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Tolle Tage auf Texel

Mövengeschrei und Glockengeläut wecken mich, und schlaftrunken schaue ich aus dem Fenster, vorbei am roten Backsteinturm hinunter aufs weite Rund vom Marktplatz – wo bestimmt schon erste Fietsen flitzen. Aber die Radfahrer bewegen sich eher behäbig im Kreise. Eilig scheint hier wirklich niemand unterwegs zu sein. 

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Ja, wir sind angekommen. In Holland, an der Küste, auf einer ganz besonderen Insel.

Schafe, Schafe – und Woolness
Eine Insel auf der so viele Schafe wie Menschen zu Hause sind, meldet die Statistik: etwa 14. 000. Auch im Hochsommer. Und wenn Ostern und danach das Blöken der jährlich 11. 000 Lämmer erklingt werden die weißen Tupfer auf grünem Grund kaum überschaubar sein. Gern stehen sie gemütlich am Deich und mampfen mit Meerblick. 

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Bereits 500 Jahre sind Schafe auf Texel heimisch. Es sind winterharte Tiere, die draußen übernachten und meist nicht im Stall. Die charakteristischen Schafscheunen mit Schrägdach nach Westen, der vorherrschenden Windrichtung, dienen nur der Lagerung von Heu und Gerät.
Wo so lange Wolle den Alltag der Landleute bestimmte, kann es beim Freizeitvergnügen heutzutage nicht fehlen. „Woolness“ nennt Marianne Langeveld ihr Wellness-Treatment, wobei das traditionelle Wollbad zeitgemäß ausgestaltet wird. 

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Damals füllte man weiche Wolle statt warmes Wasser in bäuerliche Holzzuber, jetzt werden Wraps aus gereinigter Schafswolle von gekonnter Hand dem Gast um den Körper gewickelt. Da betten wir uns gern in einem der dekorativen Holzelemente der „Woolness“-Hütte vom Hotel Texel. 

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Es wird uns langsam wohlig warm zumute, bald spüren wir nicht mehr die Radtour in den Gliedern. Wollen nicht mehr raus aus der Wolle, entsteigen mit samtiger Haut dank dem im Wirkstoff enthaltenen Lanolin-Fett. Lassen uns noch ordentlich damit einschmieren – nur die Hände, natürlich.

Unterwegs zu Rad und zu Räubern
Es gibt bekanntlich kein besseres Land zum gemütlichen Radfahren als Holland. Pardon: Die Niederlande. Geradezu ideal ist die Insel Texel, eine runde Sache, nicht zu groß, nicht zu klein und vielseitig genug für eine Woche Strampelfreude. 135 km „Fietspaden“ sind gut ausgebaut, Routen klar beschildert – und auf allen Wegen schlagen Entdeckerherzen fast so hoch wie bei Bergetappen in den Alpen. Hinauf zum Leuchtturm am Nordzipfel, 153 Stufen bis zum Panoramablick, und aufs nahe „Eijjerland“, von wo einst Möveneier exportiert wurden, 30 000 Stück im 17. / 18. Jh. jährlich nach Amsterdam. 

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Nun können Naturliebhaber bei einer Wanderung durch das Dünengelände vielerlei Delikatessen mit den Augen verzehren. Der ganze Westen der Insel ist Nationalpark, „Duinen van Texel“, mit Aussichtplattform hier und dort, so im Dennenbos dem angrenzenden Kiefernwald. 

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Schier endlos erscheint der Strand, 30 Kilometer lang, teils bewaakt wie Paal 10, 15, 17, 20, 21 und 28. Paal 17 hat neben der Strandaufsicht die beliebtesten und besten der bis zu dutzend Strandpavillons der Westküste, Aan Zee und Zomers, mit saisonalen Events wie Start und Finish der „Ronde von Texel“, dem größten Katamaran-Race der Welt, den SunBeats zum Abtanzen beim Sound der Live Bands am Strand oder das Body & Brein Festival, Sport, Spiel und Spaß wieder mit Weltrekord im „Füße baden“. Was gut täte nach dem vielen Pedale treten….

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Paal 17 ist auch ein sehr gutes Restaurant mit einem exzellent schmeckendem Lammsteak.

Radwandern und Fußwandern sind auf der 25 km langen, 8 km breiten sowie 58 Hektar großen Insel mit gut 225 km Wanderwegen bestens zu kombinieren. Immerhin besteht Texel zu einem Drittel aus zugänglichen Naturschutzgebieten. Im Osten der Insel dienen die Deiche als Leitlinie – vor oder hinter dem grünen Wall ist beides möglich. Im Süden lohnen die Löffler. 400 Paare brüten hier, sie sind vom frühen Frühjahr bis zum Sommer gut zu beobachten. Ganz im Süden erstreckt sich ein ständig sich wandelndes weiterhin wachsendes und eher wegloses Dünengelände. De Hors ist das Revier der Strandräuber. Noch heute. Wer will kann mal mit – Paul Dekker nimmt gerne aufmerksame Gäste auf die weite Strandfläche, einmal die Woche ab Mitte April. Münzen, Musketenkugeln und Münzen, Knöpfe und Knochenbürste – da findet jeder sein museales Schmuckstück. Und jeder findet auf Texel sein persönliches Highlight. Wie das Eis von Christiaan Rodenburg, aus frischer Milch von den eigenen Kühen auf dem Bauernhof Labora bei De Cocksdorp. Sein IJsboerderij ist Station B auf der Tasty Tour Texel. „Radeln Sie sich ein Abendessen zusammen“ ist deren Motto. Sie führt 39 km von Produzent zu Produzent, zu Käsereien, Erdbeeren und mehr zum Selberernten. Zur Schokolademanufaktur, Früchtebrotbäcker, zu Bierbrauern, Likör- und Metmachern. Zu schönen Sachen aus Schafswolle (für Lamm-Liebhaber gibt’s eine eigene Route). Und, unser Hit, zu den fangfrischen Austern und den Garnelen im Smakelijk en Meer. 

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Station M in der Inselhauptstadt Den Burg. 

Texel von oben und von Ort zu Ort
Zuerst gilt es sich eine Übersicht zu verschaffen. Also auf zum Paracentrum mit einer der drei größten Fallschirmspringschulen Europas – und eine Propellermaschine gechartert. Wir fliegen um den Leuchturm mit Blick nach Vlieland, der nächsten der Westfriesischen Inseln. 

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Gen Norden, meint unser Pilot, liegt unter uns bis zum Nordpol nur noch Wasser. Der Weststrand ist uns dann doch lieber. Kurven ums derzeitige Südende. Schauen zum nahen Festland wo in Den Helder gerade die Autofähre ablegt. Sehen viele Segelboote in der begehrten Reede von Texel. Lassen unsere Blick schweifen übers weite Wattenmeer. Und versuchen beim Landeanflug vergeblich die Schafe in den Poldern zu zählen.
Die Fähre legt südöstlich von Den Hoorn an, südwestlich geht’s ins Dünengebiet De Hors. Hübsche Fassaden schmücken das Dorf, einst von Lotsen und Walfängern bewohnt – ein Haus zeigt seit kurzem Einsichten in ihr Leben. Auch das Theaterrestaurant Klif 12 lohnt den Besuch – aber die meisten Inselgäste zieht es gleich nach Den Burg, in den Hauptort. Gerne logieren wir im Hotel de Lindeboom direkt am Kirch- und Marktplatz mit seinem altehrwürdigen wie urigen aber nicht überladenen Restaurant `t Schoutenhuys. 

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Hier am Groenenplaats treffen sich am ersten Montag im September die Schafzüchter der Insel – 
und Händler von weither, ein echtes Mäh-Erlebnis. Jeden Montag ist auch Wochenmarkt. Das schmucke Zentrum, bestückt mit Bauten unter Denkmalschutz (die„Oudheidkamer“ von 1599 führt zurück auf Zeitreise um 1900) lädt ein zum gemütlichen Schlendern und Shopping. Halb Texel lebt in Den Burg. Im Inselinnern 3 km vom Meer und dem Hafenort Oudeschild. Dazwischen liegt De Hoge Berg (ein 1500er, gemessen in Zentimetern). 

Die VOC und Schätze von Kap Skil
Der Hafen von 1790 ist ein beliebtes Touristenziel auf Texel, schon wegen der Ausflüge mit dem Krabbenkutter aufs Wattenmeer. 

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Das gefangene Meeresgetier wird auf See mit maritimen ‚Geklöns’ unter die Menschenmenge zum Pulen verteilt –mehr zur Gaudi als zum Genuss. Auf der Tour am Nachmittag sind die Seehunde auf ihren Bänken zu sehen. Die Waddenzee vor Oudenschild, geschützt vom Gibraltar des Nordens der Festung Den Helder am Festland und dem Inselfort De Schans war im 17./18. Jh. die Reede von Texel der VOC. Noch heute haben die drei Buchstaben für Holländer einen magischen Klang – die Vereinigte Ostindien Kompanie war der Stolz der niederländischen Handelsmarine. Eine große Maquette im Museum Kaap Skil zeigt sehr anschaulich das Geschehen und die Geschichte vom bedeutenden Ankerplatz. Das Museumsareal ist derart vielgestaltig angelegt und birgt zahlreiche interessante Stücke dass ein halber Tag kaum ausreicht – 
Exponate aus der VOC-Zeit mit Trouvaillen wie die Gemüse und Kräuterkiste als Garten an Bord, Unterwasserarchäologie, das Freigelände mit Mühle (Mehl zum Mittnehmen) und Handwerkerhäuschen wo Besucher alte Techniken ausprobieren können. 

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Und die Schatztruhe der Jutter wie Strandräuber, jetzt eher Strandgutsammler, genannt werden. Eine bis zur Decke auf allen Seiten und in jeder Ecke mit Utensilien unterschiedlichster Formen, Farben und sogar noch Inhalten proppenvoll gefüllte Halle. Ja, und wer sich hier nicht sattsehen kann: Nördlich von Den Burg auf dem Weg zum Weststrand wartet sogar „das größte Strandräubermuseum der Welt“, das Reich von Jan Uitgeest von Flora.

Vom Ecomare aus ins Watt wandern
Zwischen Flora und Paal 17 in die Dünenlandschaft eingebettet, begeistert das Ecomare naturverbundene Gäste von Jung bis Alt. Das Zentrum für Wattenmeer und Nordsee ist für seine Seehundeaufzuchtstation bekannt, und die Fütterung der dann doch so drollig wirkenden Tiere täglich um 11:30 und 15:30 bleibt der Publikumsmagnet. 

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Kegelrobben und Schweinswale schwimmen auch im großen Becken und in offenen Meeresaquarien leben Fische und Seesterne und Krabben. Meereslaboratorium sowie Vogelpflegestation sind ebenso Teil des Ecomare wie die Ausstellungsbereiche Texel mit dem Riemenfisch, der Walsaal, Strand und Meer. Lehrreiche Wanderwege leiten durch den Dünenpark.
3 km nördlich vom Ecomare ist schon das Zentrum vom Hauptbadeort De Koog mit dem üblichen Trubel. Stille dagegen im Polderland, wo das Bauerndorf De Waal traute Ruhe ausstrahlt wenn nicht gerade das Musikfestival Sommeltjespop steigt. Etwas lebhafter gehts im Fischerdorf Oosterend zu das jedoch vom Meer durch Deiche getrennt ist. Im Watt vor der Ostküste zeigt der „Oesterman“ den Inselgästen seine Austernbänke. Das nördlichste und jüngste Dorf (seit 1835) ist De Cocksdorp, bekannt für seine Aussicht – vom nahen Leuchtturm und vom Deich. Das Ecomare unternimmt Exkursionen ins Watt. Und beim alten Rettungsboot legt die Fähre nach Vlieland ab. Wattenhoppen heißt das hier – wen auf Texel nix mehr hält, kann von Mai bis September nach Vlieland fliehen und auf drei weitere Watteninseln übersetzten. Wir aber bleiben auf Texel und leihen uns ein Tandem.

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Fahren damit zum Einkaufen bei den Waddengoud-Produzenten. Den salzigen Seekohl eines Marc von Rijsselberghe, die Garnelen vom Fischer Dirk Albert Blom, das Weiderindfleisch im Bauernhofladen Hoogvliet zu De Waal und zum Dessert Eis aus biologischer Schafsmilch von Wilhelm Roeper. Lekker!

Lage und Anreise 
Texel, die größte und westlichste der Westfriesischen Inseln, liegt vier Kilometer vor der Küste der niederländischen Provinz Nordholland. Die Urlaubsinsel (mit 665.000 Gästen jährlich, davon 27% aus Deutschland) ist 60 Autominuten von Amsterdam entfernt – bis Köln sind es dann nicht mehr als 250 km und bis Frankfurt/Main auch nur noch 440 km. Eine Überfahrt von Den Helder nach Texel dauert 20 Minuten – Abfahrt stündlich, letzte Autofähre hin um 21:30, zurück 21:00. TESO die 100jährige inseleigene Reederei ist als Unternehmen mit sozialer Verantwortung nicht gewinnorientiert, Anteilseigner erhalten kostenlose Tickets anstatt einer Dividende, und die Fährpreise sind sehr niedrig: 2.50 € pro Person hin/zurück, Auto inkl. Passagiere  z. B. 36,50 € (Di., Mi., Do. 25,00 €) in 2014.
Info/E-Ticket: www.teso.nl mit Webcam Warteflächen (Stau), Tel. (+31)0222-369600.


Weitere Informationen bei:

Fremdenverkehrsamt
VVV Texel
Emmalaan 66
1791 AV Den Burg
Tel. +31 222-314741
 
Hotel De Lindeboom
Groeneplaats 14
1791 CC Den Burg
Tel. +31 222-312041
 
Hotel Texel
Postweg 134
1795 JS De Cocksdorp
Tel. +31 22-311237
 
Strandpavillon Paal 17
Ruyslaan 94
1796 AZ De Koog
Tel. +31 222-317614
 
De Tesselse Oestermaan
Smakelijk en Meer
Kogerstraat 29
1791 EP Den Burg
Tel. +31 222-312210
 
Kaap Skil
Heemskerckstraat 9
1792 AA Ouderschild
Tel. +31 222-314956


Text:

Christoph Merten

Fotos:

Matthias Dikert