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Görlitz

ch wollte schon immer einmal die Europastadt Görlitz besuchen. Mein Kollege hatte die gleiche Idee, und so fuhren wir an einem Wochenende im Oktober von Berlin aus mit dem Auto los und kamen nach etwa 280 Kilometern in 3 Stunden in dieser interessanten Stadt an. Bevor wir das historische Stadtbild erkunden wollten, checkten wir im zentral-gelegenen Hotel Börse ein und stärkten uns gegenüber dem kleinen Lokal „Lucie Schulte“, das im Hof direkt hinter dem Flüsterbogen liegt. Das spätgotische Portal erhielt diesen Namen, weil die auf einer Seite geflüsterten Worte für den Lauscher auf der anderen Seite durch die bauliche Kehle deutlich vernehmbar sind.
Das „Hotel Börse“ war übrigens früher eine alte Handelsbörse und dieses Barockgebäude wurde detailgetreu saniert und zu einem kleinen stilvoll gestalteten Hotel umgebaut. 

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Die Räume sind komfortabel und individuell eingerichtet. Zur Standardausstattung gehören unter anderem Telefon und Satellitenfernsehen, High-Speed Internetzugang, sowie ein separates Badezimmer mit Dusche. Und natürlich wird auch ein köstliches Frühstücksbuffet zubereitet. Auf hauseigenen Restaurantbetrieb wurde bewusst verzichtet, da zahlreiche Lokale rund um den Untermarkt zum behaglichen Verweilen einladen.
Das außergewöhnliche Stadtbild zählt zu den am besten erhaltenen in ganz Mitteleuropa. Görlitz gilt als größtes Flächendenkmal Deutschlands mit seinen Bauwerken der Spätgotik, der Renaissance, des Barocks und des Jugendstils. Insgesamt 4000 sorgfältig restaurierte Baudenkmäler erzählen vom großen Reichtum vergangener Zeiten. Sie begeistern nicht nur die Besucher, sondern auch regelmäßig nationale und internationale Filmproduktionen. Die Lage im Dreiländereck macht die Stadt zu einem perfekten Ausgangspunkt für Kurztrips nach Polen oder Tschechien, ins nahe Riesengebirge, nach Breslau oder nach Prag. Görlitz war lange eine der wohlhabendsten Städte der Region. Mit rund 100 000 Einwohnern übertraf die Neißestadt in der Größe zeitweise sogar die heutige sächsische Landeshauptstadt Dresden. Ihre Blüte in der frühen Neuzeit verdankte sie dem Handel mit Tuch und Waid. Die günstige Lage an der Neiße und der Via Regia, die von Kiew bis nach Santiago de Compostella führt, machten Görlitz zu einem bedeutsamen Standort für Gewerbe, Kultur, Baukunst und Handwerk. Der Handelsweg sorgte für einen regen Austausch mit ferneren Regionen Europas. Im 16.Jahrhundert machte der Theosoph Jacob Böhme, der als einfacher Schuster arbeitete und nebenbei seine Theorien zur „Einheit von Mensch und Natur“ entwickelte, von sich reden. Mit der Industrialisierung und dem Bau von Eisenbahn und Theater erlebte Görlitz im 19.Jahrhundert einen enormen Aufschwung und wurde eine reiche Stadt voller Kultur und Esprit. Als man um 1850 die Stadtmauern niederriss, konnte Görlitz seinen historischen Kern ausdehnen und neue Stadtviertel erbauen. Zu ?eginn des 20.Jahrhunderts war Görlitz das reiche und prachtvolle Zentrum der preußischen Oberlausitz und nach Breslau die zweitgrößte Stadt Niederschlesiens. An den östlichen Rand Deutschlands rückte sie erst am Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Neiße Staatsgrenze wurde. Der Fluss teilte die Stadt in das östliche Zgorzelec und das westliche Görlitz. Bis zur politischen Wende 1989 war die historische Bausubstanz dem Verfall preisgegeben. Die deutsche Wiedervereinigung brachte besonders für die Altstadt den Segen. Zudem gibt es einen anonymen Spender, der seit 1995 eine halbe Million Euro jährlich für die Sanierung der Stadt stiftet.
Unser Stadtrundgang begann an der Görlitz-Information in der Brüderstraße, die den Untermarkt mit dem Obermarkt verbindet. Die Stadtführerin Frau Kammler schaute mit uns zuerst auf das Rathaus. Die ältesten Bauteile der Frührenaissance stammen aus der Mitte des 14.Jahrhunderts. Berühmt ist die 1537/38 erbaute Rathaustreppe, die Wendel Rosskopf, einer der bekanntesten Görlitzer Baumeister, schuf. Auch die zwei bis heute erhaltenen Zifferblätter der Stundenuhr am Rathausturm verdienen Beachtung. In der Mitte des unteren Ziffernblattes befindet sich der Kopf eines Kriegers, der zu jeder vollen Minute die Augen verdreht und die Kinnlade herunterfallen lässt.

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Die Säule mit der Justitia ohne Augenbinde galt als Wahrzeichen der hohen Gerichtsbarkeit der Stadt. Die Fassade des nördlichen und jüngsten Teils Fassade Lauban und Zittau, die sich im 14.Jahrhundert zum Oberlausitzer Städtebund zusammenschlossen. Dieses Bündnis diente dem Schutz vor Raubrittern sowie als politisches Machtmittel.1991 wurde es von den Oberbürgermeistern der 6 Städte wiederbelebt und wird zur gemeinsamen touristischen Vermarktung genutzt.
Für die Stadt typisch sind die Hallenhäuser. Ihre imposanten Kreuzgewölbe, die sich über die gesamte Breite der Eingangshallen erstrecken, boten ganzen Pferdefuhrwerken Platz. Hier stapelten die Kaufleute einst ihr Tuch. Viele dieser außerordentlichen Bauwerke mit Elementen der späten Gotik und der Renaissance sind in der Altstadt erhalten geblieben. So zum Beispiel das Biblische Haus in der Neißstraße. Seine pittoreske Fassade stellt Szenen aus dem Alten und Neuen Testament dar. In unmittelbarer Nähe befindet sich das Gebäude mit der Nummer 30. Der Schönhofist das älteste Bürgerhaus deutscher Renaissancebaukunst. Mit seiner prachtvollen Fassade, der reichen Bauplastik und den üppig bemalten Holzdecken vermittelt das Gebäude einen Eindruck vom Reichtum des alten Görlitz.
Hinter dem imposanten Barockportal ist eine der ältesten Bibliotheken Sachsens, die Oberlausitzsche Bibliothek der Wissenschaften beheimatet. Nach umfassender Restaurierung beherbergt dieser Wendel Rosskopf Bau seit 2006 das Schlesische Museum, auf das ich später noch einmal zurückkommen werde.
Der Neptunbrunnen ziert die Mitte des südlichen Untermarkts.
Am östlichen Ende des Obermarkts, der jahrhundertelang für den Getreide- und Salzhandel genutzt wurde, erhebt sich die Dreifaltigkeitskirche, eine alte Klosterkirche der Franziskaner. Der heutige Kirchenbau stammt aus dem 14.und 15.Jahrhundert. Gewölbemalereien mit einem einzigartigen Engelskonzert, die eindrückliche Sandsteingruppe der Beweinung Christi und der grandiose Flügelaltar der „Goldenen Maria“ sind Meisterwerke des Mittelalters. Aus evangelischer Zeit stammen die Kanzel und der hochbarocke Altar mit dem Thema der Dreifaltigkeit, der die Kirche 1715 geweiht wurde. Wenige Meter weiter erinnert die Verrätergasse an das Vorhaben der unzufriedenen Görlitzer Tuchmacher, den Stadtrat zu stürzen. Als nämlich die Turmuhr der Dreifaltigkeitskirche eines Tages 7 Minuten zu früh schlug, wurde der Plan der Verschwörer beim Verlassen des Ortes, an dem sie ihre geheimen Treffen abhielten, entdeckt. Viele der Aufständischen wurden vertrieben oder hingerichtet. Am Hinterausgang des Verschwörerhauses erinnert noch heute ein Schild mit der Aufschrift „DVRT 1527“ (der verräterischen Rotte Tor) daran und die besagte Turmuhr schlägt seit diesem Ereignis übrigens immer 7 Minuten vor der Zeit.
Die 2.Kirche, die wir besichtigten ist die Frauenkirche. Als einheitliche Halle mit drei Schiffen und feinster Steinmetzarbeit am Portal und im Innenraum gehört sie zu den Hauptwerken spätgotischer Architektur der Oberlausitz. Bei einer Führung kann man auch den ältesten Dachstuhl aus dem 15.Jahrhundert bewundern. Im Oktober 1989 öffnete sie als erste Görlitzer Kirche ihre Türen für die Friedensgebete der Friedlichen Revolution.
Gleich daneben finden wir das wohl schönste Jugendstil-Warenhaus Deutschlands. 

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Beeindruckend ist seine Innenarchitektur mit dem zentralen Lichthof und der großartigen bemalten Glaskuppel, die in den 1980 er Jahren restauriert wurde. Diese spezielle Technik bezeichnet man als Schwarzlotmalerei, wo Schmelzfarbe bei einer Temperatur von 600°C in das Material eingebrannt wird und so ein grafischer Effekt entsteht. Im Moment wird das Haus restauriert und der jetzige Eigentümer Prof.Dr.med.Winfried Stöcker hofft auf die Eröffnung Anfang 2016. Hochwertige Qualität und gute bezahlbare, auch regionale Produkte sowie ein ansprechendes Sortiment sollen die Kunden und Besucher auf einer Fläche von 7000 Quadratmetern vorfinden. Eine interessante Mischung aus Shopping, Gastronomie und Erlebnis werden Einheimische und Gäste aus den angrenzenden Ländern begeistern. Zusätzliche Anziehungspunkte bieten häufige Veranstaltungen, wie Modenschauen, Konzerte, Tanz und Lesungen. Angestrebt wird ein Shop-in-Shop Geschäft mit einem einheitlichen Kassensystem. Im Untergeschoss soll es frische Lebensmittel geben, im Erdgeschoss eine Parfümerie, Accessoires, Aktionen und regionale Produkte. In den Ebenen 1 und 2 sollen Damen- und Herrenbekleidung die Flächen füllen. Hervorragende Gastronomie, Designer und Feinkost, ein „Männer“- und ein Kinderland sowie Kinderbekleidung und Spielzeug werden in Ebene 3 realisiert. Auf Ebene 4 soll in weiteren Bauabschnitten ein Restaurant mit Terrasse entstehen, von der man weit bis ins Riesengebirge blicken kann. Ich freue mich schon jetzt auf den Eröffnungstag und werde es mir nicht nehmen lassen, die repräsentativen Freitreppen und imponierenden Treppenbögen hinauf zu schreiten.
Unser Weg führte uns nun zurück zur St.Peter und Paul Kirche, die auf einem Felsen steht und schon von weitem majestätisch thronend zu sehen ist.

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Ihr Westportal mit dem „Brauttor“ stammt vom spätromanischen Vorgängerbau, die heutige spätgotische Halle mit 5 Schiffen und einer vierschiffigen Unterkirche wurde 1497 nach jahrzehntelanger Bauzeit vollendet. Der weite Innenraum wird von einer prachtvollen barocken Ausstattung geschmückt, deren Höhepunkt die berühmteSonnenorgel darstellt. Auch wir hatten das Glück am Dienstag von 12 bis zirka 13 Uhr der Orgelmusik mit Meditation und Information zu lauschen.
Im Jahre 1703 erhielt die Kirche die Sonnenorgel, die damals von dem bekannten italienischen Orgelbauer Eugenio Casparini erbaut wurde, der aus dem niederlausitzschen Sorau stammte. Der Prospekt wird bestimmt von 17 Sonnen. Die Pfeifen der zwölffachen Pedalmixtur sind strahlenförmig um goldene Sonnengesichter angeordnet. Nach vielen Umbauten und Veränderungen wurde das Werk 1927 ausgebaut und durch eine elektro-pneumatische Orgel ersetzt, die bis 1979 in dem barocken Gehäuse Platz fand. Von 1980 wurde in 12 Jahren der Innenraum der Peterskirche fast vollständig restauriert, so auch der wunderschöne Prospekt. In dieser Zeit entschloss sich die Gemeinde eine neue Orgel zu bauen und sammelte dafür Geld. Mit Hilfe des „Freundeskreises Görlitzer Sonnenorgel eV“ gelang es der Gemeinde den Neubau 1995 an die Schweizer Firma „Mathis Orgelbau AG“ in Auftrag zu geben. Seit 2006 verfügt die Orgel über 88 Register mit 6095 klingenden Pfeifen.
Nach dem wunderschönen Konzert setzten wir den Stadtrundgang fort und hielten an dem Waidhaus, dem ältesten Görlitzer Profanbau. Dieses Haus diente als Lager- und Stapelplatz für Waid, den blauen Farbstoff für die Tuche. Seit 1995 ist hier das Werkstattgebäude des Görlitzer Fortbildungszentrums für Handwerk und Denkmalpflege untergebracht. Bevor wir die Altstadtbrücke, die als Fußgängerbrücke seit 2004 beide Teile der Stadt GörlitzZgorzelec miteinander verbindet, überquerten, machten wir ein paar Schritte zum Ochsenzwinger. Zwischen den gut erhaltenen historischen Wehrmauern gestaltete Gartenbaudirektor Henry Kraft in den 1960 er Jahren eine reizvolle Grünanlage. Im Zuge der vollständigen Sanierung wurde 2000 nach 8-jähriger Bauzeit die obere Terrasse als mediterraner Garten gestaltet.
Wir gingen weiter über die Altstadtbrücke und sahen auf der polnischen Seite das markante Mosaikgesicht auf der Südseite des 1938 neben der Mühle errichteten Getreidesilos. Diese Dreiradenmühle zählt zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Das Silo ist eines der wenigen erhaltenen Gebäude der alten Mühle, die den Görlitzer Weißgerbern im 13.Jahrhundert als Getreide- und Walkmühle diente. Heute befindet sich in einem Gebäude ein Restaurant, in dem man sehr gut essen kann. Gleich hinter der Brücke wurden Ende der 1940 er Jahre neben polnischen Siedlern auch zahlreiche griechische und makedonische Flüchtlinge einquartiert. 

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In den letzten Jahren ist auf dem Töpferberg eine moderne Siedlung (griechisches Viertel) nach historischem Vorbild entstanden. Unweit der Brücke, direkt am polnischen Neißeufer, befindet sich das Jacob-Böhme-Haus. Dort verbrachte der berühmte Görlitzer Schuhmacher und Theosoph einige Jahre seines Lebens.
Nach einigen Kilometern entlang des Ufers erreichten wir das Zgorzelecer Kulturhaus Dom kultury, die frühere Oberlausitzer Gedenkhalle. Dieses repräsentative Bauwerk erinnert in seinem wilhelminischen Neobarock an den Deutschen Reichstag. Tatsächlich wollte man mit diesem „Walhalla der Oberlausitz“ das Andenken des Kaisers Wilhelm I. ehren.
Nur wenige Schritte von hier aus sind es über die Stadtbrücke zum Meridianstein.
Dieser markiert auf der deutschen Seite den 15.Längengrad, an dem die mitteleuropäische Zeit bestimmt wird. Wir liefen weiter durch den Stadtpark mit alten Bäumen, großen Rasenflächen und dem Rosengarten. An einer Abzweigung verabschiedeten wir uns von der Stadtführerin Frau Kammler und schlugen den Weg zur Landskron Brauerei ein. Dieses denkmalgeschützte 4 Hektar große Backsteinareal wurde 1869 in der Gründerzeit errichtet und produziert seit fast 145 Jahren in der Landskron Brau-Manufaktur das gleichnamige vielfach preisgekrönte Bier. 

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Von 1972 bis zur Wende war der Betrieb halbstaatlich und produzierte auch das „köstliche Naß“. 1992 bekam die Familie Scheller die Brauerei rückübertragen und leitete das Unternehmen 10 Jahre. Aus Altersgründen wurde die Brauerei 2002 an die Holsten- Gruppe verkauft und zwei Jahre später von der Carlsberg-Gruppe (Dänemark) übernommen. Da für Carlsberg die Herstellung des Landskron-Bieres zu teuer war, drohte die Stilllegung der Manufaktur, oder der Verkauf. Buchstäblich in letzter Minute am 1.7.2006 kaufte Dr. Lohbeck aus Schwelm bei Wuppertal die Landskron-Brauerei dem Konzern ab, und seitdem läuft die Produktion wieder sehr gut und die Leute sind mit ihrem Chef äußerst zufrieden.
Zur 2-stündigen Besichtigung der Brauerei wurden wir schon von Herrn Walter Michel, der hier 47 Jahre als Biersieder im Sudhaus gearbeitet hat, erwartet. Er schwärmte davon, dass im vergangenen Jahr 16 600 Gäste durch die Hallen geführt wurden und meinte, dass in diesem Jahr die 20 000 Marke erreicht wird.
Unsere Führung begann im Sudhaus, ging über den Gärkeller und Lagerkeller in den Flaschenkeller und endete im Bräustübl. Dort probierten wir einige Sorten und ich muss sagen, dass mir das Hefeweizenbier und das dunkle „Pupen-Schultzes Schwarzes“ am besten geschmeckt haben. Anschließend führten wir ein Gespräch mit unserem Brauereiführer Walter Michel:

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Interview mit dem Brauereiführer Walter Michel

Der Bierseidel als Geschenk ist natürlich bei allen Touren dabei. Die Landskron Brau-Manufaktur bietet auch individuelle Veranstaltungen an, wie Klassentreffen, Weihnachtsfeiern und runde Geburtstage. Auch der Fanshop und Biergarten sind täglich geöffnet, Mai bis Oktober von 11 bis 18 Uhr und November bis April von 11 bis 17 Uhr. An Feiertagen ist generell offen und alle Fanshop-Artikel sind auch im Internet erhältlich. Außerdem ist die Landskron Kulturbrauerei eine der größten Veranstaltungslocations der Region und bestens für Events jeglicher Art geeignet. Im Saal und auf dem Hof finden an fast jedem Wochenende Live-Konzerte und Parties sowie Shows mit bekannten Künstlern statt.
Inzwischen hatten wir auch einen interessanten und anstrengenden Tag hinter uns und freuten uns nur noch auf unser Bett, um wieder am nächsten Tag für weitere Unternehmungen fit zu sein.
Mit frischen Kräften sahen wir dem Tag entgegen, denn zwei Museen warteten auf unseren Besuch. Gegen 10 Uhr marschierten wir zum Kaisertrutz, der nur einige hundert Meter von unserem Hotel entfernt war. Schon von weitem sah man den Reichenbacher Turm, der baulich mit dem Kaisertrutz und der Stadtmauer verbunden war. Der Nikolaiturm, der Frauenturm und der Reichenbacher Turm sind noch 3 erhaltene mittelalterliche Türme, die früher zur Stadtbefestigung gehörten. Wie alle Wehrtürme der Stadt war er auch noch bis 1904 bewohnt. 

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Den Reichenbacher Turm schmücken in der oberen Reihe 6 Wappen, die die wechselnde Zugehörigkeit von Görlitz im Laufe der Geschichte kennzeichnen. In der unteren Reihe befinden sich die Wappen der Städte des Sechsstädtebundes. Den Turm kann man auch besteigen, was wir natürlich machten, und nach 165 Stufen wird man mit einem wunderschönen Blick auf die Stadt und ihre Umgebung belohnt. Schautafeln und Exponate aus der Museumssammlung, wie die Kopie des „Schützenmahles“ aus dem 17.Jahrhundert, Wetterfahnen, Turmuhrwerke und Turmuhrfragmente, informieren zur mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Görlitzer Stadtverteidigung und zum Türmerwesen.
Der Kaisertrutz war eine mit Kanonen bestückte Bastion, die ab 1490 zum Schutz des Reichenbacher Tores und der Handelsstraße Via Regia gebaut wurde. Er war Teil der westlichen Verteidigungsanlage und wurde von den Schweden besetzt. Während des Dreißigjährigen Krieges trotzten die Schweden allerdings dem Ansturm der kaiserlichen Truppen. Daher kommt auch der Name. Seit 1932 beherbergt der Kaisertrutz zusammen mit dem Reichenbacher Turm einen Teil des Kulturhistorischen Museums. 2011 wurde der gewaltige Rundbau aufwendig saniert und zeigt heute die Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kultur. Der Ausstellungsrundgang gleicht einer Zeitreise durch 14 000 Jahre Kulturgeschichte von Stadt und Region. Aus einer der bedeutendsten kommunalen archäologischen Sammlungen entstand im Untergeschoss die Präsentation zur frühen Geschichte der Oberlausitz ab etwa 12 000 vor Christus. 

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Jäger und Sammler der Eiszeit sowie erste sesshafte Kulturen hinterließen ihre Spuren in der Region. Grabbeigaben zeugen von der bronze- und eisenzeitlichen Lausitzer Kultur. Von den Silberschätzen der slawischen Besiedelungsperiode um 1000 führt die Ausstellung im Erdgeschoss zur Gründung der Stadt, die sich 1303 das Magdeburger Stadtrecht erteilen ließ. Anschaulich dargestellt werden der Aufstieg der mittelalterlichen Stadt zu einer wirtschaftlichen und politischen Macht sowie das aufblühende geistige Leben zur Zeit der Reformation. Vom Reichtum der Kirchen und Bürger zeugen bedeutende Kunstschätze, wie z. B. mittelalterliche Altäre und Skulpturen, wie die „Maria in der Hoffnung“ (um 1400), spätgotische Tafelbilder und Textilien.
Im 16.Jahrhundert war Görlitz Wirkungsstätte bedeutender Persönlichkeiten. Unter anderem wird das Schaffen des bekannten Görlitzer Theosophen Jacob Böhme in der Ausstellung gewürdigt. 
Im ersten Geschoss beginnt der geschichtliche Streifzug bei der Teilung der Oberlausitz 1815 und der Zuordnung des östlichen Teils zu Preußen. Am Beispiel von Traditionsunternehmen werden die Entwicklung der Görlitzer Wirtschaft und deren positive Auswirkungen auf die Stadt dokumentiert.
Die Ausstellung erinnert aber auch an die Zeit der Weimarer Republik, das dunkle Kapitel der NS-Diktatur, den schweren Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg und die Entstehung der Oder-Neiße-Friedensgrenze. Im besonderen Blickpunkt steht der Volksaufstand am 17.Juni 1953, als die Macht kurzzeitig in den Händen der Görlitzer Bürger lag. Die Sozialistische Planwirtschaft, die Ansiedlung der Energiewirtschaft und die Umsetzung des SED-Wohnungsbauprogramms sowie die Beziehungen zur polnischen Nachbarstadt Zgorzelec markieren die Eckpunkte in der Stadtgeschichte während der DDR-Zeit. Das jüngste Kapitel beschließen die friedliche Revolution im Herbst 1989 und die Anfänge einer erfolgreichen Stadtsanierung 1990. 
Auf der Ausstellungsfläche in der zweiten Etage werden jährlich zwei bis drei Sonderschauen zu wechselnden thematischen Schwerpunkten inszeniert. Noch bis zum 9. November 2014 wird die gemeinsam mit dem Schlesischen Museum zu Görlitz realisierte Sonderausstellung „Beharren im Wandel. Der Adel Schlesiens und der Oberlausitz seit dem 18.Jahrhundert“ präsentiert. Ab 29. November 2014 folgt „Ein Himmel auf Erden. Das Geheimnis der Himmelsscheibe von Nebra.“
Anfang 2015 eröffnet in der dritten Etage die „Galerie der Moderne“. Sie präsentiert dann Kunstwerke des 20. und 21. Jahrhunderts aus dem Museumsbestand mit dem Fokus auf Künstler der östlichen Oberlausitz.
Bevor wir das Schlesische Museum aufsuchten, gingen wir am Görlitzer Theater, das wegen seines prachtvollen Innenraumes auch „Kleine Semperoper“ genannt wird, vorbei, überquerten den Domianiplatz und blieben vor dem Kunstbrunnen stehen, der sich auf dem Postplatz, dem Mittelpunkt des Gründerzeitviertels, befindet.
Die Görlitzer wollten schon damals eine schönere Bebauung des Postplatzes und konnten am 12. November 1887 den Kunstbrunnen einweihen. Um ein mehrstufiges Postament aus Carrara-Marmor sitzen 4 überlebensgroße Figuren, zwei männliche und zwei weibliche. Sie sollen als Jäger, Nymphe, Fischer und Nixe Kraft, Veränderlichkeit, Nutzen und Romantik darstellen. Auf dem Postament stand eine bronzene Frauengestalt, wohl die Natur verkörpernd, die eine Muschel über den Kopf hielt. Die Görlitzer nannten diese Figur liebevoll Muschelminna. Nur zu besonderen Gelegenheiten durfte aus der Muschel Wasser fließen. Damit schonte man die empfindlichen Marmorfiguren. Das Wasser sprudelte aus den Masken, die sich zwischen den Figuren befinden, aus kleinen Fontänen im Becken und aus den Schnäbeln von 4 Schwänen, die vermutlich aus Zinkguss gefertigt waren. Mehrfach erfuhr die Umgebung der Muschelminna Veränderungen. Die Minna wurde, wie viele Denkmale und Kirchenglocken, im Juli 1942 zum Einschmelzen für die Rüstungsindustrie abtransportiert. Erst 1967 erhielt das Postament wieder eine Bekrönung- eine marmorne Schale.
Die Sehnsucht der Görlitzer nach ihrer Muschelminna war nie erloschen, und so erhielt 1987 der Dresdener Bildhauer Friedemann Klos den Auftrag, nach historischen Fotos ein neues Gussmodell zu schaffen. Den Bronzeguss der neuen „Minna“ übernahm die Kunstgießerei Lauchhammer, und seit dem 1. Mai 1994 steht die Nachbildung der ursprünglichen Brunnenfigur auf dem Sockel und krönt das architektonische Ensemble des Postplatzes.
Im Schlesischen Museum,sind 900 Jahre schlesische Geschichte zu erleben. Hier erfahren wir auf 2000 Quadratmeter Fläche wertvolle Renaissancearchitektur, modernes Ausstellungsdesign und rund 1000 Objekte, die von der Geschichte Schlesiens vom Mittelalter bis an die Schwelle zur Gegenwart erzählen- sowohl in den deutschen Traditionen als auch in den europäischen Verflechtungen. 

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Das Museum stellt die wechselhaften Schicksale Schlesiens dar, das einst zum piastischen Polen, später zum habsburgischen Böhmen, dann zum Preußen der Hohenzollern und zum Deutschen Reich gehörte und seit 1945 mit dem größten Teil seines Territoriums in Polen liegt. Die ständige Ausstellung zeigt Kunsthandwerk und Kunstgewerbe des 17. Bis 19. Jahrhunderts, Objekte der Alltagskultur, des Handwerks und der Industrie und der Kunst aus dem 19. Und frühen 20. Jahrhundert. Ein besonderer Ausstellungsbereich ist Werken der klassischen modernen Kunst aus dem Umkreis der Breslauer Akademie gewidmet. Hier zeigt das Museum wichtige Arbeiten von Künstlern wie Otto Mueller, Oskar Moll und Johannes Molzahn. Einen Schwerpunkt bildet die Geschichte Schlesiens im 20.Jahrhundert. Es wird ein detailreiches Bild von Politik, Kultur und Alltag in Schlesien zur Zeit der Weimarer Republik und der NS-Diktatur vermittelt. Film- und Toneinspielungen, Fotos und Erinnerungsstücke dokumentieren die Katastrophen, in denen das alte Schlesien unterging
Nach soviel interessanter Geschichte verspürten wir Hunger und nahmen einen kleinen Imbiss im Gasthof „Dreibeiniger Hund“, einem barocken Handwerkerhaus im Zentrum der historischen Altstadt, ein.

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Anschließend machten wir uns auf die Heimreise und fuhren noch an der Synagoge vorbei, dem einzigen nicht zerstörten Gotteshaus während der Novemberprogrome 1938 und ein eindrucksvolles Denkmal des Neoklassizismus, das heute als Kultur – und Begegnungsstätte genutzt wird. 
Görlitz hat eine Menge an Sehenswürdigkeiten zu bieten, die man nicht alle in Kürze besichtigen kann und so haben wir uns für das nächste Mal vorgenommen, das Nikolaiviertel und das Heilige Grab zu besuchen und einen Abstecher an den Berzdorfer See, einem ehemaligen rekultivierten Kohletagebau zu machen.

Weitere Informationen bei:

Europastadt GörlitzZgorzelec GmbH
Görlitz-Information
Obermarkt 32 (Postanschrift: Fleischerstr. 19)
02826 Görlitz
Tel.: 0 3581 – 4757 0
Fax: 0 3581 – 4757 47

Landskron BRAU-MANUFAKTUR GmbH & Co. KG
An der Landskronbrauerei 116
02826 Görlitz
Tel.: 03581 4650

Text und Radio-Interview:

Peter Marquardt

Fotos:

Matthias Dikert