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Der Landgraf von Thüringen galt einst als mächtiger Mann im Reich. Doch er war nicht nur mächtig, sondern auch reich. Sein damaliges Herrschaftsgebiet umfaßte das heutige Thüringen sowie Nordhessen. Die Landgrafen hatten einen Stand, der sie direkt unter dem Kaiser stehen sah, also vergleichbar mit der späteren Kurwürde. Innerhalb von zwei, drei Generationen hatten sich die Thüringer zur Crème de la Crème hochgearbeitet.
Die Wartburg ist beredtes Zeugnis von jenem Aufstieg. Geplant wurde die Anlage als Repräsentativbau, nicht als Wehrbau.

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Die Bauzeit betrug 17 Jahre und der Landgraf ließ in jeden Raum eine Heizung, teilweise sogar Bodenheizung einbauen. Zu damaliger Zeit schierer Luxus, denn normalerweise hatten Burgen einen geheizten Raum: der für Frauen und Kinder, da letztere selbst damals recht empfindlich waren. 
Das Wetter war während der Bauzeit jedoch recht angenehm. Der Palas erhielt Arkaden nach italienischem Vorbild, die während der „kleinen Eiszeit“ im 16. Jahrhundert zugemauert wurden. damit war die Blütezeit der Wartburg auch vorbei. Dabei war noch im 14. Jahrhundert groß angebaut worden, weil die ursprünglichen Räumlichkeiten zu klein wurden. Später erfolgte eine Nutzung als Gefängnis. Und während die Burg ab dem 17. Jahrhundert marode wurde, verfiel der Palas nicht, da hier immer eine stetige Nutzung gegeben war. Mag sein, daß die fortschrittliche Heizmöglichkeit des gesamten Gebäudes dies so attraktiv für eine Nutzung machte. Die Kapelle wird noch heutzutage für evangelische und katholische Messen benutzt und es finden Orgelkonzerte statt.

Goethe adelt die Region
Mit dem Aufkommen der Nationalbewegung und dem Historismus wurde die Burg in den Rang eines „Nationalheiligtums“ erhoben, restauriert und als Museum ausgebaut. Diese Entwicklung schob schon Goethe an. Der Fürst spendete Geld, weil Goethe meinte, daß die Wartburg ein deutscher Geschichtskern wäre, den die Öffentlichkeit besuchen können sollte. Zugleich tätigt er den Ausspruch: „Die Gegend hier ist überherrlich.“ Und wenn man sich die Ruhe nimmt und von der Burg herabschaut in das weite Grün des Thüringer Waldes, meint man zu wissen, was Goethe bewegte. Frei nach dem Motto: „Dem Himmel ein Stück näher, fern der Hektik der Zivilisation.“
Doch erst unter den Hohenzollern-Kaisern wurde planmäßig wiederhergestellt. Der damalige Architekt stand glücklicherweise im Gegensatz zum Zeitgeist des Historismus und versuchte die Grundlage für die Rekonstruktion wissenschaftlich zu erforschen. Sein Ziel war, so originalgetreu wie möglich wiederherzustellen.
Moritz von Schmidt, der damalige Maler, versuchte im alten Stil zu improvisieren. Da keine alten Wandteppiche mehr erhalten waren, war unbekannt, wie diese ausgesehen hatten. Fakt ist, daß Gobelins immer Geschichten erzählten. Also erzählte der Maler in seinen Kunstwerken die Geschichte der Burg, der Landgrafenfamilie und der heiligen Elisabeth. Es sind also Abstriche in der Ausstattungsart, historisch richtig wäre es gewesen, statt eines Malers einen Teppichknüpfer zu engagieren. Wahrscheinlich gab es diese aber nicht mehr, beruflich ausgestorben. 

Die heilige Elisabeth
ist untrennbar mit dieser Burg verbunden. Bei der Restaurierung sollte ihr ein Denkmal gesetzt werden. Der Frauenraum wurde zum Elisabeth-Zimmer und ist eher dem Zeitgeist des Historismus verpflichtet. Das Zimmer erhielt eine prächtige Mosaikausstattung, die selbst byzantinische Könige hätte neidisch stimmen können. 1905 wurden zwei Millionen Glasmosaiksteinchen verbaut, um die Geschichte zu erzählen.
Die Kosten trug der Kaiser persönlich und beauftragte eine Berliner Firma, die auf solche Arbeiten spezialisiert war. Dafür ließ sich Wilhelm auch auf einem der Mosaike abbilden. 

Luther treibt den Teufel aus
Luther weilte ein Jahr in „Schutzhaft“ auf der Wartburg. Der Landesherr ließ ihn entführen, weil Luther als „vogelfrei“ erklärt worden war. Es war also jedermann erlaubt, ihm an Leib und Leben zu schaden und niemand durfte ihm helfen oder Unterschlupf gewähren.

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Auf der Burg erhielt er ein Schlafgemach samt Arbeitszimmer und lebte unter falschem Namen. Er hatte Zeit, seine „Revolution“ vorzubereiten und schrieb und schrieb und … warf sein Tintenfaß angeblich gegen die Wand, weil dort der Teufel erschienen war, um ihn zu versuchen. Die moderne Version lautet auf Rußfleck. Das ist profan, doch so richtig kann man es nicht mehr überprüfen. Die frühen Touristen waren genauso wie heutzutage: irgendwas muß man als Andenken mit nach Hause tragen. Also diente der Fleck in Ermangelung an Souvenirs dem Jagdtrieb der Besucher. Heute ist dort ein Loch. Da aber bekannt ist, daß die Wartburg gut beheizt war, ist der Ofen wahrscheinlicher als der Teufel. Zwar hat Luther „den Teufel mit der Tinte“ bekämpft, doch gilt dies im übertragenen Sinne. Es war gemeint, daß Luther den Teufel mit der Übersetzung des neuen Testaments bekämpft hat. Und dazu benötigte er Tinte. Es war der Kampf gegen den Teufel in Gestalt der willkürlichen Auslegung und der Verdummung der Gläubigen, die die lateinische Sprache nicht verstanden. Nun konnte jeder, der Lesen konnte, selbst nachschlagen, was die heilige Schrift erzählt.
Der Wartburgaufenthalt war von höchster Schaffenskraft geprägt. Luther stellte die komplette Übersetzung des Neuen Testaments hier fertig. Für das alte Testament benötigte er später ganze 13 Jahre. Aber da hatte er weder Ruhe noch Muße, sich alleinig auf die Übersetzung zu konzentrieren. Er war mittlerweile allerorten gefragt. 

Der legendäre Sängerkrieg
Es gibt zwei Sängersäle, den alten und den neuen. Im Prinzip gibt es natürlich keinen Sängersaal. Minnesänger dienten der Unterhaltung am Hof und rauschende Feste wurden im großen Saal gefeiert. Als der erste zu klein wurde, schaffte man mit der Vergrößerung der Räumlichkeiten einen größeren. Ob der Sängerkrieg jemals stattgefunden hat, ist fraglich. Die Legende besagt, daß die besten Sänger auf Einladung des Landgrafen herbeiströmten, um für Spaß und Unterhaltung zu sorgen. Der Graf rief aber flugs einen Wettbewerb um Leben und Tod aus: Der Verlierer sollte nicht nur den Wettbewerb verlieren, sondern auch sein Leben. Alle bis auf einen schleimten sich daraufhin mit ihren Gesängen beim Grafen ein. Der eine aber war ein Günstling eines anderen Hofes und seinem Herrn treu ergeben. Er sang deswegen kein Loblied auf den Gastgeber, sondern seinen Lehnsherrn. Deswegen sollte er seinen Kopf verlieren. Schutz fand er bei der Gemahlin des Landgrafen, eine damals übliche Sitte, ähnlich der Regel, daß jemand innerhalb einer Kirche von dieser beschützt wird. Der Landgraf setzte einen neuen Termin an und lud dazu eine Koryphäe der Dichtkunst als Sachverständigen ein. Und ein Jahr später lobte jener jeden einzelnen Beitrag und tat kund, daß es wegen der individuellen Stärken eines jeden Einzelnen keinen Sieger und Verlierer geben könne: unentschieden. 
Ob der Thüringer wirklich einen Krieg riskiert hätte, nur weil er dem Verlierer den Kopf abschlagen wollte, bleibt im Dunkel der Geschichte. Doch eines ist wahrscheinlich: Wenn der Lehnsherr dies zu Ohren bekommen hätte, daß einer seiner Ritter wegen der Treue zu ihm den Kopf verloren hat, wäre dies einer persönlichen Beleidigung gleichgekommen und das gleiche, als hätte man ihm den Fehdehandschuh vor die Füße geworfen. 


Weitere Informationen:
Wartburg-Stiftung, Auf der Wartburg 1, 99817 Eisenach
Telefon: 03691 2500

Text:
Otger Jeske

Fotos:
Matthias Dikert