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Zwischen Tradition und Moderne

Man mag es kaum glauben, wenn man sich heute die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts anschaut. Es wirkt heute alles eher ein wenig gemütlich – und klein. Dabei war Magdeburg einmal die drittwichtigste Stadt der alten Welt, nach Rom und Konstantinopel. Betrachtet man diese beiden Millionenstädte heute, verblasst Magdeburg zu einem Provinzdörfchen.
Da mag sich dann so manch einer denken, kann ich auch gut drauf verzichten. Nun … Pech gehabt. Magdeburg ist sehenswert. Und auf Hektik – Hand auf‘s Herz – können wir alle getrost auch verzichten. Und so beständig wie die Elbe zielgerichtet und flott aber ohne Hast und Eile diesen Flecken Erde schon seit Urzeiten passiert, mutet Magdeburg an.
Im 30-jährigen Krieg wurde die alte Pracht komplett zerstört. Tilly ließ hier ein Exempel statuieren. Später nannte man ähnliche Vorgehensweisen „magdeburgisieren“. Erstes hatten die „Luftpiraten“ des zweiten Weltkriegs sicherlich nicht vor, dass Ergebnis war jedoch zweites. Magdeburg war mit über 90% die am drittmeisten zerstörte Stadt des zweiten Weltkrieges. Januar 1945, der Krieg war eigentlich schon vorbei, Deutschland stand schon ein paar Meter über dem Rand des Abgrundes, versank die Stadt wegen blinder alliierter Zerstörungswut in Schutt und Asche – wie so viele andere Städte. 
Die DDR leistete sich Aufbauarbeit und bescherte Magdeburg eine stalinistische Prachtallee ganz besonderen Ausmaßes. Doch wie in Berlin ging den Bauherren auch hier bald wegen Geldmangels die Puste aus. Heutzutage saniert, bildet das Ensemble besonders in der untergehenden Sonne einen aufregenden Eindruck. Gegen diese Zuckerbäcker-Architektur kann kein schnöder Glaspalast mithalten. Und ich finde die Ausführung hier in Magdeburg samt Sanierung wesentlich gelungener als die in Berlin an der ehemaligen Stalin-Allee. 

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Das Opernhaus wurde schon zu DDR-Zeiten saniert. Nach der Wende gab es einen Brandanschlag, der das Haus völlig zerstörte. Es musste also ein zweites Mal saniert werden und hat sich mittlerweile einen Weltruf erarbeitet. Dabei ist der Name etwas irreführend. Hier wird weit mehr geboten als klassische Oper: Ballett, Musiktheater, Konzert … und man betreibt den Jugendclub. Eine Initiative, die sich bemüht, Kinder und Jugendliche von der Straße zu holen. In Magdeburg gibt es tendenziell zu wenig Jugendangebote. Das Haus ist klein aber fein. Wegen der demographischen Situation und weil viele Gutsituierte zwar hier arbeiten aber nicht in Magdeburg leben und damit die Kulturangebote nicht nutzen, reicht es. Kein Größenwahn, und das ist allemal zukunftssicherer. Die Intendantin Karen Stone setzt hier auch auf internationale Vernetzung – erfolgreich. Aber man hat auch was in der Hinterhand: es war das erste Haus, wo Wagner gewirkt hatte. Verlobung war im Magdeburger Dom und seine erste Oper entstand in Magdeburg. 
Für Kulturinteressierte sei erwähnt, dass das Maritim mit dem Opernhaus/Theater eine Kooperation hat und jeweilige Pakete schnürt. 
Die Hotelsituation sieht heutzutage etwas entspannter aus als noch zu DDR-Zeiten. Damals gab es ganze drei Hotels und ein Zimmer zu bekommen war wie ein „Sechser“ im (Tele)Lotto. Die Maritim-Gruppe übernahm eines davon und baute dann Mitte der 90er komplett neu. Der Entwurf ist ein wenig an das Airport-Hotel in Hannover angelehnt. Man kann sagen, hier vereint sich die Tradition des Domes mit der modernen Hotelkathedrale. Heute stehen rund 500 Zimmer zur Verfügung, dazuGROSSE SÄL.

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Im Rücken liegt eine neue, seltene Sehenswürdigkeit: ein Hundertwasser-Haus. Um genau zu sein, die letzte Kreation des Genies, der noch vor Eröffnung starb. Es nennt sich grüne Zitadelle, ist rosa und soll von der Namensgebung an die alte Festung erinnern.
Ja, Magdeburg war eine alte Festungsstadt, von Preußen systematisch zu einem Bollwerk ausgearbeitet. Als diese Art nicht mehr benötigt wurde, wurde alles geschliffen, damit die Stadt Luft zum Wachsen bekam. Reste sind erhalten, die größtenteils kulturell genutzt werden. Teilweise werden alte Festungsanlagen wiederentdeckt. Z.B. die Bastion Cleve. Noch vor ein paar Jahren war hier alles grün. Man hatte sich damals nicht die Mühe gemacht, abzureißen. Es wurde einfach aufgeschüttet. Inzwischen ist dieser Teil durch einen Zufall entdeckt und freigelegt worden. 
Der militärische Anschluss an eine Festung waren Kasernen. Und diese bilden heutzutage das Rückgrat der Verwaltung von Stadt und Land. Und die Universität profitierte von diesem Bestand. Die platzt eh aus allen Nähten und hat seit Jahren mehr Bewerber als Plätze. Magdeburg ist Universitätsstadt mit einem guten Ruf besonders im technischen Bereich. Der alte Hafen ist mittlerweile zu einem Wissenschaftsstandort umgebaut, u.a. Sitz des Magdeburger Fraunhofer Institutes. Dies entwickelte z.B. eine Ladestation für Elektrofahrzeuge, welches in Zusammenarbeit mit dem Maritim betrieben wird. Um jedoch nicht zu weit im Uni-Bereich hängen zu bleiben, ist im alten Hafen auch eine Denkfabrik geschaffen worden. Der Name des Projektes ist etwas irreführend, denn hier sollen junge, innovative Unternehmensgründer die Möglichkeit erhalten, sich zu verwirklichen. 
Der alte Handelshafen war einstmals einer der modernsten Deutschlands, und der größte mitteldeutsche Hafen. Ende des 19.Jahrhunderts gebaut, wurde er zur Hauptschlagader des Magdeburger Aufbaus nach dem zweiten Weltkrieg. Mit der Wende verlor er die ehemalige Bedeutung und wurde Mitte der 90er zu einem Denkmal erklärt.

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Die Innenstadt ist in weiten Teilen nach dem Krieg nicht saniert worden. St. Johannis blieb Kriegsruine bis 1990 der Beschluss zum Wiederaufbau fiel. Heute prägt die erste Stadtkirche Magdeburgs wieder mit das Stadtbild. Das Gründerzeitviertel moderte vor sich und wer heute durch die Gassen streunt, wird kaum noch irgendein unsaniertes Haus entdecken können. Mittlerweile ist es das Szene- und Ausgehviertel Magdeburgs geworden, wo besonders die Studenten gerne feiern.
Greifen wir den Anfang des Fadens wieder auf. Was machte Magdeburg einstmals zur drittwichtigsten Stadt Europas? Ganz klar: Otto der Große. Letztes Jahr gab es die Sonderausstellung zum Thema „Otto der Große und das römische Reich – Kaisertum von der Antike zum Mittelalter“. 1100-jähriger Geburtstag und zugleich 1050. Kaiserkrönungsjubiläum. Otto schuf das Deutsche Reich (heiliger römischer Nation), Otto wurde erster deutscher Kaiser, Otto schuf das Erzbistum, Magdeburg war seine Lieblingspfalz und er schenkte die Stadt seiner ersten Frau Editha. Magdeburg samt Umland war somit das Machtzentrum des damaligen West-Europa. Lieblingsplätze umherstreifender Könige und Kaiser ändern sich. Und als der Bischofssitz nach Halle verlegt wurde, begann eine bis heute andauernde Konkurrenz und gepflegte Feindschaft. 

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Nach der Wende noch einmal frisch aufgebacken durch die Konkurrenz um den Sitz der Landeshauptstadt. 
Der ottonische Dom ist einem Stadtbrand zum Opfer gefallen. Ursprünglich war es ein von Otto gestiftetes Kloster und um die Begräbnisstätte seiner ersten Frau aufzuwerten, wurde wohl eine Basilika errichtet und sukzessive ausgebaut. Der heutige Dom wurde nach dem großen Brand errichtet. Es war der erste gotische Bau auf deutschem Boden. Die Bevölkerung stand damals diesem Ansinnen ablehnend gegenüber. Der alte Bau war üppig von den Ottonen ausgestattet worden und der Bevölkerung ein besonderes Gedenken an ihren großen Herrscher. Der neue Dom würde riesig werden und nichts mehr mit der Vergangenheit zu tun haben. Psychologisch betrachtet war die Ablehnung zwangsläufig. Wie solche Bauten dann überall bewiesen, war die Bauzeit extrem lang und bis zum heutigen Tag gilt, es gibt kaum Zeiten, an dem der Dom nicht an irgendeinem Teil ein Gerüst hat. Wenn man einmal rum ist, kann man von vorne beginnen. Die Dinger sehen grandios aus, sind aber nicht ganz pflegeleicht. Der Magdeburger Dom wurde im 16. Jahrhundert fertig, dann geschlossen und zwanzig Jahre später als protestantische Bischofskirche wiedereröffnet. Magdeburg avancierte zum Hort des Protestantismus, war einige Jahrzehnte später besagtes „magdeburgisieren“ heraufbeschwor. Mittlerweile ist Magdeburg eher ein Hort des Atheismus – selbst im Vergleich zu den übrigen Teilen der ehemaligen DDR. Den Krieg überstand sie recht gut. Nur ein Minentreffer zerstörte die Orgel. Die Buntglasfenster waren schon lange davor der Nutzung der Bleiverstrebung als Kugelquelle zum Opfer gefallen. Und so kann man originales Chorgestühl aus dem 14. Jahrhundert bewundern, genauso wie einen lachenden Engel – es gibt nur drei lachende Engel in der Darstellung. Und die Darstellungen der lachenden und der weinenden Brautjungfern am Hochzeitseingang des Domes sind mittelalterliches Spitzenkunsthandwerk. Einmalig plastisch detailliert wurde hier das Gleichnis von den Brautjungfern umgesetzt.

Das Kloster Unser Lieben Frauen ist romanisch erhalten. Er gilt als einziges erhaltenes Bauwerk vor dem großen Stadtbrand. Und im Kreuzgang ist ein sehr untypisches Gebäude für das nördliche Europa integriert. Seit 1974 ist hier das Kunstmuseum untergebracht und in der Basilika werden Konzerte veranstaltet. 
Ein sehr interessantes Projekt begann im Kulturhistorischen Museum mit der Hanse-Ausstellung Mitte der 90er Jahre. Damals fragte man sich, wie man Kindern das Mittelalter näherbringen könnte. Daraus resultierte Megedeborch im Hof des Museums. Die Spielschwerpunkte für die Schüler variieren. Im letzten Jahr war es begleitend natürlich die Zeit Ottos. Sie werden eingekleidet, moderner Schnickschnack muss abgegeben werden und jeder erhält einen neuen Namen. Mittlerweile zieht das Projekt auch Gruppen von außerhalb des Bundeslandes an. Rechtzeitige Anmeldung ist Pflicht, die Spielzeit geht jeweils von Mai bis Oktober. 

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Der alten Elbe und der Elbe verdankt Magdeburg die Elbinsel. Der größte Teil davon ist Naherholungsgebiet. 1927 wurde hier die Stadthalle fertiggestellt, in nur acht Monaten Bauzeit. Das war damals Rekord und Magdeburg hatte die größte Halle Deutschlands. Heutzutage ist nur noch die Hälfte erhalten. Im „Hof“ steht das Pferdetor und der Albinmüller-Turm. Von oben hat man eine herrliche Aussicht über die Stadt und wenn das Wetter gut ist sogar bis zum Harz. Die bequemen nehmen der Fahrstuhl, die harten gehen die 250 Treppen zu Fuß. (Ich habe jede einzelne gezählt!) 
Es ist nicht die einzige Grünanlage der Stadt. Magdeburg gilt nach Hannover als zweitgrünste Großstadt Deutschlands. Auf der anderen Seite der Elbe befindet sich der Elbpark – ebenfalls ein Besuch wert. Hier steht der Jahrtausendturm – die größte Holzkonstruktion der Welt. 
Wer will, mietet sich ein Rad und fährt an der Elbe lang. Hier führt auch der IBA-Pfad entlang. Unter dem Motto „Leben an und mit der Elbe“ ist Magdeburg 2010 zur Internationalen Bau-Ausstellung angetreten (IBA). Es geht dabei um zukunftsorientierte Stadtplanung. Das ist wichtig, denn der gesellschaftliche Wandel ist im vollen Gange. Seit 1990 hat sich zum Beispiel das Sachsen-Anhalter-Durchschnittsalter um 8,4 Jahre erhöht. Der IBA-Rundweg bzw. -Hauptstrecke gehen teilweise mit dem Elbradweg parallel. Viel Grün, viel Wasser, Denkmäler und Pausengelegenheiten, Radler was willst du mehr.
Schade für den normalen Magdeburger Gast: Die Villa Bennewitz ist vom Maritim gepachtet und wird für Veranstaltungen genutzt. Ehemals stand dort die Bastion Braunschweig. Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein Landschaftspark, kurze Zeit später ein Villenkranz. Bankdirektor Bennewitz kam zum Schluss und setzte allem die Krone auf. Es war die luxuriöseste Villa, die dazugehörige Parkanlage bildete den Thronsessel. In der Weltwirtschaftskrise nach dem ersten Weltkrieg ging der Bankier pleite und musste verkaufen. Architektur-Touristisch wäre das Gebäude eigentlich Pflicht. Aber wenn Sie jemals in den Genuss kommen, hier zu einer Veranstaltung eingeladen zu werden, nutzen Sie die Gunst der Stunde und schauen genau hin.
Als Alternative zu Theater und Oper bietet sich auch die Kleinkunstbühne Zwickmühle an. Hier wird bissiges Polit-Kabarett geboten. Der Saal ist klein, die Plätze schnell belegt.

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Zum Abschluss sei Ihnen noch eine kleine Spezialität serviert: Röstfein. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet, etablierte sich die Firma sehr schnell als Nummer 1 der Malzkaffee-Hersteller. Dabei setzten die Gründer auf Pfarrer Kneipp und dessen Rezept. Nach dem Krieg wurde verstaatlicht und Röstfein geboren. Dieses Kombinat versorgte die DDR mit Kaffee und Muckefuck. Es ist heute der einzige Hersteller, der die Wende erfolgreich überlebt hat. Mit einem neuen Röstverfahren sind die Magdeburger sogar Innovationsträger. Nur leider kann man das Werk nicht besichtigen – Lebensmittelgesetz sei Dank.

Weitere Informationen:

Tourist-Information Magdeburg
Ernst-Reuter-Allee 12
39104 Magdeburg 
Telefon: 0391 8380-402 
Fax: 0391 8380-430 

MARITIM HOTEL MAGDEBURG
Otto-von-Guericke-Straße 87
39104 Magdeburg 
Telefon: 0391 5949-0
Fax: 0391 5949-990
info.mag@maritim.de

Bericht:
Otger Jeske

Fotos:
Otger Jeske
Maritim (Maritim Hotel, Villa Bennewitz)