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Havelberg

enn die Elbe Hochwasser führt, flutet sie bis in die Havelauen. Deshalb sind schon vor Urzeiten Deiche gezogen worden. Wenn die brechen, wie bei dem Jahrhunderthochwasser vor ein paar Jahren, greift sich der Strom seine alten Flutflächen wieder. Wohnen an der Elbe war schon immer gefährlich. Die Havel dagegen gilt als zahm. Hochwasser gibt es, wenn die Elbe überläuft oder ein kontrollierter Abfluß eingeleitet wird. In Havelberg reicht erreicht es dann Straßenniveau, Keller können vollaufen, doch oft bleibt es an der Kaimauer hängen. 
Havelberg liegt dicht an der Elbmündung. Es gibt eine große Schleuse zur Elbe, so daß hier das Wasser zurückdrücken kann. Und die Havel läuft über eine längere Strecke parallel zur Elbe, bevor sich beide zusammenschließen. 
Die „Berge“ und „Täler“ schuf die letzte Eiszeit. Ideal für eine Besiedlung. Vor den „Deutschen“ siedelten die Slawen hier, die allerdings auch nur in Freiräume eindrangen, die die Germanen durch ihre Wanderungen in spätrömischer Zeit schufen. Und die Kelten waren sicherlich auch schon hier. Und bei allen Siedlern stand etwas mit Fischen, Handel und Booten auf dem Tagesablauf. Und wie fest die Havelberger in diesem Gewerbe saßen, zeigt die Tatsache, daß der russische Zar hierherkam, um Schiffbau zu lernen. Zar Peter wollte das russische Reich modernisieren und nahm die Erkundung der Moderne lieber selbst vor, als seinen alten verknöcherten Bojaren dies anzuvertrauen.
Kam der Zar in ein kleines Fischerdorf, um unerkannt den Beruf des Schiffszimmermannes zu erlernen? Sicherlich nicht.

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Die Wiege Brandenburgs
Havelberg und Brandenburg an der Havel gelten als die Wiege der Mark Brandenburg, obwohl Havelberg heutzutage zu Sachsen-Anhalt gehört. Ihre stolzen Dome künden von der Wichtigkeit der Ortschaften und vom Anspruch der neuen Herren. Es gibt keine größeren jenseits der Elbe im neuen Land. Der Havelberger Dom wurde im 12. Jahrhundert eingeweiht. Im Ursprung ist er eine romanische Basilika, doch die brannte rund 100 Jahre später ab, so daß ein gotischer Umbau begann. 
Havelberg ist 948 urkundliche von Kaiser Otto belegt. Die Christianisierung der unteren Elbe fand von hier aus statt. Daher gilt Havelberg auch als Wiege der Prignitz.
Beide Städte werden später Mitglied der Hanse, einer mächtigen, norddeutschen Kaufmannsvereinigung, der auch viele Städte des Binnenlandes angehören, die an wichtigen Wasserstraßen liegen, die den Handel befördern. 
Kirchenrechtlich gehörte Havelberg jedoch zu Brandenburg a.d.H. und der Domberg war ein eigenständiges Gemeinwesen. Hier wurde auch das Bernsteinzimmer übergeben. Geschenke befördern bekanntlich die Freundschaft und der Große Kurfürst kassierte als Gegengeschenk vom russischen Zaren seine geliebten „Langen Kerls“. 200 an der Zahl. Dafür erhielt der Zar zum Bernsteinzimmer auch noch eine Jacht. Letztere hatte damals den Wert von 100.000 Talern, das Bernsteinzimmer lediglich 30.000. Die olle Jacht wäre heute wohl nicht mehr viel wert, das Bernsteinzimmer hingegen ist so legendär, daß man es kaum noch bezahlen könnte. 
Und weil hochstehende Personen immer irgendwelche architektonischen Spuren hinterlassen müssen, setzte der Kaiser auf den ohnehin schon mächtigen Dom noch was drauf. 
In die Kaiserzeit fiel auch die Eingemeindung des Dombezirkes sowie der umliegenden Kommunen. 

Wichtiger Wirtschaftsfaktor
Das Militär prägt Havelbergs Wirtschaft nicht erst seit gestern. Die Volksarmee, die Bundeswehr … setzten nur auf preußische Tradition auf. Das Kürassierregiment Nr. 11 war unter anderem in Havelberg stationiert. Ein Havelberger Bismarck, Christoph, wurde der erste preußische Offizier des Hauses Bismarck. Nur über die Bundeswehr wird eher geschmunzelt. „Falsche Belegung“, so heißt es. 

Übernachten
Das Art Hotel Kiebitzberg ist relativ neu und liegt etwas am Rande. 2011 als kleines Gästehaus eröffnet, evolvierte es ein Jahr später zum Hotel. Für die Buga sind die Wochenenden im Herbst des Vorjahres schon gut belegt, über den Winter sind noch sieben weitere Zimmer hinzugekommen. 
Der Geschäftsführer Andreas Lewerken, Tischler von Beruf, ist für die gesamte Innenausstattung verantwortlich. Als Kiebitzberg Unternehmensgruppe sind er und seine Frau Renate im Bereich Innenausbau, Möbelbau, Mineralstoffverarbeitung sowie Metall- und Schiffbau tätig, bringen somit fast 30 Jahre Erfahrung mit sich. Er designte schon zu DDR-Zeiten Holzspielzeug und schuf einen Renner.

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Das Haus selbst existiert seit ungefähr 1732. Es war ursprüngliche eine Damastweberei, im 19. Jahrhundert kam ein Eiskeller hinzu, da das Haus als Brauerei und Gasthaus genutzt wurde. So neu ist die heutige Nutzung für den Standort also nicht. Und der Name des Hotelrestaurants knüpft sogar an die Tradition an: Schmokenberg. Alte Havelberger erinnern sich noch gerne …
Aber die Konzeption als „Kunst-Hotel“ ist neu. Okay, so neu nun auch nicht, aber hier am Ort. Es sollen sich halbjährige Ausstellungen abwechseln. Den Beginn gab es 2013 mit dem Berliner Künstler Josef Lehnert, der natürlich kein gebürtiger Berliner war, zu feiern. 
Die Werft am anderen Ufer gehört ebenfalls zur Unternehmensgruppe. Da schuf Andreas mal eben zwischen Weihnachten und Neujahr das PonTom Cabrio, ein Hausboot mit aufschiebbarem Glasdach, 90 PS und einer Zulassung von 12 Personen. Notwendig ist ein Sportbootführerschein, doch man kann den Katamaran auch chartern und die Havel mit Bootsführer erkunden. Der weiß, wo die Seeadler nisten, kennt die Plätze der Kormorane und hat auch sonst viel zu erzählen. 
Das Hotel besitzt dafür einen eigenen Anleger. 

Gastronomie
Tradition steht auch auf der Karte im Restaurant „Zur Güldenen Pfanne“. Über 250 Jahre ununterbrochene Gastronomie, da müssen andere sich richtig langmachen. Urkundlich erste Erwähnung 1693 als Schänke zur Lehmkuhle (so heißt die Gasse heuer) und ab 1720 Restaurant. Es gehörte zur Kasernenanlage und es kann davon ausgegangen werden, daß auch schon der russische Zar hier gespeist hat. 
Das Haus beherbergt auch den größten Weinkeller im nördlichen Sachsen-Anhalt. Im Keller liegen rund 3.000 Weine, der Wirt hat weitere 3.000 zu Hause. 
Der derzeitige Wirt, Herr Hippeli, legt Wert auf Regionales. Und da im Jahre 2015 nicht nur Buga ist, sondern auch Bismarck-Jahr, hat er den Eisernen Kanzler kulinarisch neu interpretiert. Zum Beispiel die Kibitzeier: „Diese wurden im frühen 19. Jahrhundert zum Trend bei den Jugendlichen. Also aß die auch Bismarck. Aber Kibitze sind heute so eine Sache. Wir nehmen Wachteleier aus Bio-Züchtung.“ 
Heutigen Menschen dreht sich bei so manchem der Magen um, was früher völlig normal war. So gehörten früher Krähe und Kräheneier zum normalen Speiseplan. Auch Bismarck aß die gerne, wie überhaupt Geflügel und vor allem Fisch. Austern gab es zu seiner Zeit noch als Flußauster, und Süßwassergarnelen schmückten ebenfalls die Karte. Flußkrebse waren jedoch schon ausgestorben. Irgendwann sechszehnhundertnochwas. Mittlerweile sind amerikanische Brüder in der Elbe heimisch und auch Störe sind erfolgreich zurückgekehrt.
Es gibt:

  • Fischpudding mit geräuchertem Wels
  • Fischpudding mit Sülze und Flußgarnelen
  • Windbeutel mit Fischpudding
  • Hecht süß-sauer mit Brombeer-Vinaigrette
  • Blauer Zipfel (Wurst in Blausud haltbar gemacht)
  • Wachteleier mit Honig-Senf-Sauce
  • Schweinebraten mit Pflaumensauce
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  • Der Wirt hat Bismarck jedoch nicht einfach so ausgegraben. Ursprünglich stammt er aus Bad Kissingen. Und dort war Bismarck jedes Jahr zur Kur. Und berühmte Kurgäste werden zum Renommee gehegt und gepflegt …
    Und da Bismarck als Gourmet galt, ist die Beschäftigung des Gastronoms mit Bismarck zumal in dieser Gegend fast schon zwangsläufig, will man den Besuchern nicht die typischen 08/15-Gerichte auf die Tische stellen.
    Und woher stammen die Gäste? Der Wirt: „Es sind in der Regel Auswärtige. Der Havelberger kommt zu Ostern, zu Weihnachten oder wenn der Mann bei der Frau was geradebiegen muß. Auch aus Berlin kommen nur wenige. Das Gebiet Magdeburg-Wolfsburg ist eher Einzugsgebiet.“
    Dabei ist der Wirt durchaus kreativ und fast allen Ideen gegenüber aufgeschlossen. Das Haupthaus wird durch ein Extra-Gebäude ergänzt, wo Feierlichkeiten, Treffen oder sonstiges im gemütlichen Rahmen stattfinden kann. Hier kann bei Vorträgen oder Lesungen gespeist werden, Kräuterwanderungen und sogar mit dem Meister kochen ist kein Problem.Weitere Informationen:
    Touristinformation Havelberg, Uferstr. 1, 39539 Havelberg
    Tel.: 039387 194 33
    Tourismusverband Altmark e.V., Marktstr. 13; 39590 Tangermünde
    Tel.: 039322 34 60

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    Im Land der Buga
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    Text:
    Otger Jeske

    Fotos:
    Matthias Dikert