismarck war Staatsdiener.
Das Familienregiment der Bismarcks war ursprünglich die Nummer 11 aus Havelberg. Nach der verlorenen Doppel-Schlacht von Jena-Auerstädt gegen Napoleon wurde es aufgelöst. Und so kam Otto zu den „Mehlsäcken“ genannten Siebener. Die Felduniform war nämlich weiß, daher der Spitzname. Bismarck trug jedoch selten die weiße Felduniform (überliefert im Bildnis der Proklamation des Kaiserreiches), bevorzugte den blauen Waffenrock für den normalen Regiments-Dienst. 
Daß Bismarck den Lauf der Geschichte beeinflussen mußte, war ihm quasi in die Wiege gelegt. Nach dem verlorenen Krieg gegen Napoleon wurde die Basis der Freiheit und des Wiederaufstiegs Preußens in seinem Geburtshaus gelegt: Das Lützowsche Freikorps wurde hier aufgestellt. Heute würde man von Rebellen oder Terroristen reden – je nach Blickwinkel. Damals war es die inoffizielle Armee des besetzten preußischen Staates, und die Franzosen behandelten gefangengenommene Mitglieder in etwa so, wie man heute Terroristen behandelt. 

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Wenn man heute mit dem Verurteilen von Preußen im Allgemeinen und Bismarck im Besonderen sehr eilig ist, sollte man bedenken, wie viel Zeit eigentlich vergangen ist. Niemand heutzutage wird einen Menschen – egal ob adlig, bürgerlich oder bäuerlich – von vor 150 Jahren auch nur ansatzweise verstehen. Und das ist nicht sprachlich gemeint. Was waren preußische Tugenden? Zumindest Otto von Bismarck scheint dieses Verständnis gelebt zu haben. Er war antidemokratisch und monarchistisch, er hatte soziales Verantwortungsbewußtsein für „seine Bauern“, später für „sein Deutschland“, und als er auf das Abstellgleis geschoben wurde, seine Ratschläge, seine Politik in den Wind geblasen wurden, taumelte Deutschland in die Katastrophe des ersten Weltkriegs. Er hatte Weitsicht und wußte, was passieren würde – diese Kassandra-Sprüche eines alten Greises wollte aber niemand hören. 
Er formulierte einmal: „Das Wichtigste im Leben ist, zu wissen, was das Wichtigste ist.“ Ob Bismarck gewußt hat, was das Wichtigste ist? Vielleicht hat er es geahnt, vielleicht auch nur danach gesucht. Oder es praktischerweise hingedreht. Und das „Wichtigste“ gilt eben nicht im allgemeinen sondern nur für den betreffenden Menschen in dem jeweiligen Augenblick. Und damit sind wir beim Lebensgefühl von vor 150 Jahren. 
Wesentlich prägnanter ist jedoch seine Erkenntnis, die gerade heutzutage aktueller denn jemals zuvor scheint: „Die Bürokratie ist es, an der wir alle kranken.“ Danke, Herr Otto! Hätten Sie nicht statt eines Krieges gegen den „Erzfeind“ Frankreich einen Ausrottungs-Krieg gegen die Bürokratie erfolgreich führen können? Millionen von Menschen wären Ihnen zu ewigem Dank verpflichtet.
Bismarck handelte jedoch niemals uneigennützig. Er war durch und durch Junker. Er diente als Junker dem Staat. Aber es mußte auch was dabei rauskommen. Dienen ist nicht Ehrenamt. Und davon können sich Politiker und Beamte heutzutage keine Scheibe abschneiden, die groß genug wäre, um wieder in die Spur zu kommen. Heutzutage gilt eher die Umkehrung dessen. Doch ein Ausplündern des Staates war kein preußisches Ideal. 
Und wenn man bedenkt, daß es rund sieben Jahre dauerte, um das Sozialversicherungsgesetz zu stricken, und wie lange es schon hält und mit den Schnellschüssen moderner Politiker vergleicht, die kurz nach Verabschiedung schon nachbessern müssen, dann wünscht man sich oftmals Junker Bismarckscher Prägung zurück. Doch die gab es auch damals nicht an jeder Ecke palettenweise, und gerade deshalb ist die Figur des Otto von Bismarck so schillernd. Ein Fels in der Brandung. Kaum jemand hat mehr Denkmäler erhalten. Heutzutage erinnern immer noch rund 450 Türme und Denkmäler an den großen Staatsmann. Kaiser Wilhelm brachte es auf 452 Türme und Denkmäler, viele Bismarck-Erinnerungen sind jedoch während des zweiten Weltkriegs vernichtet worden, so daß die tatsächliche Zahl um einiges höher ausgefallen sein dürfte. Allein die Zahl der Türme wird auf 240 beziffert, Kaiser Wilhelm erhielt 28 zum Andenken.

Die Ursprünge der Familie Bismarck
Nein, die Altmark gehörte nie den Bismarcks. Im Gegenteil. Als Emporkömmlinge waren sie beim alteingesessenen Adel nicht sonderlich beliebt. Sie galten als „Neureiche“. Es hat Jahrhunderte gebraucht, um sich hochzuarbeiten und langsam akzeptiert zu werden. Kaiser Karl IV. führte die Bismarcks als „Reiche“. Es waren Patrizier, keine Adligen. Sie gehörten der Gewandschneidergilde an. Kurz nach Gründung der Stadt durch den Askanier Albrecht der Bär zogen sie vom Geburtsort Bismark nach Stendal. Dort mischten sie ganz oben mit, bis sich ein Mitglied unerhörterweise auf die Seite des Markgrafen schlug. Adel und Stadt, das waren zwei gegnerische Pole. Städte waren zumeist selbständig und ihre Bewohner frei. Der Rat wurde gewählt. Und dann so was. Den Stendalern mußte Nikolaus Bismarck als Verräter erscheinen. Kurzerhand warfen sie die Familie aus der Stadt. Der Markgraf belehnte ihn als Dank für seine Dienste mit Burgstall. Und damit wurde aus dem Patrizier Nikolaus Bismarck der Adlige Nikolaus von Bismarck. Später söhnte er sich mit seiner Geburtsstadt aus und stiftete ihr das Gertraudenhospital vor dem Uenglinger Tor. Die Bismarcks sehen in dieser Tat noch heute die Grundlage ihrer sozialen Geschichte, die bei Otto von Bismarck in der weitestgehend noch heutigen Sozialgesetzgebung zum Grundstein des Erfolges des modernen Deutschlands wird.

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Welchen Stellenwert die Familie beim Hochadel wirklich hat, muß sie rund 200 Jahre später feststellen. Der Landesherr hat ein Auge auf Burgstall geworfen und quartiert die Bismarcks kurzerhand nach Schönhausen um. Dieser Ort gehörte aber nicht zur Altmark, die Bismarcks bestanden jedoch darauf, daß sie Altmärker blieben, und so verfügte der Kurfürst den Wechsel. 
Familien zerästeln sich, einige Äste sterben, andere bringen umso mehr neue hervor. Und so verästelt sich die Familie über die Jahrhunderte auch in der Altmark. Dabei gilt die Kreveser-Linie als Ahn aller heute noch lebenden Bismarcks.
Heutzutage gibt es weltweit noch über 300 Bismarcks. Bei Familientreffen reisen sie per Luxuslimousine an, mit dem Fahrrad oder der Bahn. Es gibt Konservative und Ökos, wohlhabende und bettelarme.

Schönhausen
Otto wurde in Schönhausen geboren, einen Katzensprung von Tangermünde entfernt auf der anderen Seite der Elbe. Zu seinen frühen Aufgaben gehört die Würde eines Deichgrafen. Er war damit für die Sicherung eines Teiles der Elbe zuständig. Die Kommunisten sprengten das Geburtshaus, um ein Andenken an den preußischen Militarismus zu tilgen, während sie selbst an jeder Ecke kommunistischen Militarismus in Stein meißelten. 
Übrig geblieben ist ein Nebengebäude, heute Sitz des Bismarck-Museums. Die Taufkirche Ottos steht in direkter Nachbarschaft. Kein Museum, eine lebende Gemeinde mit dem Hauch von Geschichte beladen – und wesentlich älter als die Familie von Bismarck. Ursprünglich eine romanische Kirche, brannte sie im 30-jährigen Krieg aus und wurde nach „neuen Gesichtspunkten“ wiederaufgebaut.
Hier hängen auch Familien-Devotionalien. Auffällig, die Schreibweise derer von Bismarcks alterniert. Das ist dem Umstand geschuldet, daß es vor dem Duden keine verbindliche Schreibweise gab, jedoch öfter Bestrebungen, Schreibweisen zu vereinheitlichen.

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Es gibt ein weiteres Bismarck-Gut in Schönhausen. Auch hier erfolgte irgendwann eine erbrechtliche Aufästelung. Kurioserweise ist dies Haus nicht vernichtet worden. Es war wohl geplant, doch der damalige Bürgermeister drückte eine Schule im Schloß durch. Auch in Krevese wurde das Herrenhaus in eine Schule umgewandelt. Und der Seitenflügel des Geburtshauses von Otto ist nur deshalb erhalten, weil eine Familie eingezogen war, die ihr neues Heim nicht verlassen wollte. Bis 1997 wurde der ehemalige Schloßteil als Wohnraum genutzt, danach zog das Museum ein. Kurz nach dem Krieg war intakter Wohnraum überall knapp. In Döbbelin wohnten ebenfalls bis zur Wende Bürger im Schloß. Schon zu Kaiserzeiten zog in Schönhausen II das Bismarck-Museum ein, welches nach der Reaktivierung nach der Wende am Nachbarstandort seinen Platz gefunden hat. Nicht alle Exponate stammen aus dem alten Besitz, aber aus der Zeit von Bismarck.
Doch wie soll man sich einen Adelssitz aus der „guten alten Zeit“ vorstellen? Gold, Gelage, Diener en Masse … Otto von Bismarck schrieb einen bis heute erhaltenen Brief während seiner Studienzeit, in dem er über den Zustand des Schlosses klagt: „Nur zwei Zimmer von 30 sind bewohnbar. Der Wind pfeift durch die Mauern.“ Idyllisch!
Doch es gab für das Schloß in der DDR sogar eine Verwendungsidee: Es sollte ursprünglich ein Altenpflegewohnheim werden. Das wäre die ideologische Konsequenz in der Nutzung gewesen, in der viele ehemalige Schlösser in das Sozialsystem überführt wurden: Schulen, Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser. Doch Otto von Bismarck war ein so großer Dorn im Auge des Sozialismus, der nur noch von der Größe des Dornes „Hohenzollern und Berliner Schloß“ übertroffen wurde. Beide wurden eliminiert. Über den Rest konnte man reden.

Krevese
Ein weiterer zentraler Punkt ist Krevese. Dort lebte der Ahnherr aller heutigen Bismarcks und liegt in der Kirche begraben. Auch die atmet heute schwer die Last der Geschichte und wird von einem Verein sorgsam auf Vordermann gebracht. Krevese selbst war seinerzeit Kloster und nach der Reformation mußten die Bismarcks den ehemaligen Bewohnerinnen lebenslanges Wohn- und Versorgungsrecht bewilligen. Der Ort konnte also nur ganz langsam umgebaut werden. Der Dreißigjährige Krieg vernichtete wieder alles. So gibt es hier eine Tilly-Eiche, denn der Befehlshaber des Kaisers soll sich hier eine Zeit lang aufgehalten haben. Anfang des 19. Jahrhunderts stirbt diese Linie aus und die Erbin verkauft das Gut. Heute betreiben Rainer Kranz und Ralf Engelkamp im Herrenhaus das Atelier Offen. Sie zeichnen zum Beispiel für das Buga-Maskottchen verantwortlich.
Behutsam wird der Spagat zwischen moderner Nutzung und Tradition eines Herrenhauses geprobt. Der Park gehört dazu und wird für Besucher offengehalten. Viel Arbeit steckt noch im Herrenhaus samt Park. Dazu gehört die Ruine des alten Verwalterhauses, welches älter als das Herrenhaus ist. Es soll in ein Rosarium umgewandelt werden. Der Baumbestand des Parks ist uralt. Angelegt als Barockgarten, wurde er später englisch umgewandelt. Heute ist alles verwildert, man erkennt aber noch die alten Strukturen. Und bedenkt man die Intention eines englischen Gartens, hat dieser Park, den sich die Natur zurückgeholt hat, genau das im positivem Sinne zu bieten: Romantik. Es stehen Bänke dort, man sollte Zeit, Ruhe und Muße mitbringen. Elf Jahre arbeiten die heutigen Besitzer den Garten schon mit dem Landesgartendenkmalamt auf. Was nicht mehr bekannt ist, muß interpretiert werden, so daß der Besucher immer wieder den Spannungsbogen erleben kann, der da lautet: „Was ist eigentlich das Original und was ist neu?“ Für die heutigen Besitzer ist es Leidenschaft und Hobby. Ansonsten hätten sie auch eine andere Immobilie erwerben können.

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Nach dem Krieg zog eine SED-Parteischule ein. Da das Dorf mit rund 1.000 Flüchtlingen mehr als überbelegt war, wurden hier sehr schnell Wohnungen geschaffen und ab den 60ern zog sukzessive die Dorfschule ein. Die bestand hier bis 1993. Dann mußte sie ausziehen, obwohl das Dorf gekämpft hat, um sie zu behalten. Das Zauberwort hieß „Eingemeindung“.
Interessierten bieten die beiden Besitzer Gruppenführungen an. Einzelbesuche sind nicht möglich, und auch für Gruppen können sie nicht jederzeit zur Verfügung stehen. 

Ein Plausch mit dem „Weihnachts-Bismarck“
Alexander von Bismarck, der neue, alte „Herr“ über Döbbelin hätte in die Fußstapfen seines Verwandten treten können. Er wohnte vor der Wende im Sachsenwald, bei der fürstlichen Linie und engagierte sich politisch in der CDU. „Mit dem Fall der DDR war meine politische Arbeit zu Ende“, plaudert Alexander von Bismarck. „Ich galt als Staatsfeind, habe Kundgebungen an der Grenze organisiert und verstand nicht, warum unsere damalige Regierung [er war in derselben Partei – Anm. d. Autoren] dieses System mit Geld am Leben erhielt.“ 
Gleich nach dem Mauerfall fuhr er zum alten Familiengut Döbbelin. „Meine Großtante lebte bis 1963 hier auf dem Gut. Es war nie enteignet worden. Im Grundbuch war meine Tante als Eigentümerin noch 1963 verzeichnet. Da sie keine Erben hatte, ging es danach in Volkseigentum über. Es gehörte somit der Gemeinde.“ Und das war Glück für den zukünftigen Schloßbesitzer. „Ich bin in der Nähe von Hamburg im Sachsenwald aufgewachsen. Ich hatte eine Firma und verdiente gut. Wie viele andere hatte ich vor den Toren von Hamburg ein Haus. Das war perfekt. Dort war es ruhig und wenn man einen draufmachen wollte, war man ganz schnell in der Stadt. Ich hatte also alles, was ich als junger Mensch brauchte.“ Aber er wollte sich sozusagen seine „Erde“ ansehen, denn er ist über seine Tante, die 1963 starb, mit der Familienlinie derer von Döbbelin verknüpft. „Ich hatte ja zu DDR-Zeiten Einreiseverbot. Nach der Wende war ich neugierig. Schon beim ersten Treppengang begann ich, das Gut samt Gebäude zu strukturieren. Als mir das bewußt wurde, erschrak ich erstmal heftig. Was passierte hier mit mir? Ich mußte erkennen, daß schlagartig Heimatgefühle in mir aufstiegen.“ 
Die Konsequenz lautete: Umzug. Und da kam die Schicksalsfügung genau richtig, daß das Gut niemals enteignet wurde. „Ich hatte es glücklicherweise mit der Gemeinde und nicht der Treuhand zu tun. Das Haus wurde auch benutzt. Darüber war ich ebenfalls froh, denn jede Nutzung ist besser als Leerstand.“ Die Frage ist, ob es nicht andere Bismarcks gab, die ein Interesse gehabt hätten? Und Alexander gibt Einblick in die Familienbefindlichkeiten: „Mein Bruder hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Und ob andere gewollt hätten, weiß ich nicht, denn ich und mein Bruder sind die Linie meiner Tante und haben deshalb das Vorrecht.“ Nicht nur sein Bruder schlug die Hände über dem Kopf zusammen, seine damalige Frau ebenfalls und so war die Trennung beschlossene Sache. „Sie wollte auf gar keinen Fall nach ,Dunkeldeutschland‘.“ Und er gibt zu, daß er beim ersten Besuch fassungslos war: „Stendal war ein Zentrum der Farbenherstellung in der DDR und dann komm ich an und alles ist Grau in Grau. Als das Schloß endlich Farbe hatte, sahen die Menschen es anders als zuvor. Viele hatten es gar nicht wirklich wahrgenommen. Aber die Bevölkerung war ja ohne jeden Bezug zum Adel aufgewachsen. Für die war es lediglich ein Haus.“
Lange lebte Alexander auf einer Baustelle. Doch seine Firma nahm und nimmt ihn oft in Beschlag und er muß reisen. Womit beschäftigt sich die Firma? Auf Döbbelin erübrigt sich die Frage. Schon vor der Ortschaft prangt in großen Lettern: „Bismarcks Weihnachtswelt“. Der Keller des Anwesens ist ein ständiger Weihnachtsmarkt und wer will, kann selbst im Sommer dort Advent feiern. Das ist jedoch nicht die Firma, die Existenz der Weihnachtswelt reiner Zufall. „Als damals die erste Bismarck-Route geschaffen wurde, dachte ich mir nichts dabei. Ein paar Touristen, die sich den Hof und den Park anschauen wollen … Plötzlich standen Kolonnen von Bussen vor der Tür und ich war fassungslos. Was erwarteten die Menschen, was sollte ich bieten? Aus Lagerbeständen meines Großhandels kreierte ich die erste Weihnachtswelt und schuf rudimentär das Café. Frauen aus dem Dorf backen dafür Kuchen. Die Wurst kommt vom Fleischer, alles andere bringt es nicht. Nur Selbstgemachtes, Punkt!“ 

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Heute hat sich die Weihnachtswelt etabliert und Besucher kommen extra deswegen. „Doch damit verdiene ich nicht mein Geld. Das ist der Großhandel mit Weihnachtsartikeln, den ich schon in der alten Bundesrepublik gegründet hatte. Ich beliefere Großmärkte. Hier spielt die Logistik eine wesentliche Rolle. Es ist unwichtig, ob man drei Millionen Teile mehr oder weniger verkauft. Das fällt im Großhandel nicht wirklich auf. In der Landwirtschaft wären solche Schwankungen katastrophal.“ Und genau hier greift dann die italienische Kult-Serie mit „Don Camillo und Peppone“ als Vergleich, der erzkonservativ-katholische Pfarrer und der kommunistische Bürgermeister. „Ich hatte alles zurückgekauft und die von der ehemaligen LPG wollten ernten. Einstweilige Verfügung! Ich meine, die haben damals das geerntet, was wir gesät hatten, nun haben wir geerntet, was die gesät hatten. Das ist doch nur gerecht. Ich bin kein Bauer und wollte nie einer sein. Ich brauchte das Getreide nicht und wollte es auch gar nicht. Mir ging es um das Prinzip. Man hätte mich fragen können. Aber da war diese kommunistische Haltung, und ich war der Feind.“ Er lacht. Später ist er im Ort mehr und mehr angekommen. Es gab Auseinandersetzungen, Meinungsverschiedenheiten und irgendwann konnte er die passive Haltung nicht mehr fortführen. „Es gab eine Art Erwartungshaltung. Es hat auch etwas mit Verantwortung zu tun. Ich wurde quasi in Ämter gedrängt.“ Und so bekleidete er zwischenzeitlich auch das des Bürgermeisters. Das hat Tradition. Und natürlich hat ein Mann wie Alexander Kontakte, die durchaus nützlich sein können. „Stendal hat nach der Wende 15.000 Einwohner verloren. Man kann die Leute nicht da festhalten, wo es keine Arbeit mehr gibt.“ Und dann wollte die Bahn den Osten zwischen Berlin und dem alten Bundesgebiet links liegen lassen. Alexander war empört: „Die können doch nicht ständig den Osten außen vor lassen. Wenn hier nichts mit Tourismus passiert, dann gibt es hier gar nichts mehr.“ Und so ist es sein Verdienst, daß der ICE in Stendal hält. Stichwort „Prinzip“. Schließlich hält der ICE auch im alten Bundesgebiet bei – aus Berliner Sicht – merkwürdig unbedeutenden Haltepunkten. Also ist es nur zwangsläufig Recht und Billig, die Altmark und damit den Norden von Sachsen-Anhalt an das ICE-Netz anzuschließen. Die 50.000 Besucher, die Schloß Döbbelin heute pro Jahr besuchen, wären wahrscheinlich auch ohne ICE-Halt da. 
Man kann das Schloß auch von Innen sehen. Die Familie wohnt herinnen, überall liegt Zeug von den Kindern rum. Doch für Alexander kein großes Thema. „Wir sind normale Leute. Man kann uns anfassen. Wenn ich anwesend bin, mache ich schon mal die Führung. Ansonsten haben wir Leute aus dem Dorf, die können Geschichten aus der DDR erzählen, die mit diesem Haus zu tun haben.“ Im Schloß war auch der Dorfkindergarten untergebracht. Jeder ältere Bewohner aus dem Dorf hat somit irgendwann einen Teil seiner Lebenszeit auf dem Schloß verbracht. 
Neben den Führungen und der Weihnachtswelt gibt es noch Weihnachtskonzerte im Schloß und große Veranstaltungen im öffentlichen Gartenbereich. Den kann jeder zu jeder Zeit besuchen. Aber einen kleinen Teil um die Terrasse beanspruchen die von Bismarcks für sich. Man will auch mal ein bißchen Privatspähre. Ansonsten ist dies ja schon kaum möglich, steht aber in der Tradition der Adelshäuser wie Alexander sie sieht: „Der Adel lebte mit den Bediensteten auf engem Raum zusammen. Sie sind somit Vertrauenspersonen gewesen, Teil der Familie. Man konnte nichts geheimhalten.“ 
Wir sind am Ende von Plausch und Hausführung, verabschieden uns artig vom adligen Hausherren.
Es gibt noch ein paar weitere Familienangehörige, die den Weg in die Altmark, die Bismarck-Wiege, gefunden haben. Doch der Lauf der Zeit sah schon oft wechselvolle Besitzverhältnisse. 

Weitere Informationen:
Tourismusverband Altmark e.V., Marktstr. 13, 39590 Tangermünde
Tel.: 039322 3460
Infostelle Bismarck-Museum, Kirchberg 4-5, 39524 Schönhausen
Tel. & Fax: 039323 38874
Schloß Döbbelin & Bismarck’s Weihnachtswelt, Döbbeliner Dorfstr. 18, 39576 Stendal / OT Döbbelin
Tel.: 039329 284
Herrenhaus Krevese, Atelier Offen, Gutshof 7, 39606 Hansestadt Osterburg / OT Krevese
Tel.: 03937 250692 
Schloßpark Krumke, Parkstr. 4, 39606 Hansestadt Osterburg

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Text:
Otger Jeske

Fotos:
Matthias Dikert