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Englands bestgehütetes Geheimnis Teil 2

Heart of the Lakes

Als beste Zeit für einen Besuch bietet sich der Mai an. Traditionell ist es die beste Zeit was die Stabilität des Wetters betrifft. Im Juni und Juli ist es oft wechselhaft. Fotografen gehen am besten mit der Zeit. Denn im Wechselspiel der Jahreszeiten sieht alles ständig anders aus. Ohnehin ist im Lake District ganzjährig Saison. 
Als größtesHOTEL gibt es eines mit 150 Betten, es gibt einige mit um die 100 Zimmer, die übliche Größenordnung liegt bei10-15. Also eher familiär. Sehr populär ist auch „selfcatering“, also Ferienwohnung. Eine der größten „Agenturen“ ist Heart of the Lakes. Einen dicken Katalog mit den verschiedensten Kategorien und Möglichkeiten, insgesamt über 150 Objekte, werden von Peter und Sue verwaltet. Im Norden und im Süden gibt es zudem zwei Spa-Einrichtungen unter dem Namen Oxley‘s, die von ihnen betrieben werden. Einmal in Keswick und einmal in Ambleside. Für Mieter der Heart-of-the-Lakes-Objekte ist Schwimmhallen- und Sauna-Benutzung frei. Leider verpassten wir unsere Anwendung aufgrund der Verspätung des Busses bei vollen Straßen. Und nach einem Tag in den Bergen, wäre es für die verspannten Muskeln sehr willkommen gewesen. Aber Behandlungszeit ist bis kurz nach 17.00 Uhr. In unserem Fall wartete die Angestellte sogar noch eine halbe Stunde länger. Das Oxley‘s ist in Keswick jedoch nicht direkt in der Stadt, so dass nach der Busankunft auf ein Taxi umgestiegen werden muss. Zu unserer Zeit dort war erstens Queen-Jubiläum, zweitens Bank-Holliday, drittens umfasste dieser nicht wie gewöhnlich ein Tag sondern zwei. Also Keswick war voller Touristen und am Taxistand eine lange Schlange. Dafür konnten wir unseren Aufenthalt in den Luxury Apartments von Underscar genießen. 

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Diese bilden mit Oxley‘s eine Einheit. Gebaut als Time-Sharing-Investment, werden sie in den Zeiten, die nicht von den Inhabern benötigt werden, als Ferienapartments vermietet. Die Anlage ist traumhaft am Hang gelegen. Man kann auf Keswick herabschauen und vor dem Horizont breitet sich Derwent Water aus, links flankiert von High Seat und rechts von Causey Pike. Die Häuser sind zweigeschossig. Unten ist der Eingangsbereich mit einem Kleidertrockner. Sieht aus wie ein Kühlschrank. Dazu zwei Schlafzimmer und zwei Bäder. Ideal für Familien. Eltern und Kinder je ein getrenntes Schlafzimmer und die doppelt vorhandenen Bäder sorgen für ein weiteres Streitthema weniger. Allerdings gibt es nur in einem Bad eine Wanne, dafür im anderen ein Dampfbad. Funktioniert sogar recht gut, teilweise besser als in einigen Wellness-Einrichtungen, die wir in den letzten Jahren aufsuchen durften. Im Obergeschoss gibt es eine kombinierte Wohnküche mit Panoramafenster und Balkon. Zum Frühstück gibt es Toast und Damson Jam von Claires (Pflaumenmarmelade von einer lokalen Firma). Die ist hier berühmt, einheimisch und wird aus ganz kleinen Früchten hergestellt. Apropos berühmt und einheimisch. Natürlich muss man auch Kendal-Cake probieren: Eine harte Scheibe Zucker mit Mintgeschmack. 
Wir richten uns nicht wohnlich ein, denn wir haben eine Tour durch das gesamte Gebiet vor uns. Deshalb bleibt die Küche weitestgehend unbenutzt. Schade eigentlich, da muss ich wohl nochmal zurückkommen. Bei schlechtem Wetter kann man Stunden am Panoramafenster verbringen. Das könnte man auch bei gutem, doch da zieht es einen raus.

Ullswater Steamers
Wir haben Glück und einen sonnigen Tag erwischt, als wir uns in die Berge aufmachen. Dem Engländer ist es relativ egal, wie das Wetter ausschaut. Das haben wir bei unserer Ankunft bei „typischem“ britischem Wetter erfahren. Die Ausflugsboote waren voll, Ruderkähne gut vermietet und wir froren bei gefühlten 0 Grad auf Ullswater. Und am Strand von Keswick mit Bootsverleih und Fähranleger war auch am späten Nachmittag viel los – trotz Regen. Gemeckere, schlechte Stimmung und gähnende Leere war nicht zu sehen, im Gegenteil. Neben der grandiosen Umgebung ein weiterer dicker Pluspunkt. 
Aber wir sind auch selbst dran schuld. Wenig Vorbereitung und in den Flieger mit sommerlicher Kleidung. Dann ab auf den Dampfer. Die Ullswater Steamers, wie die Dampfschiffe dort genannt werden, sind berühmt. Sie fahren auf dem See schon seit 1859, von Glenridding an einem Ende nach Pooley Bridge am anderen. Zwischenstopp ist Howtown Pier. Verschiedene Wandermöglichkeiten bieten sich hier an und demzufolge ist die Kombination mit den Dampfern gerne willkommen. Einige berühmte Poeten haben sich vom Gewässer inspirieren lassen und natürlich, so glaubte man früher, wohnt ein Monster in den dunklen Tiefen. Donald Campbell, dem wir noch öfter begegnen werden, hat 1955 hier einen Wasser-Geschwindigkeitsrekord aufgestellt.

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Es gibt verschiedene Bauarten bei den Dampfern. Aber die Schiffe sind auch nicht alle für die Verwendung hier gebaut worden, vielmehr kommen sie aus ganz England und umfassen eine größere Zeitspanne der Kiellegung. Unserer hatte ein Super Vordeck, ein überdachtes Achterdeck und eine Mikro-Kabine. Und einen richtigen Zug hatte der Dampfer drauf. Da auf dem Wasser eh ein ordentliches Lüftchen weht, war die Kombination hart bei dem Wetter. Die Kabine war gut gefüllt, viele machten sich jedoch nichts daraus und vergnügten sich achtern. Ich hielt es maximal 5 Minuten draußen aus, dann spürte ich meine Füße in den Sandalen kaum noch. Wanderschuh-Besitzer hatten hier eindeutig Vorteile. Die Wandertouren entlang des Sees gelten mit als die spektakulärsten, die man im gesamten District geboten bekommt. 
Die Einführung des Schiffsverkehrs sollte den Warentransport fördern, denn vormals gab es nur sehr gefährliche Stege, die die aufblühende Wirtschaft eher behinderten. In Glenridding gab es eine große Bleimine. Von 1818 bis 1962 wurde sie betrieben. Heutzutage fährt noch die Lady of the Lake, das älteste noch in Dienst befindliche Passagierschiff der Welt, 1877 in Dienst gestellt, auf dem See. Aber wie Sie sehen, die ersten Tage hat auch dieses nicht mit eigenen Bullaugen erlebt. 

Honister Rambler
Aber zurück zum sonnigen Tag. Der war goldrichtig, denn es sollte in die Berge gehen: zum Honister-Pass. In Keswick bestiegen wir den Honister-Rambler, die Busverbindung Keswick-Buttermere. Er fährt die Route um den See, die nicht der Hauptverkehrsader folgt. Die Straßen sind schmal, die Ortschaften idyllisch. Angekommen ist man, wenn man oben ist, keine Bäume, fast keine Vegetation und viel Fels. Der Honister-Pass ist auch von den Römern in ihrem Zug in den Norden genommen worden. Hinter Carlisle schlängelt sich der Hadrianswall durch das Land. Die englische Version des deutschen Limes. Auch hier zum Schutz der eroberten Gebiete gegen die „Barbaren“ errichtet. 
Berühmt wurde der Pass jedoch nicht deswegen. Die Slate-Mine ist dort angesiedelt und trägt den selben Namen. Slate heißt Schiefer und der wird hier abgebaut. In einer Qualität, die einzigartig auf der Welt ist. Jahrhunderte lang gab es die Schieferbergbau-Tradition, bevor die Mine Anfang der 1980er pleite ging. Der Auslöser war, dass ein Diamantbohrer zersplitterte. Die Wahrheit ist, dass der Schiefer zu gut ist und die Erlöse immer weiter sanken, weswegen eben ein so teures Teil nach einem Defekt nicht mehr ersetzt werden konnte. Zuerst wurde der Schiefer im üblichen Tagebau gewonnen. Im 17. Jahrhundert ging man aber dazu über, ihn per Bergbau zu gewinnen. Das besondere am Schiefer aus dem Honister-Bergbau ist, dass über der Schieferschicht eine extrem harte und dicke Decke aus vulkanischer Asche liegt, weswegen der Schiefer nicht über Tagebau gewonnen werden kann. 

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Diese Decke ist auch dafür verantwortlich, dass der Schiefer wesentlich fester gepresst als anderswo auf der Welt und zudem frei von fossilen Einschlüssen ist. Man geht von einer Produkthaltbarkeit von mehreren hundert Jahren aus. Er wird deshalb auch als der Rolls Royce des Schiefers bezeichnet und findet sich ebenso auf königlichen Dächern wie auf den von einfachen Leuten. Baute man früher für die Ewigkeit, so reicht es den Leuten heute oftmals, für die nächsten handvoll Jahre zu denken. Dafür sind die Importe dann wesentlich billiger. Anfang 2000 erfolgte die Neueröffnung. Seitdem wird mit der Nationalparkverwaltung gekämpft. Die Säulen sind heutzutage einerseits die industrielle Gewinnung samt Vertrieb auch an Privat sowie die touristische Nutzung. Im Frühjahr 2012 gab es für diese Bemühungen die Silbermedaille für die zweitbeste touristische Attraktion Großbritanniens. Im Hauptgebäude gibt es ein Bistro, verschiedene Wanderwege führen in die Berge und als Attraktion gibt es die Minentour sowie die Via Ferrata, eine Klettertour am Berg. Man hangelt sich am Berg über Klettereisen, Leitern und Seilbrücken sowie Netze. Die Softversion geht die alten Bergmannswege – heutzutage ohne Sicherung nicht erlaubt. Damals ohne und voll beladen. Das sollte man im Hinterkopf haben. Die rannten sogar die Hänge mit einem Schlitten runter, der vollgepackt mit Tonnen von Schiefer war. Nicht zu betonen, das Ärzte, wenn überhaupt, im Tal residierten und für Bergarbeiter unerschwinglicher Luxus bedeuteten. Und Geld gab es nur für abgelieferten brauchbaren Schiefer. Ging er beim Transport kaputt, war die Arbeit umsonst.
Die industrielle Gewinnung basiert heutzutage auf aus Italien eingeführten neuartigen Abbaumethoden. Damit wird weniger Ausschuss produziert. Zudem ist die Benutzung der herkömmlichen Sprengtechnik auch für die Anwohner sowie die Natur alles andere als erträglich. Ursprünglich waren nur 10% des abgebauten Schiefers wirklich verwendbar. Durch die konsequente Umsetzung von Ideen für die Nutzung auch kleiner Stücke, wird wesentlich ressourcenschonender umgegangen, und das bei einer breiteren Umsatzschicht. Dennoch ist und bleibt es ein finanzielles Risiko. 
Mittlerweile sind im Gesamtunternehmen wieder 40 Arbeitsplätze entstanden. Aber für die immer noch schwere Arbeit in der Mine ist es fast unmöglich, englische Arbeitskräfte zu mobilisieren. Die Arbeiter kommen aus der gesamten Welt. 

Stonehenge en Minature
Für die einen Spinnerei für die anderen transzendentale Erfahrung. Steinkreise spalten. Aber es gibt auch die archäologisch interessierten. Und einer, der es wissen muss, hat ein ganzes Buch nur über Steinkreise im Lake District verfasst. Es gibt eine Menge davon. Und andere Monumente. Nach offiziellen Schätzungen rund 3.000. Der größte und zugleich der mit der besten Aussicht ist unweit Keswick zu finden. Castlerigg liegt günstig auf einer Anhöhe der Ausläufer des Castlerigg Fell. Er ist nicht nur der größte im Lake District, sondern zählt zu den größten von ganz England. Heute weiden Schafe auf dem Gelände, vor 200 Jahren standen Bäume zwischen den Steinen. Betreut wird die Anlage vom National Trust. In der Nähe finden sich auch die kleineren Steinkreise von Elva Plain, Gray Croft und Swinsdale.
Der Kreis wird heute von 38 bis zu 16 Tonnen schweren Steinen gebildet. Ursprünglich waren es 42. Am Anfang bildete der Kreis ein Oval, bevor er zum Kreis wurde. Ob damals schon die vier fraglichen Steine entfernt wurden oder im Laufe der Zeit verschleppt worden, ist unbekannt.

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Vielleicht ist es die Lösung, warum die Steine unterschiedliche Abstände haben und in den beiden Hälften eine unterschiedliche Anzahl existiert. Sollte eigentlich nicht sein, wenn der Kreis zu mehr als der Bestimmung von Tag- und Nachtgleiche verwendet wurde, ohne jetzt die Komplexität der astronomischen Bestimmungsmöglichkeiten von Stonehenge zu berücksichtigen, die genaue Vorhersagen von vielen astronomischen Effekten möglich machte. Streng nach Nord-Süd-Richtung der Hauptachse ausgerichtet, markiert der Steinkreis von Castlerigg die Tag/Nacht-Gleiche, das Äquinoktium. 
Es gibt auch Leute, die Steinritzungen gefunden haben wollen. Eher mystisch veranlagte Besucher sprechen davon, eine hohe Energiemenge zu spüren. Völlig Unmysthische genießen einfach die Aussicht auf die umliegenden Berge und den sanften Blick ins Tal. 

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Weitere Informationen:

Heart of the Lakes Head Office
Fisherbeck Mill, Old Lake Road,
Ambleside, Cumbria
LA22 0DH
24hr Tel: 0044 (0) 15394 32321

Windermere Tourist Information Center, 
Victoria Street, 
Cumbria, LA23 1AD 
Tel.: 0044 (0) 1539 444 555

LakesMARKETING Ltd
Little Ashes Studio,
Staveley, Kendal,
Cumbria
Tel.: 0044 (0) 1539 444 555

Text:
Otger Jeske

Fotos: 
Matthias Dikert