Creuzburg – Die ungleiche Schwester der Wartburg

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Die heilige Elisabeth befand sich lieber auf der Creuzburg als auf der Wartburg. Sie liebte nicht das höfische Zeremoniell, den Prunk und die Hektik. Hier fand sie Ruhe. 
Das wäre heute oft undenkbar. Es finden regelmäßig Konzerte im Hof statt, darunter auch Künstler von nationalem und internationalem Rang. Beispielsweise gastierte Gitarrist Ritchie Blackmore hier schon mehrfach mit seiner Band – bekanntermaßen Mittelalter- und Burgenfanatiker. Und wenn es das Mittelalterfest (immer zu Pfingsten) auf der Burg gibt, strömen rund zehntausend Besucher hierher. Und das dürften ein, zwei mehr sein, als zu Elisabeths Zeiten wahrscheinlich je auf der quirligen Wartburg gewesen sind. Der Ort hat übrigens gerade einmal 2.000 Einwohner. Dennoch ist die Kirche im Ort sehr groß geraten. 

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Das liegt daran, daß einmal im Gespräch war, hier eine Universität einzurichten. Dann wurde es doch Jena. Der Chor wurde zuerst gebaut, danach der Rest kleiner. Das schafft eine merkwürdige Verzerrung der Dimensionen. Und noch etwas hat der Ort zu bieten: Hier steht die älteste noch erhaltene Sandsteinbrücke nördlich des Mains. Sie wurde anläßlich der Geburt von Elisabeths Sohn, des Thronfolgers Hermann, erbaut. Die Brücke war notwendig, da es hier nur eine Furt gab, aber die Handelsstraße, die hier entlangführte, die Via Regis war, die Fernstraße Spanien–Paris–Kiev, eine der wichtigsten des Mittelalters.
Direkt an der Brücke steht die Liborius-Kapelle. Diese sollte nicht unerwähnt bleiben, denn sie beherbergt Wandbilder aus der Zeit der heiligen Elisabeth. Als die Reformation Einzug hielt, wurden sie weiß übertüncht, 1932 wiederentdeckt, aber schlecht restauriert. Nach fünfjähriger Neurestaurierung ist sie 2014 wiedereröffnet worden. 
Am Ende des Krieges wurde die Stadt von den Amerikanern zerstört. Es war niemand da, der die Stadt hätte übergeben können. Die Creuzburg an sich blieb vor der Zerstörungswut verschont, so daß bei der Rückkehr der Bevölkerung hier 50 Familien eine Notunterkunft fanden. Wie ein Wunder ließen sie den rund 500-jährigen Baum stehen, statt ihn zu Brenn- und Kochholz zu verarbeiten. Heute ein Ort, der Ruhe und Beständigkeit im Burghof ausstrahlt und Schatten spendet. Und so manch einer würde sich wünschen, der Baum könnte erzählen …
Gebaut wurde die Creuzburg wie auch die Wartburg als Repräsentationsburg. 

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Obwohl man sich heute bei deren Anblick diese Funktion kaum vorstellen kann. Als Zeugnis mag der Umstand dienen, daß die Burg im Laufe der Geschichte gleich mehrmals erobert wurde. Dennoch war die Lage strategisch günstig mitten im Werratal gewählt worden. Doch der Berg ist klein und niedrig. Dafür beginnt die Stadtmauer an der Burg und endet auch dort. Vor der Burg stand hier schon ein Kloster – Elisabeth hätte sicherlich das Kloster stehen lassen und wäre dorthin dem Trubel der Wartburg entflohen.
Die Besiedlung der Gegend geht jedoch viel weiter zurück. Keltische Funde belegen, daß die strategische Lage schon zu jener Zeit erkannt und in Zivilisation umgewandelt wurde. Ob die Kelten auch Salz gewannen, ist nicht überliefert. Das Gebiet ist jedoch eine Steinsalzlagerstatt. Und Goethe weilte öfter hier, weil er sich als Minister auch um die Salzsiederei zu kümmern hatte. Diese Tradition geht bis auf das Mittelalter zurück. 
Die Burg sollte eigentlich nicht überleben. In der DDR beschloß der Bezirk, die Anlage verfallen zu lassen. Das forderte die einheimische Bevölkerung geradezu heraus, und sie erwirkte einen Beschluß, bei dem es sogar Geld gab – aber kein Material. Ersteres war in der DDR eher unbrauchbar, da man nicht einfach in einen Baumarkt gehen konnte. Material war wichtig, da es zugeteilt wurde. Dennoch gingen die Einheimischen zu Werke, und da der Westen auf der anderen Seite der Werra lag, konnte das Treiben von dort aus beobachtet werden. Daraufhin trudelten „moralische Unterstützungspakete“ für die Helfer mit Kaffee, Süßigkeiten und so weiter ein. Letztlich ist es dem Engagement dieser Unbeugsamen zu verdanken, daß die Burg erhalten geblieben ist und heute ein kulturelles Zentrum der kleinen Stadt darstellt, welches weit über ihre Mauern hinweg Sogwirkung entfaltet. Die Ludowinger Landgrafen nicken diese Entwicklung ihrer Burg sicherlich ab, tat sich doch besonders Hermann I. hervor, die Schwesterburg in Eisenach zu einem weithin strahlenden Musentempel zu entwickeln.
Heute beherbergt die Creuzburg ein Hotel, Räumlichkeiten zum Mieten, ein kleines Museum sowie eine Töpferwerkstatt. 

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Mittlerweile ist auch das Standesamt angekommen. Bei derzeit zwei bis drei Trauungen die Woche ist die Tendenz steigend.

Grenzgeschichten
Der Ort war zu Zeiten der DDR Sperrgebiet und gehörte damit zur Vorgrenzsicherung. Es galten besondere Bestimmungen, die Bewohner wurden überprüft und gegebenenfalls zwangsweise umgesiedelt. Der Besuch war eingeschränkt, wenn nicht verboten. 
Es begab sich, daß ein Landwirtschaftsflieger die Felder abflog und sprühte. Linie um Linie zog er. Und wer dies nicht gerade unübliche Treiben in der DDR-Agrarwirtschaft beobachtete, konnte nach unzähligen Bahnen einen abrupten Richtungswechsel gen Westen mitverfolgen. Die Grenze war in wenigen Sekunden erreicht und überflogen. Weg war er. In der Zeitung konnten all jene, die das nicht beobachtet haben, lesen: „Unsere Grenzflugstreitkräfte haben erfolgreich eine Grenzprovokation unterbunden.“
Es ging aber auch anders. Ein Mann hatte einmal versucht, hier zu flüchten und wurde entdeckt und gefangengenommen. Offensichtlich war er der Meinung, daß die Erfahrung ihm beim nächsten Fluchtversuch zugute kommen würde und wählte genau dieselbe Region – und wurde wieder gefangengenommen.
Der örtliche Elektromeister zeigte dann allen, wie es geht. Total besoffen nach der nächtlichen Kneipenfeier krabbelte er wohl durch die Grenzsperren und ward nie wieder gesehen. Er wurde erst einmal nicht vermißt. Als der Verlust des Bewohners bemerkt wurde, war es zu spät. Die Frage ist die, ob der das geplant hatte und den Rausch nur vorspielte oder ob er gar nicht wußte, was er da trieb und wo er landete. Aber man sagt ja, Betrunkene haben besondere Schutzengel. 
Für den Ort wesentlich trauriger: das Ergebnis eines Münzhort-Fundes aus dem 30-jährigen Krieg. Wegen des Sperrgebietes wurde dieser nach Berlin verbracht. Das Problem ist, daß man nie erfahren hat, in welches Museum der Fund, der eigentlich Creuzburg und seinem Museum zustehen würde, gelangt ist. 

Der berühmteste Sohn
ist Michael Praetorius. Er hatte zwei Jahre mit seinen Eltern hier gelebt, bevor diese des Ortes wegen konfessioneller Konflikte verwiesen wurden. 
Als Musiker vertonte er unter anderem das heute noch beliebte Weihnachtskirchenlied „Es ist ein Ros’ entsprungen“. 
Die Praetorius-Gesellschaft trifft sich hier einmal im Jahr im September, um auf originalen Instrumenten des 16. Jahrhunderts zu spielen. Praetorius-Kompositionen gelten als schwerer zu spielen als Bach, der weitaus berühmter ist. Das liegt daran, daß Praetorius mit bis zu 18 Stimmen sehr komplex komponierte.

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Weitere Informationen:
Tourist Information Creuzburg, Burg Creuzburg, 99831 Creuzburg
Telefon: 036926 98047

Text:
Otger Jeske

Fotos:
Matthias Dikert