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Lieblich restauriertes Bollwerk an der Elbe

Die Altmark ist die Wiege der Mark Brandenburg. Und bevor der Kurfürst nach Berlin zog, war die Tangermünder Burg Herrschaftszentrum. Die Slawen wurden üblicherweise vor die Tore der Stadt verbannt. Die Burg war schon zu Slawenzeiten Befestigungsanlage und gehört zu den größeren Höhenburgen Norddeutschlands. Sie war ein Bollwerk gegen die Slawen auf der anderen Seite der Elbe. Der Burgbezirk, auch Schloßfreiheit genannt, gehörte nicht zur Stadt, und das Tor trägt noch heute den brandenburgischen Adler. 
Allerdings verkrachte sich die Stadt mit dem mächtigen Fürsten, weswegen dieser seinen Herrschaftssitz gen Berlin verlegte. Die Burg beherbergte später noch Kaiser Karl IV. Glanzlichter einer stolzen Hansestadt, die unbehelligt wie die Burg vom Hochwasser auf einem Höhenzug thronte. Angelegt als Rechteck, ist die Ausdehnung überschaubar: 600 x 400 Meter. 
Ein wichtiges Handelsgut war Bier. Die Stadt besaß rund 100 Braustätten. 
Davon leitet sich das heutige Kuhbier ab. Die Legende besagt, daß, wenn Brautag war, kein Kuhschwanz an und in der Havel gesehen werden durfte. 
Geschichten und Geschichte lassen Sie sich am besten vom Nachtwächter bei einem abendlichen Spaziergang erzählen. 

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Justizskandal als Lehrstück
Berühmt-berüchtigt wurde jedoch der Prozeß um Grete Minde, einer der letzten Hexenprozesse in Deutschland und noch heute Lehrfall in der Justiz. Das Perfide an der Sache war, daß sie angeblich die Stadt angezündet haben soll. Und das wäre ein Strafprozeß, kein Hexenprozeß. Aber Hexenprozesse führten nunmal immer in eine Richtung: üblicherweise zum Tod der beschuldigten Person. Entweder diese bekannte, dann wartete der Scheiterhaufen, oder sie bekannte nicht, dann sorgte dezidierte Folter für Bekenntnis oder Tod – oder wahlweise die „Hexenprüfung“: gefesselt ins Wasser stoßen. Geht die angeklagte Person unter, war sie keine Hexe, geht sie nicht unter, ist sie eine und wir greifen den Scheiterhaufen auf. Kurzum, eine Anklage als Hexe sorgte dafür, daß die angeklagte Person auf keinen Fall überlebte. Und die Stadtverantwortlichen wollten genau dies. Federführend war wohl ihr Vormund, der sie als lästige Verwandtschafts-Bettlerin loswerden wollte.Und jener Patrizier hatte großen Einfluß im Rat der Stadt … 
Das Themenhotel Exempel Schlafstuben greift in einem seiner Zimmer dieses heiße Thema auf, und seit einiger Zeit hat Grete am Rathaus auch ein eigenes Denkmal. Aber richtig berühmt hat Theodor Fontane die Dame gemacht.

Touristischer Aufstieg
In der Kaiserzeit entwickelte sich in Tangermünde Industrie. Zu DDR-Zeiten war Tangermünde eine mittlere Industriestadt, die man auf alle Fälle mied, wenn man nicht gezwungen wurde. Trostloses Grau und Verfall waren die Begleiter der Produktion. Der FDGB betrieb in Arendsee eine riesige Hotelanlage und der Ort war sozialistisches Touristen-Mekka. Nach der Wende entwickelte Tangermünde eine touristische Vision, die knallhart durchgezogen wurde – mit Erfolg: Tangermünde ist ein weithin leuchtendes touristisches Kleinod geworden, welches Anziehungskraft entwickelt. Die Stadtmauer umgibt den alten Ortskern noch vollständig auf fast zwei Kilometer Länge. Der Ortskern ist fast komplett saniert, die Tore bzw. Türme stehen. Tangermünde hat sich in der Altmark zur unumstrittenen Nummer Eins emporgearbeitet.
Das alte Rathaus ist beliebt bei Hochzeitspaaren, auch wenn die alten Patrizier gewiss so ihre Standesdünkelbedenken hätten. Aber ob die Kirchenfürsten von damals der heutigen Zecherei St. Nikolai wohlwollender gegenüberstehen würden? Allerdings ist die profane Nutzung schon seit dem Ende des 16. Jahrhunderts belegt und damit traditionell. Einige Jahre vorher wurde schon das Kloster im Rahmen der Reformation vor dem Neustädter Tor aufgelöst und ist heute nurmehr Ruine. Zwischen dieser und dem Tanger liegt der Caravan-Stellplatz. 
Radfahrer sind vor allem in den Sommermonaten noch ein sehr wichtiger Faktor. Früher führten wichtige Post- und Handelsstraßen hier entlang, heute der Elberadweg. Zudem gibt es noch einen Altmark-Rundkurs. Straßen und Wege bringen Umsatz, früher wie heute. Und auch Bustouristen haben die Stadt entdeckt …

Das Exempel …
… ist ein Multi-Konzept bestehend aus Hotel und Erlebnisgastronomie. Frau Pohl hat zwar Hotellerie gelernt, doch Familientradition war es nicht. Dafür erkannte sie mit Mitstreiter Tiemo Schönwald den Trend der Freizeit, die Neugier, Dinge zu entdecken. Der Beginn ihrer Spielerei. 
Zuerst waren die Exempel Gaststuben. Das alte Schulgebäude wurde liebevoll … Nun ja, eine richtige Gastwirtschaft sieht anders aus. Hier ist eher die Zeit stehengeblieben. Der Gast setzt sich ins alte Klassenzimmer oder die Wäschekammer. Man erkundet das Gebäude und fragt sich, ob das hier noch dazugehört oder ob man endgültig falsch abgebogen ist. Die Devise lautet: Wo ein Platz, da auch Bedienung.
Danach kamen die Schlafstuben. Noch mehr Spielerei. Themenzimmer aus der lokalen Geschichte. Es gibt Gäste, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, alle Zimmer durchzuprobieren. Wie wäre es mit der Folterkammer, Kaiser Karls Gemach, der Kajüte vom Käpt’n Kolle, Wallensteins Lager oder der Räuberhöhle derer von Quitzow? 18 Zimmer-Unikate gibt es. Es werden noch mehr. Auch die Altstadt-Pension gehört zum Konglomerat. Noch übernachtet der Gast hier unspektakulär. Der Umbau ist quasi beschlossen, und an lokalen Begebenheiten für kuriose Zimmer-Ideen mangelt es nicht.

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Die Zecherei St. Nikolai gehört auch dazu. Am ehesten umschrieben mit „Mittelalter-Schänke“. Der vormalige Pächter ließ irgendwann die Zügel schleifen. Das ging natürlich nicht. Die ehemalige Kirche in direkter Nachbarschaft zum Haupttor der Stadtmauer liegt im Rampenlicht. Heute kann man auch im Badezuber tafeln, und musikalische Darbietungen liegen im Rahmen des historischen Gemäuers. Dieses präsentiert sich mit Kerzenbeleuchtung, Bleiglasfenstern, Kanzel, Chorgestühl, Kamin und vielem mehr, was die ehemalige Bestimmung noch erkennbar werden läßt. 
Und wem die ganze mittelalterliche „Fleischfresserey“ nicht behagt, das Ganze gibt es auch als vegetarische Version. 
Nur die Eisdiele haben sie wieder abgegeben. Das paßte dann nicht in das Konzept der Überraschungen. „Zu normal“, befanden Stine Pohl und Tiemo Schönwald.

Weitere Informationen:
Tourismusverband Altmark e.V., Markstr.13, 39590 Tangermünde
Tel.: 039322 3460
Erlebnenswert GbR, Lange Str.24, 39590 Tangermünde
Tel.: 039322 7354 000

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Text:
Otger Jeske

Fotos:
Matthias Dikert